Gewehre, Knochen und Teetisch im Gepäck

Vivienne von Wattenwyl verlor mit neun Jahren ihre Mutter und wuchs im südenglischen Ascot in einem Internat auf. Ihr 1927 veröffentlichter Reisebericht «Out of the Blue» fand auch bei Ernest Hemingway Anerkennung. Bild: NMBE

Fast zwei Jahre lang reisten Vivienne und Bernard von Wattenwyl durch Zentral- und Ostafrika. Im Auftrag des Naturhistorischen Museums Bern schossen sie auf Elefanten, Antilopen und Leoparden. Wie sehr sie dabei auf die Hilfe afrikanischer Guides angewiesen waren, wird bis heute kaum thematisiert.

Die Safari, auf die Bernard und Vivienne von Wattenwyl im Juni 1923 aufbrachen, war vor allem durch eines geprägt: lange Fussmärsche. Über 3000 Kilometer legte das schweizerisch-britische Vater-Tochter Gespann zu Fuss zurück – mit ihnen unterwegs circa 30 angeheuerte Männer aus Kenia. Die Karawane lief von Nairobi bis an den Indischen Ozean nach Mombasa und wieder zurück Richtung Westen bis an den Edward-See in Uganda. Dort wurde Bernard im Oktober 1924 bei der Jagd auf einen Löwen schwer verletzt und starb kurz darauf. Das romantisch verklärte Bild der von Wattenwyls auf ihren «einsamen
Wanderungen durch die Weite der afrikanischen Savannen» – so die Worte des aktuellen Leiters der Wissenschaften am Naturhistorischen Museum Bern – ist fester Bestandteil der Erinnerung an deren
Jagdexpedition.

Die Tatsache, dass es im Kenia der 1920er-Jahre bereits völlig veraltet war, zu Fuss auf Grosswildjagd zu gehen, scheint dabei zweitrangig zu sein – womöglich auch, da sie nicht in die wirkmächtige Vorstellung eines zurückgebliebenen afrikanischen Kontinents passt. In ihrem Reisebericht Out in the blue, den die in Südengland aufgewachsene Vivienne drei Jahre nach der Reise veröffentlichte, erfährt man, dass der Verzicht auf ein Automobil allein ihrem knappen Budget geschuldet war. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb schwärmt sie: «Trekking was a good deal more romantic than travelling by motor car.»

Mutige Alleingänger:innen?

Weniger romantisch waren die langen Fussmärsche für die angeheuerten Träger, die den gesamten Hausrat der von Wattenwyls, von Konservenbüchsen, Kopfkissen und Liegestühlen bis hin zu Zigaretten und einem Tisch für die tea time, Zelte, Gewehre sowie die getrockneten Häute und Knochen der erlegten Tiere in Kisten trugen. Auch ein Koch, mehrere «Häuter», Spurenleser, Gewehrträger und ein Dolmetscher begleiteten die beiden Europäer:innen auf ihrer Reise. Männer wie sie sind in der öffentlichen Erinnerung an koloniale Safaris bis heute mehr oder weniger abwesend. Stattdessen dominiert das Bild des weissen Grosswildjägers als mutiger Alleingänger. Geprägt wurde dieses insbesondere durch Fotografien, auf denen sich die Jäger stolz neben erlegten Büffeln und Antilopen ablichten liessen.

Begriffserklärung:
«Weiss» wird in diesem Artikel kursiv geschrieben, um die Konstruktion des Begriffs hervorzuheben. Er verweist nicht auf eine biologische Eigenschaft, sondern vielmehr auf die politische und soziale Machtposition weisser Menschen.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus sind kolonisierte Menschen vermehrt als Opfer der ausbeuterischen Strukturen der Grosswildjagd anerkannt worden. Geht es um die Jagd, werden sie höchstens als «Helfer» oder «Begleiter» erwähnt. Ein Blick in Vivienne von Wattenwyls Reisebericht zeigt jedoch, dass sich auch eine andere Geschichte erzählen lässt. In dieser ist es nicht das Geschick der von Wattenwyls, sondern das Knowhow und die Erfahrung lokaler Guides und Gewehrträger, die den Jagderfolg sicherten. Viele der wichtigen Entscheidungen auf der Pirsch wurden offenbar nicht von Bernard oder Vivienne, sondern von ebenjenen «Helfern» getroffen. In dieser Geschichte reicht es nicht, die kenianischen Männer als blosse Opfer der kolonialen Strukturen zu bezeichnen. Sie erscheinen vielmehr als die eigentlichen Akteure der Jagd, die sie nutzten, um eigene Interessen zu verfolgen und sich zu behaupten. Die von Wattenwyls hingegen rücken dabei zunehmend in den Hintergrund und werden zu unscheinbaren Nebenfiguren.

