Vom Vatikanischen Geheimarchiv ins Verteidigungsdepartement: Daniel Büchel forschte nach dem Geschichtsstudium zur Machtpolitik der Papstfamilien im 17. Jahrhundert, bevor er in der Bundesverwaltung Karriere machte. Heute ist er Generalsekretär des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Im Gespräch mit dem etü erzählt er, warum sein Weg alles andere als geplant war und was die Entscheidungsfindung im politischen Prozess mit dem Schreiben von Seminararbeiten gemeinsam hat.
Daniel Büchel: Nein, das hätte ich nie erwartet! Nach dem Studium forschte ich erst zu Papstfamilien im 17. Jahrhundert. Es war eine fantastische Zeit. Irgendwann wurde mir dieses selbständige Arbeiten aber zu einsam. Weil ich auch VWL studiert hatte, dachte ich an einen Job in der Wirtschaft. Auch da kann man Historikerinnen und Historiker gebrauchen! Bei mir hat das jedoch nicht auf Anhieb geklappt. Die Stelle bei der CVP habe ich angenommen, weil ich dachte, als Mitarbeiter für Wirtschafts- und Finanzpolitik eher einen Draht in die Wirtschaft zu bekommen. Diesen erhielt ich dann aber in einem anderen Bereich. Ich kam in Kontakt mit Bundesrat und Wirtschaftsminister Joseph Deiss, weil ich für die Themen seines Departements zuständig war. Das war ein grosses Glück. Nach nicht einmal einem Jahr bei der CVP hat er mich angefragt, ob ich nicht sein persönlicher Mitarbeiter werden möchte. Das ist ein Traumjob für jede politisch interessierte Person. Man ist enorm nah am Geschehen. Ich arbeitete unter anderem in einem kleinen Team, um die Bundesratssitzungen vorzubereiten. Dabei hatte ich die Wahl zwischen den Dossiers für die Sozialwerke oder für die Energiepolitik. Weil die Sozialwerke so weitläufig sind, habe ich mich fast aus Faulheit für die Energiepolitik entschieden. Das habe ich aber mit viel Begeisterung gemacht. In dieser Funktion stand ich in regem Kontakt zum Bundesamt für Energie (BFE). Als dort eine interessante Stelle frei wurde, habe ich mich einfach mal beworben. Die Entscheidung für die Energiepolitik hat sich im Nachhinein also auch als Glücksgriff erwiesen. Man sollte im Leben nicht alles planen. Gerade für Historikerinnen und Historiker gibt es keinen vorgespurten, klaren Weg. Vielleicht kann man sich gewisse Ziele setzen. Vor allem aber muss man aufmerksam sein für offene Türen, mit denen man nicht gerechnet hätte.
Über Forschende ist oftmals die Meinung verbreitet, dass sie in einem Elfenbeinturm lebten und den Bezug zur realen Welt verloren hätten. Das stimmt aber nicht. Wichtig ist einfach, dass man anhand anderer Tätigkeiten, beispielsweise in Vereinen, aufzeigen kann, praktisch und pragmatisch agieren zu können.
Ja, das gibt es! Beispielsweise beim Staatssekretariat für Sicherheitspolitik oder beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Historikerinnen und Historiker bringen ein besonders vertieftes Verständnis für Politik mit. Wir vergleichen die Politik mit der Vergangenheit und können das Ganze aus einer Makroperspektive und mit einigem Abstand betrachten. Da haben wir der Politikwissenschaft einiges voraus.
Ich kann es nicht besser. Von aussen kann es als Nachteil gesehen werden, dass man nicht das gleiche Fachwissen mitbringt. Als ich neu ins BFE kam, hatte ich tatsächlich ein mulmiges Gefühl, ob ich als Historiker bei den Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern nicht einen schweren Stand haben würde. Aber das Gegenteil war der Fall! Ich habe meinen Mitarbeitenden nicht das Gefühl gegeben, dass ich im technischen Bereich alles besser wisse, sondern dass sie die Fachpersonen sind. Meine Aufgabe war es, das Entwickelte zu verstehen, zu hinterfragen, zu plausibilisieren und dann politisch einzuschätzen. Diese Arbeitsteilung wurde sehr positiv aufgenommen. Als Führungsperson beim Bund muss man nicht Spezialist sein, sondern braucht vor allem ein grosses politisches Verständnis. Das habe ich mir im Studium angeeignet. Ich habe die politischen Strategien der Papstfamilien beim Aufstieg in den römischen Hochadel untersucht – gewissermassen eine Analyse an einem historischen «toten Körper». Heute betrachte ich diese Mechanismen am lebendigen Objekt. Viele Muster und Verhaltensweisen funktionieren noch genau gleich.
