Bologna 2020: Noch lange nicht vorbei

Nicolas Hermann und Giorgio Scherrer, Dezember 23, 2017

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Seminare umfassen weiterhin neun Punkte. Für das Latein gibt’s Credits. Der Wahlbereich wird grösser. Und die Fakultät ist dennoch nicht zufrieden. Das sind die jüngsten Entwicklungen zur Hochschulreform am Historischen Seminar.

Bologna 2020, hiess es anfangs Semester, gehe nun in die heisse Phase. Und tatsächlich: Die Hochschulreform, die bis anhin in ihrem Inhalt wie in ihrem Sinn und Zweck nebulös geblieben ist, wird nun konkreter. Letzte Woche unternahm das Historische Seminar einen wichtigen Schritt: An der Seminarkonferenz wurden die Programmraster und tabellarischen Studienpläne für das künftige Geschichtsstudium verabschiedet. Und dass dies eine heisse Angelegenheit war, zeigte sich auch in der recht aufgeheizten Diskussion an der Konferenz – und an einem Brief des Studiendekans der Philosophischen Fakultät, der eine Woche später eintrudeln sollte.

Wie viele Punkte braucht ein Seminar?

Doch der Reihe nach. Der grosse Streitpunkt an der Konferenz war: Sollten Bachelorseminare in Zukunft nur noch sechs statt wie bisher neun ECTS-Punkte geben? Sechs, fanden viele ProfessorInnen, da so mehr Platz für zusätzliche Veranstaltungen generiert würde. Neun, war die geschlossene Meinung der unteren Schichten: Der Mittelbau befürchtete, nach der Reduktion noch mehr Lehrveranstaltungen stemmen zu müssen als ohnehin schon, und die Studierenden fanden, dass sechs Punkte dem Arbeitsaufwand nicht gerecht würden und mit der Reduktion genau diejenigen Studierenden benachteiligt würden, die mehr als das Minimum leisten wollen.

Nach einer langen Diskussion – auch darüber, ob offen abgestimmt werden solle oder nicht – wurde in einer geheimen Abstimmung beschlossen: Es soll bei den neun Punkten bleiben. Mit 13 zu 8 Stimmen bei einer Enthaltung war das Resultat sogar nicht einmal so knapp.

Es ist unklar, wie stark die Stimmberechtigten – mehrheitlich Professorinnen – dabei die Petition von VertreterInnen des Fachvereins und des Mittelbaus in ihre Entscheidung einbezogen. Die fast 300 Unterschriften für die Beibehaltung der neun Punkte, die vor der Seminarkonferenz in gut einer Woche zusammenkamen, waren aber sicherlich ein starkes Signal.

Grosse Einigkeit

Eine solch kontroverse Diskussion zwischen Studierenden, Mittelbau und LehrstuhlinhaberInnen ist aber eigentlich nicht typisch für die Umsetzung der Bologna 2020-Reform am Historischen Seminar. «Im Grossen und Ganzen ist das HS bei der Umsetzung von Bologna 2020 sonst eine Einheit, und die Diskussion zeigt auch, dass die Anliegen der Studierenden ernstgenommen werden», sagt etwa Lorine Pally vom Fachverein, die an der Seminarkonferenz dabei war. Die Punktefrage bei Seminaren war denn auch nur einer von vielen Änderungsvorschlägen, welche der Programmausschuss der Seminarkonferenz vorlegte. Und all diese anderen Anträge wurden in grossem Einvernehmen angenommen. So findet auch Monika Dommann, Programmdirektorin und Leiterin des Programmausschusses: «Die Punktefrage war der einzige Streitpunkt. Ich bin stolz darauf, dass das Historische Seminar im Gegensatz zu anderen Instituten wegen Bologna 2020 nicht zerstritten ist. Wir fanden überall Lösungen, die von allen getragen werden.»

Die jetzige Phase ist also vor allem auch darum heiss, weil sich viel verändern wird – und nicht weil man sich in einem Punkt nicht einig war.

Das wird neu:

Die meisten der bisher beschlossenen Neuerungen betreffen die Bachelorstufe. Im Master soll der Studienaufbau weitgehend gleich bleiben. Nur die Haupt- und Nebenfachkombination von 75 und 45 ECTS-Punkten wird wie in der gesamten Fakultät nicht mehr möglich sein, was aber schon länger bekannt ist. Neu wird sein, dass auch BA-Nebenfachstudis ohne Auflage zum MA-Hauptfach wechseln können und dass es künftig drei Masterstudiengänge gibt: neben Geschichte und Wirtschaftsgeschichte auch das Programm «History of the Contemporary World».