Zwei Träger halten einen toten Leoparden. Bild: NMBE / Vivienne von Wattenwyl

Wissen ist Macht

Wie sehr die von Wattenwyls für ihren Jagderfolg auf einheimisches Wissen angewiesen waren, wird im Reisbericht beinahe auf jeder zweiten oder dritten Seite greifbar. Beim Aufschlagen des Zeltlagers wurden die Europäer:innen meist von lokalen Chiefs und Herrschern aufgesucht, die ihnen wichtige Hinweise zum Jagdterrain und Wild gaben. Den Transaktionscharakter dieser Austausche verschleiert die Autorin meist und betont stattdessen die selbstlose Freundlichkeit der Einheimischen. Bezahlungen werden höchstens als gönnerhaftes Trinkgeld erwähnt. So auch in einer Anekdote in Belgisch-Kongo, in der ein afrikanischer Soldat den von Wattenwyls damit drohte, sie als belgische Wilderer zu verhaften. Bernard rettete die
Lage:

«We remarked how splendid it was to see the country so well policed, and after satisfying him that we were anything but Birigeegees (Belgians) and learning some useful tips about the lie of the country and the game therein, B. presented him with a little baksheesh, and he clicked his heels and went away delighted.»

Aus dem Reisebericht von Vivienne von Wattenwyl

Ein paar plumpe Schmeicheleien ihres Vaters reichen in Viviennes Darstellung aus, um den Soldaten zu besänftigten und ihm dazu noch einige nützliche Informationen für die Jagd zu entlocken. Während der Soldat in seiner naiven Genügsamkeit beinahe kindlich dargestellt wird, erscheint Bernard als geschickter Redner, der dank seines Charmes problemlos an einheimisches Wissen gelangte. Es ist naheliegend, dass nicht Bernards Redekunst, sondern das «Trinkgeld» den Soldaten dazu bewogen hat, sein Wissen mit den weissen Jäger:innen zu teilen. Möglicherweise hatte er von Anfang an erkannt, dass sie keine Wilderer waren und setzte seine Drohung nur strategisch ein. Heute ist bekannt, dass lokale Gemeinschaften die Unerfahrenheit europäischer Grosswildjäger:innen aus nutzten, um eigene Ziele zu verfolgen, sei es, um Geld zu erhalten oder um eigene Jagdinteressen zu schützen. So verkündete etwa ein lokaler Chief in einer kleinen Siedlung in Uganda den von Wattenwyls bei ihrer Ankunft, «that this was the Game Reserve, and that no shooting was allowed.» Die lokale Gemeinschaft stützte sich offenbar auf koloniale Naturschutzgesetze, um Europäer:innen von der Jagd abzuhalten, umging diese jedoch selbst. Das bezeugt Viviennes Kommentar über die Jagdfallen, die um die Siedlung herum unauffällig im Boden eingelassen waren.

Auf der Pirsch

Auch auf der Jagd selbst waren die von Wattenwyls vom Wissen der angeheuerten Guides, Fährtenleser und Gewehrträger abhängig. Dass dieses Wissen überlebenswichtig sein konnte, zeigt eine Stelle im Reisebericht, in der ein Gewehrträger namens Kongoni Bernard warnt, als sich dieser einer angeschossenen Giraffe nähern will: «Kongoni averred that it was well known that a giraffe, wounded and unable to get away, would strike with his neck.» Dass diese Information den von Wattenwyls offensichtlich nicht wohl bekannt war, offenbart eine unerwartete Hierarchie, die auf den Fotografien der stolz posierenden Grosswildjäger unsichtbar bleibt.

Offenbar spielten die Europäer:innen aufgrund ihrer Wissenslücken während der Pirsch oftmals eine untergeordnete Rolle. Das Gewehr bekam Bernard meist erst kurz vor dem Abschuss von Kongoni in die Hand gedrückt. Für das Aufspüren des Wilds wurden regelmässig einheimische Guides angeheuert, wie etwa bei der Jagd auf einen besonders grossen Elefantenbullen in Meru im Nordosten Kenias. Trotz des Renommees des Guides Maithia verlief sich die Gruppe im Dschungel und die Pirsch wurde zum «unending nightmare of walking on and on under the reeling heat». Das Schlimmste waren für Vivienne jedoch die lautstarken Diskussionen der afrikanischen Männer «from which nothing resulted but aimless wanderings.» Die abwertende Bemerkung über deren vermeintliche Orientierungslosigkeit und nutzlosen Beratungen liest sich als Reaktion auf Viviennes eigene Handlungsunfähigkeit während der Jagd. Den von Wattenwyls blieb offenbar nichts anderes übrig, als den Männern zu folgen und deren Besprechungen auf Swahili abzuwarten.