Nein, das habe ich mir später mit Weiterbildungen angeeignet. Aber auch da konnte ich von der Geschichte profitieren. Als Historiker bin ich es gewohnt, genau zu beobachten. Ich habe also auch in meinem Beruf versucht, Fehler, die ich bei anderen beobachtet habe, nicht zu wiederholen und das Gute zu kopieren.
Wenn man sich bewirbt, dann muss man den Leuten plausibel machen, warum man für die Stelle geeignet ist. Sich mit Politikgeschichte beschäftigt zu haben, kann im Fall einer Bewerbung für ein politisches Stellenprofil durchaus ein Vorteil sein. Wichtig sind aber vor allem die erlernten Methoden. Ein weiteres Beispiel: Im Studium wurde uns sehr bewusst gemacht, dass wir als Historikerinnen und Historiker standpunktgebunden sind. Wir interpretieren die Vergangenheit immer aus der heutigen Problemsicht. Eine vollständige Objektivität gibt es nicht. Wir versuchen natürlich, dahin zu gelangen, «sine ira et studio» (ohne Zorn und Voreingenommenheit). Das werden wir aber nie vollständig erreichen. Wir müssen uns bewusst machen, wie wir selbst geprägt sind und wo wir einen blinden Fleck haben könnten. Diese analytische Distanz zur eigenen Sichtweise und das Verständnis, woher die anderen kommen, hilft enorm bei der politischen Arbeit. So kann man den Lösungsspielraum einschätzen und Resultate erarbeiten. Die Distanz ist darüber hinaus in anspruchsvollen Positionen sehr wertvoll. Das Bewusstsein dafür, dass heute Wichtiges in zehn Jahren nicht mehr den gleichen Stellenwert haben wird, verleiht Gelassenheit. Natürlich muss man nach Lösungen suchen. Aber man darf daran nicht verzweifeln.
Das stimmt. Im politischen Prozess ist aber auch das Differenzieren wichtig. Hier kann ich als Historiker meine Stärken voll ausspielen. Besonders in der Schweiz, wo die Konsultationsphase für ein neues Gesetz lange dauert. Wie Sie sagen, muss die Exekutive am Ende aber zur Entscheidung kommen. Für die Mitarbeitenden ist es viel angenehmer, wenn man eine klare Linie verfolgt. Hier wieder der Link zu unserem Studium: Auch bei einer Seminararbeit muss man sich irgendwann für eine Interpretation entscheiden und den eigenen Ansatz entschieden verfolgen. Ich persönlich war für meine Forschung unter anderem im Vatikanischen Geheimarchiv, welches einen enorm grossen Bestand führt. Daraus habe ich sehr viel gelernt: Den Mut zur Lücke und zur eigenen Meinung. Eine gute Historikerin oder ein guter Historiker kann Entscheidungen treffen!
Ich persönlich war zwar nicht ausserordentlich pazifistisch geprägt, aber ich habe mich auch nicht in erster Linie für das Militärdepartement interessiert. Heute muss ich sagen, dass es für mich kein spannenderes Departement gibt. In der Sicherheitspolitik läuft aktuell sehr viel und wir müssen eine klare Linie verfolgen. Das ist enorm spannend. In den 90er-Jahren war das Geschichtsstudium sehr von französischen strukturalistischen Sichtweisen wie der histoire des structures und der histoire de la longue durée geprägt. Studien über einzelne Menschen in der Geschichte waren da völlig out. Vor diesem Hintergrund spielte eine dem Realismus zugewandte Sicherheitspolitik keine grosse Rolle. Heute sind wir etwas zurückgerudert und sehen, dass die Person an der Spitze die Ereignisse stark prägen kann.
