«Wie war das für dich damals mit dem Frauenstimmrecht?»

Erster Frauenstimmtag im Kanton Zürich, 11.04.1964 (ETH-Bildarchiv Zürich, Foto: Jules Vogt, Com_M13-0107-0001-0003, CC BY-SA 4.0)

1971: Endlich Frauenstimmrecht! Oder? Die etü-Redaktion fragte für die letzte Ausgabe bei Grossmüttern, Grossvätern, Eltern und Bekannten nach, wie sie die Abstimmung erlebt haben. Und war überrascht: Was wir dieses Jahr als eine der wichtigsten Errungenschaften des letzten Jahrhunderts feiern, wurde damals von vielen ganz und gar nicht als historisches Ereignis wahrgenommen.

«Die waren der Meinung, alles wird rot»
Margrit (*1928), Herzogenbuchsee

Aufgezeichnet von Mira Imhof

Ich engagierte mich nicht besonders, in einem Frauenverein des Dorfes oder so. Da waren vor allem meine Schwägerinnen aktiv und ich wollte denen nicht in die Quere kommen. In den Augen der Familie meines Mannes war ich links und das kam nicht gerade gut an. Für meinen Vater war hingegen sonnenklar, dass die Frauen endlich stimmen können sollen. Wieso ausgerechnet die Frauen nicht?

Aber eben, die Familie meines Mannes sah das anders. Einmal waren wir dort eingeladen zum Kaffeetrinken, dein Grossvater und ich. Wir waren damals noch nicht lange zusammen. Irgendwann, als es darum ging, ob die Frauen das Stimmrecht haben sollten, sagte ich: «Das ist doch klar, es ist ja höchste Zeit!» Da merkte ich, wie es plötzlich still wurde, wie auch meine kaffeetrinkenden Schwägerinnen und die Schwiegermutter in ein betretenes Schweigen verfielen. Da verstand ich, dass ich nicht so zu referieren brauchte, dass die gar nicht meiner Meinung waren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer gedacht, das sei auch für sie selbstverständlich. Und ab da habe ich mich stillgehalten.

Die Leute dieser Familie waren einfach der Meinung, dass alles rot werde, sobald die Frauen stimmen gingen. Dass die Linken übernehmen würden. Mein Mann stand dem Frauenstimmrecht auch eher ablehnend gegenüber. Er äusserte sich nicht weiter dazu, das interessierte ihn eigentlich nicht. Als ich mich doch einmal politisch für ein Frauenanliegen engagieren wollte, da hat er klar gesagt, dass er das nicht will. Aber als ich dann endlich stimmen konnte, habe ich das getan. Und er hat es akzeptiert.

Illustration: Michèle Bischoff

«Wir dachten nie, dass das nötig sei…»
Martin (*1933), Rümlang

Aufgezeichnet von Christina Nanz

Es war überraschend für mich, dass die Frauen das jetzt wollten. Im privaten Kreis dachten wir nie, dass es nötig sei, das Frauenstimmrecht einzuführen. Vor allem die Überlegung, die Frauen würden ungerecht behandelt und hätten zu wenig Macht – da war ich wie vor den Kopf gestossen. Weil die Männer, die das Stimm- und Wahlrecht hatten, das nicht als Machtausübung oder als Frage der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit angesehen haben. Also ich wenigstens. Ich habe es so aufgefasst, dass es die Pflicht der Männer ist, das öffentliche Leben zu organisieren. Die Frauen hatten eher die Hintergrundpflichten. Gerade Frauen, die schnell in das öffentliche Leben treten wollten, konnten die Kinder dann nicht mehr so umsorgen und erziehen wie früher. Meiner Meinung nach hat eine gewisse Nivellierung des Familienlebens stattgefunden. Später, als gewisse Kantone die Frauen immer noch nicht haben stimmen lassen, wurde es natürlich schon eine Frage der Gerechtigkeit. Ich weiss nicht mehr, was ich gestimmt habe, aber wohl kaum dagegen. Im Nachhinein sieht man ja, wie gut das rausgekommen ist.

… Jetzt ist es natürlich sonnenklar»
Ursula (*1930), Rümlang

Das ist auch, was mich so beschäftigt hat, als das aufgekommen ist mit dem Frauenstimmrecht. Ich bin eine ziemlich apolitische Frau, und damals genau aus dem Grund, weil die Kinder noch klein waren und ich ganz für sie da sein wollte. Ich dachte: Gut, die Frauen, die das machen wollen, sollen das ruhig machen. Ich habe mich nicht dagegen gesträubt. Ich war jedoch nicht bereit, meine Kraft da einzusetzen. Und ich glaube damals hat es sich für uns gelohnt, dass unsere beiden Buben in einer guten Atmosphäre, in einem geregelten Haushalt waren. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir Frauen zu kurz kommen. Ich hielt das, was ich machte für vollwertig. Ich war in meiner kleinen, glücklichen Welt in Niederglatt, auf dem Bauerndorf in dieser Abgeschiedenheit. Jetzt ist es natürlich sonnenklar und ich bin froh um diese Durchmischung – dass nicht nur die Männer das Sagen haben.

Illustration: Michèle Bischoff

«Das ging völlig an mir vorbei»
Gabriela (*1952), Kilchberg

Aufgezeichnet von Leonie Rohner

An dieses Ereignis kann ich mich gar nicht erinnern, das ging völlig an mir vorbei. Ich hatte zu dieser Zeit gerade meine Lehre abgeschlossen und war auf Stellensuche – war also mit viel anderem beschäftigt. Solche Themen waren aber auch in der Schule nie ein Thema gewesen. Wir wohnten auf dem Land, wo das sowieso nicht so präsent war. Es lag aber auch daran, dass meine Mutter nicht politisch war. Sie hatte gar keine Zeit, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Sie arbeitete sechs Tage in der Woche und zuhause machte sie den Haushalt. Von meinem Vater war sie geschieden, seit ich neun Jahre alt war. So konnte es keine Gespräche zwischen den Eltern geben, die sich um solche Sachen gedreht hätten. Auch über Medien erfuhren wir nicht, was vor sich ging: Wir hatten weder ein Radio noch Zeitungen zuhause. Woher sollten diese Informationen überhaupt kommen? Als wir dann das Stimmrecht hatten, habe ich schon abgestimmt, aber anfangs nicht regelmässig. Erst später, unter anderem durch Gespräche mit deinem Vater, fing ich an, mich politisch zu engagieren.

Illustration: Michèle Bischoff