Auf Bachelor-Stufe ändert sich mehr: Geschichte ist schon jetzt wie die anderen Fächer der Philosophischen Fakultät nur noch als 120er-Hauptfach oder 60er-Nebenfach wählbar. Künftig soll zudem als Hauptfach nur noch allgemeine Geschichte angeboten werden – der Studiengang osteuropäische Geschichte fällt also weg. Als spezialisiertes Nebenfach wird es ausserdem nur noch Geschichte der Neuzeit geben, Osteuropäische Geschichte, Alte Geschichte und Geschichte des Mittelalters hingegen nicht mehr. Dies steht allerdings alles schon länger fest, während die Seminarkonferenz letzte Woche noch die folgenden zusätzlichen Neuerungen verabschiedet hat:

  1. Das Basisstudium wird neu «Studieneingangsphase» heissen und über zwei Semester 30 ECTS-Punkte geben. Dazu wird neben den bisherigen Proseminaren neu auch eine Einführungsvorlesung gehören, die von ProfessorInnen gehalten wird und den Einstieg ins Fach erleichtern soll. Ebenso zur Studieneingangsphase gehört das Latein.
  2. Das Absolvieren des Lateins wird künftig mit sechs Credits belohnt und muss während der Eingangsphase stattfinden. Der Umfang des Stoffes wird bedeutend kleiner sein als bisher und die Lateinkurse auf die Bedürfnisse von HistorikerInnen zugeschnitten. Wer das Latein schon im Gymnasium abgeschlossen hat, muss andere Sprachkurse belegen.
  3. Die mündliche Prüfung, die bis anhin den Abschluss der Basisstufe markierte, wird neu Teil des Aufbaustudiums. Sie kann also neu in jedem Bachelor-Semester abgelegt werden.
  4. Das erst 2013 für das 120er-Hauptfach eingeführte Methoden- und Theorieseminar wird nicht mehr obligatorisch sein, wodurch der Bachelor nur noch aus drei Seminaren besteht. Im neuen Wahlbereich sollen aber äquivalente Kurse angeboten werden.
  5. Im Hauptfach soll es einen grossen Wahlbereich von mindestens 12 Punkten geben. Dieser muss – anders als im bald abgeschafften Studium Generale – mit HS-internen Veranstaltungen gefüllt werden, also Kolloquien, Vorlesungen oder einem zusätzlichen Seminar. Zudem ist die Anrechnung eines Praktikums weiter mäglich. Und es soll jedes Semester eine «Schreibwerkstatt» angeboten werden, deren genaue Form noch unklar ist.
  6. Die Seminartitel werden vereinheitlicht, sodass im Leistungsnachweis statt spezifischer Seminartitel künftig allgemeinere Modultitel wie etwa «Mittelalter» stehen.
  7. Die Bachelorarbeit soll neu 15 statt 12 Punkte umfassen.

Bei diesen Änderungen, die ab Herbst 2019 gelten sollen, sind viele Details noch ungeklärt. In deren Erarbeitung – etwa der Frage nach dem inhaltlichen Profil bestimmter Veranstaltungstypen – ist studentische Mitarbeit weiter nötig und erwünscht. Was letzte Woche verabschiedet wurde, sei das Grundgerüst, an dem sich insgesamt wohl nicht mehr viel ändern werde, so Monika Dommann. «Das Haus steht, gewisse Wände können sich aber noch verschieben».

Die Fakultät macht Druck

Anderer Meinung scheint da Daniel Müller Nielaba, Studiendekan der Philosophischen Fakultät, zu sein. In einem Brief, der diesen Donnerstag (nach den Gesprächen des etü mit den Beteiligten) unangekündigt beim Programmausschuss des Historischen Seminars eintraf, drückt er seinen Unmut mit dem Reformprozess aus. Damit scheinen sich seit Anfang Woche kursierende Gerüchte zu bestätigen, gemäss denen dem Studiendekan die Reformen am Geschichtsstudium (denen die erweiterte Unileitung noch zustimmen muss) zu wenig weit gehen. Bemerkenswert ist dabei, dass der Brief nicht nur an das enge Projektteam am Historischen Seminar, sondern an alle Mitglieder des Programmausschusses (gut 14 Leute) sowie den Dekan der Fakultät gesendet wurde. Müller Nielaba scheint Druck aufsetzen zu wollen.

Beim Historischen Seminar findet man den Alarmismus des Briefs «sehr befremdend», reagiert aber sonst mit Gelassenheit und Zuversicht in Hinblick auf die weiteren Reformschritte. Der Seminarvorstand hat auf den Brief denn auch umgehend geantwortet und damit Einigkeit mit den Programmverantwortlichen demonstriert.

Sicher ist also: Die heisse Phase der aktuellen Bolognareform ist mit den Entschlüssen von letzter Woche und der Beibehaltung der Neun-Punkte-Seminare noch lange nicht vorbei. Sie hat womöglich eben erst so richtig begonnen. Und wir vom etü bleiben natürlich dran.


Quelle Titelbild: Wikimedia Commons

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