Die internationalistische Sichtweise hat uns sicher geprägt. Auch mich hat im Studium das Allgemeine oder Europäische mehr interessiert. Und wir haben uns mehr als Weltbürger oder Europäer gefühlt, als man das heute tut. Das Nationale hat wieder an Bedeutung gewonnen. In der Schweiz sind wir da manchmal etwas blauäugig. Politik ist immer Interessenspolitik. Und diese Interessen sind gegenläufig. Schlussendlich schaut jedes Land für sich selbst. Ich denke, die Bürgerinnen und Bürger erwarten auch von uns, dass wir ihre Interessen vertreten. Das hat sich im Brexit mit dem Slogan «take back control» gezeigt. Darüber hinaus sehe ich das Nationale nicht rein negativ. Je grösser das Gebilde, desto schwieriger lässt es sich beeinflussen. Für uns als Exportnation liegt es jedoch auch im eigenen Interesse, dass es allen auf der Welt gut geht. Die Geschichte zeigt, dass eine merkantilistische Politik nicht zielführend ist und unser eigener Wohlstand von dem anderer abhängt.
Die Stabilität in der Verwaltung ist sicher gross. Mit einer normalen Anstellung kann man nicht einfach auf die Strasse gestellt werden. Aber das heisst nicht, dass es gemütlich ist. Gerade heute hat mir ein ehemaliger Mitarbeiter erzählt, wie viel gemütlicher er es jetzt in der Privatwirtschaft habe. Wenn man in der Verwaltung zu einem politisch aktuellen Thema arbeitet, ist der Rhythmus hoch. Wegen der Energiewende war das etwa im Bundesamt für Energie stark der Fall. Heute im VBS haben wir angesichts der verschlechterten Sicherheitslage auch ein enormes Tempo. In der Verwaltung nehme ich eine starke intrinsische Motivation wahr. Für das Wohl der Schweiz oder für eine möglichst hohe Dividende zu arbeiten, ist nicht das gleiche. Viele nehmen da auch gerne einen tieferen Lohn in Kauf. Der schlechte Ruf der Verwaltung ist dem System geschuldet. Die Entscheidungsfindung ist enorm komplex. Während der CEO eines Unternehmens eine klare Richtung vorgeben kann, muss die Verwaltung, also auch ich in meiner Funktion, alle Perspektiven miteinbeziehen. Entscheidungen werden vom Bundesrat, dem Parlament oder dem Volk oft komplett über Bord geworfen. Da besteht die Gefahr, dass Mitarbeitende, die sehr motiviert angefangen haben, ins Gemütliche zurückfallen. Das liegt aber am System und nicht an den Menschen.
Meine Auslandsaufenthalte in Freiburg im Breisgau und Italien haben mich nachhaltig beeinflusst. In Rom kann man nicht erwarten, dass der Bus immer pünktlich kommt. Daran musste ich mich gewöhnen. Sich zu ärgern, das bringt nichts. Ich habe diesen Lebensstil geliebt und gleichzeitig die Schweizer Werte zu schätzen gelernt. Auch in der Geschichte unternimmt man solche Reisen, bei denen man etwas über die eigene Situation und die Gegenwart lernen kann. Nur reist man in eine andere Zeit statt einen anderen Raum.
Ich würde wieder Geschichte studieren. Das war ein guter Entscheid. Klar, bei meinem Weg war viel Glück dabei. Auch das braucht es. Mir hat das Studium aber sehr viel mitgegeben.
Machen Sie das, was sie begeistert. Schauen Sie nicht zu sehr darauf, was sie später daraus machen könnten. Wenn Sie in Ihrem Bereich zu den Besten gehören, auch wenn dieser Bereich noch so klein ist, dann werden Sie immer eine spannende berufliche Perspektive haben.
Zur Person:
Daniel Büchel (*1971) studierte Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaft an der Universität Fribourg. Nach seiner Forschungstätigkeit wurde er persönlicher Mitarbeiter der Bundesrät:innen Deiss und Leuthard und übernahm später die Funktion des Vizedirektors vom Bundesamt für Energie (BFE). Heute arbeitet er als Generalsekretär des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS).