In seiner Adaption von Mary Shelleys Frankenstein verbindet Guillermo del Toro Motive von Vater-Sohn-Konflikten, Andersartigkeit und sozialer Ausgrenzung. Das Ergebnis ist keine blosse Hommage an den Klassiker, sondern eine zutiefst persönliche Neuerzählung. (Artikel enthält Spoiler!)
«My first crush was Mary Shelley», bemerkte Guillermo del Toro schmunzelnd in einem Columbia Broadcasting System-Interview vergangenen Oktober. Schon seit seiner frühen Kindheit habe der mexikanische Regisseur, Drehbuchautor und dreifache Oscarpreisträger gewusst, er würde Frankenstein eines Tages selbst adaptieren.
Mit einer 120 Millionen Dollar schweren Filmproduktion mit namhaften Schauspielern wie Oscar Isaac, Jacob Elordi und Mia Goth erfüllte sich del Toro nun diesen Lebenstraum.
Doch warum sollte eine bereits hundertfach adaptierte Geschichte 200 Jahre nach ihrer Originalveröffentlichung ein weiteres Mal neu interpretiert werden? Darauf hat del Toro eine klare Antwort: Die existenziellen Fragen, die die damals erst 18-jährige Autorin Mary Shelley in Frankenstein aufwirft, seien zeitlos. Da er sich selbst der Kreatur stets näher gefühlt habe, wollte er jener in seinem Film die Macht zurückgeben – die Möglichkeit, seine eigene Geschichte zu erzählen.
Dementsprechend sollte das Publikum keine streng originaltreue Fassung des Shelley-Romans erwarten. Del Toro behält es sich vor, die Geschichte auf seine eigene Weise zu interpretieren: «You transmute, you don’t translate». Vor allem die Betonung der schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, das Gefühl der Andersartigkeit und die Vergebung stehen dabei im Fokus. Diese Gesellschaftskritik, wenn auch von del Toro etwas anders ausgelegt, steht in der Tradition des Romans.

Made in Switzerland: Frankenstein: oder der moderne Prometheus wurde erstmals 1818 anonym veröffentlicht. Der damals 18-jährigen Mary Godwin soll die Idee 1816 während eines Sommeraufenthalts in Genf gekommen sein, den sie gemeinsam mit ihrem Zukünftigen Percy Shelley und ihrer Schwester Claire Clairemont in der Schweiz verbrachte. In diesem «Jahr ohne Sommer» verbrachten sie zahlreiche Tage und Nächte zu Besuch bei dem berühmten romantischen Dichter Lord Byron und seinem Leibarzt John Polidori, aus dessen Feder der Vampir stammte. Sie lasen, schrieben, diskutierten und erzählten sich Geschichten – darunter auch Schauermärchen. In Folge eines Schreibwettbewerbs soll Mary die Idee für Frankenstein gekommen sein.
In Anlehnung an die Rahmenerzählung des Romans beginnt der Film mit der «Prelude». Wir befinden uns inmitten eines Schneesturms im Jahr 1857. Das dänische Schiff «Horisont» befindet sich auf dem Weg zum Nordpol, steckt aber im Eis fest. Man hört die Besatzung untereinander auf Dänisch diskutieren. Sie frieren und sind es leid, das Schiff vom Eis befreien zu müssen. Plötzlich explodiert etwas in der Nähe. An der Explosionsstelle finden sie den schwerverletzen Victor Frankenstein (Oscar Isaac) vor. Sie bringen ihn auf dem Schiff in Sicherheit, doch haben Fragen zur furchteinflössenden Kreatur (Jacob Elordi), die ihnen auf den Fersen ist. «What manner of creature is that? What manner of devil made him?», fragt Kapitän Andersen ungläubig, als er sieht, dass jegliche Verteidigungsversuche der Crew scheitern. «I did, I made him», entgegnet Victor Frankenstein.
Dies leitet den zweiten Teil der Geschichte ein, in der es um Frankensteins Leben geht. Man sieht den jungen Victor, wie er schon früh Interesse an naturwissenschaftlichen Themen findet, seinen strengen Vater (Charles Dance), einen angesehenen Arzt, jedoch nicht zufriedenstellen kann. Seine Mutter (Mia Goth), zu der er ein liebevolles Verhältnis pflegt, stirbt bei der Geburt seines jüngeren Bruders William, der vom Vater klar bevorzugt wird. Daraufhin fasst er den Beschluss, den Tod zu bezwingen.