Es ist kein Zufall, dass besonders jene Passagen, in denen die Hilflosigkeit der jungen Autorin besonders klar zu Tage tritt, von rassistischen Abwertungen durchzogen sind. So hält Vivienne in einer ähnlichen Episode über eine Löwenjagd fest, dass das «hysterische Gebrabbel» («hysterical jabbering») der Männer so oder so jeden Löwen verscheucht hätte. Die hohe Erfolgsquote der zahlreichen Jagdschilderungen im Bericht zeugt jedoch eher vom Gegenteil: Die Beratungen zwischen den Guides, Gewehrträgern und Fährtenlesern scheinen produktive Austausche gewesen zu sein.

Ein Gewehrträger posiert neben einer erlegten Schwarzfersenantilope. Im Gegensatz zu den bekannten Fotografien von Bernard von Wattenwyl sind solche Abbildungen kaum verbreitet worden. Bild: NMBE

Minderwertigkeitskomplexe

Als junge Frau ohne Schusserfahrung kämpfte Vivienne von Wattenwyl während der gesamten Expedition mit starken Selbstzweifeln. Auch noch in den 1920er-Jahren war es europäischen Frauen in erster Linie nur als Begleiterinnen ihrer Ehemänner oder Väter vergönnt, an Jagdexpeditionen in den Kolonien teilzunehmen. Über die ersten Wochen der Safari, in denen sie sich auf das Schiessen von Fotos beschränkte, hält die Autorin fest: «I couldn’t even shoot, and for all the use I was, I might as well have stayed behind.» Vivienne von Wattenwyls Entscheidung, die Safari nach dem Tod ihres Vaters fortzuführen, war ungewöhnlich. Das zeigt bereits der Umstand, dass ihr im ugandischen Kampala der Zugriff auf Bernards Konto verwehrt wurde. Nichtsdestotrotz verzichtete sie aus Sorge, aufgehalten zu werden, auf ein Telegramm an das Naturhistorische Museum in Bern. Auch wenn das Museum ihren Entscheid letztlich guthiess, war ihre Sorge nicht unberechtigt. So erhielt der Direktor des Berner Museums, kurz nachdem Bernard von Wattenwyls Todesanzeige am 8. November 1924 in den Berner Zeitungen publiziert wurde, den Brief eines Walter Vogel, «der eine Hülfsexpedition ausrüsten
will zur Rettung von Frl. v. Wattenwyl».

Altes System korrumpiert

Die Macht, die Männern wie Maithia oder Kongoni aufgrund ihres Wissensvorsprungs zukam, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bedingungen und Arbeitsteilung auf kolonialen Safaris ausbeuterisch und unterdrückerisch waren. Erst sehr spät im Reisebericht wird Leser:innen klar, dass Bernard und später auch Vivienne die angeheuerten Männer – insbesondere die am tiefsten gestellten Träger – regelmässig mit Schlägen bestraften. Dass Güter nicht auf Maultieren, sondern auf den Köpfen von Menschen durch Ostafrika getragen wurden, war keine Neuerscheinung der Kolonialzeit. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Handelswaren von Menschen vom Inneren Ostafrikas an die Küste nach Sansibar und Mombasa getragen.

Die Verbreitung der Schlafkrankheit durch die Tsetsefliege machte den Einsatz von Lasttieren unmöglich. Während der deutschen und britischen Expansion in Ostafrika waren die Kolonialverwaltungen deshalb bemüht, Verträge mit den Trägern auszuhandeln, um eigene Forschungsexpeditionen zu ermöglichen. Es entstanden Handelsfirmen, die sich eigens auf die Anwerbung von Trägern spezialisierten und damit einheimische Händler verdrängten. Das Trägersystem, das bis in die 1870er-Jahre auf Mitbestimmungsrecht basierte, wurde unter der europäischen Neuorganisation zunehmend durch Disziplin, Drill und Gewalt geprägt.

