«Man hört immer, wo ich bin»

Aufgezeichnet von Giorgio Scherrer, Januar 28, 2019

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Francesco Falone, 55, IT-Verantwortlicher des Historischen Seminars, hatte einst ein seltsames Vorstellungsgespräch. Warum er dennoch lieber hier arbeitet als in einer Waffenfabrik – und was die Nachteile seines seminarbekannten Lachens sind.

«Als das Grounding kam, waren wir gerade schwanger. Ich war Systemprogrammierer bei der Swissair, der Jüngste im Team – und einer musste gehen. Ich wusste: Ich finde ohne Probleme wieder einen Job, also habe ich gekündigt. Danach arbeitete ich 40% bei einem Verlag – weil ich fand: Wenn ich schon im hohen Alter Vater werde, will ich auch auf meinen Sohn schauen. Und auch als ich ein paar Jahre später ans Historische Seminar kam, war klar: Als Familienvater will ich weiterhin Teilzeit arbeiten.

Ich bin Jahrgang ‘63 und habe Ende der siebziger Jahre eine KV-Lehre in einer Informatik-Firma gemacht. Computer waren damals noch etwas Exotisches. Im dritten Lehrjahr konnte ich aber eine Programmierausbildung machen. Die Lochkarten mit dem Code durfte ich noch selber stanzen. So bin ich in die Informatik gerutscht. Bei der Swissair habe ich mich dann weitergebildet und alles gemacht – Computer zum Laufen gebracht, Applikationen und Systeme programmiert.

«Seit einem Jahr hängt an unserer Tür ein Schild: ‹Kein Backup, kein Mitleid›»

Als ich mich 2005 als IT-Verantwortlicher am HS bewarb, wurde ich zum Gespräch eingeladen. Noch nie hatte ich so etwas erlebt: Mindestens zwölf Leute sassen mir gegenüber. Ich dachte zuerst, das sei ein Seminar für sämtliche BewerberInnen. Aber es waren alles Uni-Vertretende – ProfessorInnen, Personaldelegierte, das Sekretariat, ein IT-Guy, der Seminarvorstand. Es war eindrücklich, wie wichtig es ihnen war – vielleicht wollte aber auch einfach niemand Verantwortung für die Einstellung übernehmen.

Am HS IT-Verantwortlicher zu sein ist ein super Job, weil er so extrem breit ist. Die Uni stellt die zentrale Informatik zur Verfügung, aber ab der Steckdose bis zum Gerät machen wir alles selber. Wir richten Arbeitsplätze ein, organisieren Cloudlösungen und Datenbanken, machen den Support und erstellen Programme für den internen Gebrauch – etwa das Bewerbungstool für den neuen SpezMaster Zeitgeschichte, an dem ich eigentlich gerade arbeiten sollte.

«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch in der IT zu einer Zentralisierung kommt»

Wir sind ein Team von drei Leuten und teilen uns die Arbeit auf: Wenn einer am Programmieren ist, macht ein anderer den Support. Und jemand ist immer an der Forschungsstelle Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Trotzdem sind wir so organisiert, dass jeder alles kann. Wenn ich also morgen unters Tram käme… (lacht sein berühmtes Lachen) Dass man das kennt, hat übrigens auch einen Nachteil: Wenn die Leute etwas wollen, hören sie immer, wo ich bin.

Bei uns können nämlich alle neuen HS-Mitarbeitenden sagen, was sie brauchen und wir richten die Arbeitsplätze im Rahmen der Budgets individuell ein. Manche wollen ein bestimmtes Transkriptionsprogramm, andere brauchen eine alte Softwareversion, um ihre Arbeit fertigstellen zu können. Seit ich hier bin, haben zudem alle Leute Admin-Rechte auf ihren Rechnern, können also auch ohne mein Okay Programme herunterladen. Und ich bin damit gut gefahren.

Solange wir es uns leisten können, ist dieser Weg der beste – alle können so arbeiten, wie sie wollen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es (wie bei den Bibliotheken) zu einer Zentralisierung kommt. Im Moment hat jedes Institut eigene IT-Verantwortliche. Kostenmässig könnte man da viel sparen – wie auch mit standardisierten Arbeitsplätzen. Was dabei verloren ginge, ist die Nähe. Sie ist unser grosser Vorteil: Wir kennen die Leute hier – und unsere Kundinnen und Kunden sind wirklich die besten. Die Wertschätzung ist gross und auch wenn manche viel verlangen, ist bei der Uni zu arbeiten sehr dankbar. Die Leute sind froh, wenn man helfen kann und weiss, was sie brauchen.

«Den Output, den die Leute hier liefern, finde ich super»

Bei HistorikerInnen etwa ist es schlussendlich so: Sie haben Quellen und die Challenge ist, wie sie grosse Datenmengen managen und organisieren. Die einen sind dabei gut organisiert, die anderen etwas chaotischer. Seit einem Jahr hängt an unserer Tür deshalb ein Schild: ‹Kein Backup, kein Mitleid›. Aber du kannst nicht ändern, wie die Leute sind. Das war schon vor 14 Jahren so: Gewisse Lehrstühle verlangen die modernsten Kisten, andere drucken alle Mails aus und wollen keine Clouds – aus Angst vor Überwachung.

Obwohl ich inhaltlich nichts mit Geschichte zu tun habe, ist es für mich wichtig, dass ich für eine Fachrichtung arbeite, die mich anspricht. Geschichte war schon in der Schule eines meiner Lieblingsfächer. Und den Output, den die Leute hier liefern, finde ich super. Wenn ich bei einer Waffenfabrik wäre und die Leute wären gleich nett wie hier, fände ich es trotzdem nicht so toll. Weil da am Ende Flakkanonen herauskommen.»


Bild: Francesco Falone in seinem Reich. (Foto: Giorgio Scherrer)

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