Victors darauffolgende akademische Karriere und seine spektakuläre Wiederbelebung einer Leiche in Edinburgh 1855 stossen auf Kritik. Einzig Heinrich Harlander (Christoph Waltz), dessen Nichte Elisabeth (Mia Goth) mit seinem Bruder William (Felix Kammerer) verlobt ist, unterstützt sein Vorhaben. Einer aufkeimenden Zuneigung zwischen ihm und Elisabeth ist schnell ein Ende gesetzt, worauf sich Victor endgültig in seine Arbeit flüchtet.
Dabei inszeniert del Toro detailgetreu die skurrilen und ekelerregenden anatomischen Experimente sowie den wachsenden Wahnsinn Frankensteins. Wir sehen etwa, wie er nachts splitternackt aus der Badewanne springt, um eine neue Idee sofort zu erproben. Frei von Skrupeln sammelt er Leichen auf Schlachtfeldern und öffentlichen Hinrichtungsstätten, um aus ihren Einzelteilen einen «perfekten Menschen» zu kreieren.
Relativ schnell wird Frankenstein klar, dass die Kreatur nicht so ist, wie er es sich vorgestellt hat. Seine bahnbrechende Erfindung erfüllt ihn nicht mit Sinn und Freude, sondern bewirkt genau das Gegenteil. «I never considered what would come after creation, having reached the edge of the earth, there was no horizon left. The achievement felt unnatural, void of meaning.»
Victor verliert zunehmend die Geduld mit der Kreatur und verhält sich ihm gegenüber ruppig und aggressiv. Dass sie sich infolgedessen vor ihm fürchtet, findet er lächerlich. «I’m not going to hurt you, I made you». Eine glatte Lüge – wie sich herausstellt. Er lässt die Kreatur angekettet in seinen Laboratorium und sprengt es in die Luft.
Damit wird das Publikum wieder zurück ins Jahr 1857 katapultiert. Die Kreatur hatte sich mittlerweile auf die «Horisont» vorgekämpft.
«Gothic literature»: bezeichnet eine literarische Strömung, die im 18. Jahrhundert aus der Romantik entstand. Shelley prägte sie mit Frankenstein nachhaltig, was ihr im Nachhinein den Titel «Mother of Science-Fiction» einbrachte. Sie erweiterte das Genre mit typisch düsteren Schauplätzen und übernatürlichen Wesen mit wissenschaftlicher Plausibilität. Shelley – und später auch andere Vertreter:innen – antworteten damit auf gesellschaftliche Ängste, die im Zuge des rasanten technischen und wissenschaftlichen Fortschritts dieser Zeit entstanden waren.
Im dritten Teil des Films kann das Publikum die Geschichte aus der Perspektive der Kreatur nachvollziehen. Del Toro stellte die Kreatur dabei als ein gefühlvolles, missverstandenes, aber inhärent gutes Wesen dar. Das wird auch durch seine Freundschaft mit einem alten blinden Mann deutlich. Elordis Schauspielkunst und seine Unschuldsaugen untermalen dies. Ein Merkmal, wonach del Toro gerne Schauspieler:innen aussuche.
Mitreissend inszeniert del Toro die Selbstsuche der Kreatur und dessen Erkenntnis darüber, dass er anders ist. Gestraft durch ewiges Leben, allein und ausgegrenzt von der Gesellschaft. Die Bitte, ihm ein:e Partner:in zu schenken, lehnt Victor entschieden ab, was in einem Massaker endet.

Die darauffolgende rachsüchtige Jagd aufeinander dominiert das Ende das Films und endet wieder auf der «Horisont», wo eine unerwartete Wende eintritt. Ganz im Sinne eines seiner Lieblingsthemen uminterpretiert, vergeben sich Victor und die Kreatur, anstatt sich einen tödlichen Kampf zu liefern. Dass sie sich «Father» und «Son» nennen, ist ebenfalls eine von del Toro imaginierte Stelle, um das zentrale Thema nochmals zu betonen.
Del Toro hat damit eine Thematik ins Zentrum seiner Adaption gestellt, das gerade auch popkulturell Konjunktur hat: väterliche Ablehnung und dessen Konsequenzen. Die Vater-Sohn-Beziehung finden wir dabei an mehreren Stellen: zwischen Victor und seinem Vater, seinem zwielichtigen Mentor und zuletzt in umgekehrter Weise zwischen ihm und der Kreatur. Dieser Fokus unterstreicht auch die für del Toro typische Sympathie mit dem Monster.
Dass Menschen nicht als Monster geboren, sondern dazu gemacht werden, ist eine Gesellschaftskritik, die auch Mary Shelley schon übte. So hat Guillermo del Toro einen 200-Jahre alten Klassiker erfolgreich wiederbelebt und bewiesen, dass Frankenstein selbst heute noch Raum für Neuinterpretationen zulässt.
Frankenstein lief diesen Herbst in den Kinos und ist seit Anfang November auf Netflix zum Streamen verfügbar.