Auch die koloniale Grosswildjagd war von der Körperkraft afrikanischer Träger abhängig. Während Ende des 19. Jahrhunderts in erster Linie weisse Siedler:innen jagten, wurden Safaris zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr zu einem Luxushobby gut situierter Europäer:innen und Amerikaner:innen mit Rang und Namen. So auch für den ehemaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt, der unmittelbar nach seiner Amtszeit 1909 viereinhalb Monate lang in Kenia auf Safari ging. Organisiert wurde die Expedition von einem professionellen Safari-Unternehmen, das neben Trägern, Proviant und Zelten auch einen fachkundigen «white hunter» zur Verfügung stellte. In den 65 Kisten, die die Träger trugen, befanden sich neben 80 Sardinen-Dosen und 60 Pfund schottischen Haferflocken unter anderem 80 Dosen Heinz Baked Beans, zwei Dosen Worcestershire-Sauce und 80 Rollen Klopapier.

«Tiere Afrikas»:
Im Naturhistorischen Museum Bern lässt sich seit einigen Jahren ein Umdenken im Umgang mit der eigenen Sammlung beobachten. So wurde 2022 der Eingangsbereich neugestaltet und mit überarbeiteten Informationstafeln versehen, um den Besuchenden den kolonialen Hintergrund der Dermoplastiken näher zu bringen.

Zwei ausgestopfte Geparden hinter Glass. 1936 eröffnete im Naturhistorischen Museums Bern die Dauerausstellung «Tiere Afrikas» im eigens dafür erbauten Neubau. Bild: NMBE

Zwischen den Zeilen

Die Folgen der kolonialen Grosswildjagd, wie sie Roosevelt und später die von Wattenwyls betrieben, sind bis heute spürbar. Rund hundert Jahre nach der Expedition des Vater-Tochter-Paars sind einige der 35 Arten, die 1924 nach Bern verschifft wurden, ausgestorben. So zum Beispiel das Breitmaulnashorn, das Vivienne nach dem Tod ihres Vaters als eines der letzten Tiere auf der Abschussliste mit Hilfe eines professionellen Jägers erlegte. Noch heute bestaunen pro Jahr tausende Besucher:innen die ausgestopften Tiere in den Vitrinen des Naturhistorischen Museums. Besonders beliebt ist das Maskottchen des Museums, der Elefant Caruso. Noch vor wenigen Jahren forderte ein ehemaliger kenianischer Minister die Restitution der Dermoplastik – allerdings ohne Erfolg.

Auch Vivienne von Wattenwyl reiste 1937 nach Bern und schaute sich die neu eröffnete Afrika-Dioramen-Schau an. Dass diese ohne die Hilfe zahlreicher afrikanischer Männer nicht möglich gewesen wäre, war ihr wohl bewusst. Ihren Reisebericht widmete sie «all those in Kenya and Uganda without whose unfailing help and kindness our safari had not been begun and could never have been completed.» Von den Männern, die sie und ihren Vater über 3000 Kilometer hinweg führten und berieten, existieren keine Selbstzeugnisse. Um uns ihrer Lebensrealität zu nähern, bleibt lediglich der Bericht der damals 23-jährigen Vivienne. Er ist durchzogen von rassistischen Abwertungen, Stereotypen und Auslassungen. Interessant wird es jedoch dann, wenn wir diese weniger als Abbild der reellen Machtverhältnisse und vielmehr als Ausdruck von Überforderung verstehen. Erst wenn wir zwischen den Zeilen lesen, finden sich Hinweise, wie es einheimischen Gemeinschaften, Guides und Trägern gelang, innerhalb der kolonialen Strukturen von Safaris eigene Interessen und Machtansprüche zu behaupten.

Diorama:
Ein Diorama ist ein Schaukasten, in dem ausgestopfte Tiere (Dermoplastiken) mit dreidimensionalen Landschaftselementen vor einem gemalten Hintergrund ausgestellt werden. Die Afrika-Dioramen in Bern sind keine präzisen Wirklichkeitsabbildungen, sondern zeigen vielmehr, wie sich der Präparator Georg Ruprecht die afrikanische Fauna und Flora in den 1920er Jahren vorstellte. Ruprecht selbst war nie in Afrika gewesen.

Literatur
1: Von Wattenwyl, Vivienne: Out in the Blue, London 1927.
2: Gisler, Priska: «Man hat uns für das Wenden der Ohren einen nützlichen Wink gegeben.» Zur kolonialen Geschichte des Elefantenpräparats im Naturhistorischen Museum Bern, in: Chichester, Lee; Dies. (Hg.): Koloniale Tiere? Tierbilder im Kontext des Kolonialismus, Berlin 2024, S. 279–304.
3: Steinhart, Edward: Black Poachers, White Hunters. A Social History of Hunting in Colonial Kenya, Oxford 2006.