Ich reiste über Stock und Stein und alles, was ich bekam, war dieses Pilgerabzeichen – Über Anthony Bales «A Travel Guide to the Middle Ages»

Die Genuesische Weltkarte zeigte die damals bekannte Welt, die es im Mittelalter zu bereisen galt. Quelle: Wikimedia Commons

Der mittelalterliche Mensch reist nicht und bleibt immer am gleichen Ort stecken? Weit gefehlt, trotz weniger Verkehrsmittel waren die Menschen mobil und neugierig auf die Welt. «A Travel Guide to the Middle Ages» zeigt genau das auf.

2025 ist ein Pilgerjahr für drei Weltreligionen: Katholik:innen feiern das Heilige Jahr unter dem Motto «Pilger der Hoffnung» und reisen dafür in grosser Zahl nach Rom. Im Hinduismus feierte man dieses Jahr Kumbh Mela, wofür Millionen von Menschen nach Prayagraj, eine Stadt im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh, reisten. Mekka erwartet wie jedes Jahr zahlreiche Pilgernde für die Hajj. Es ist selten zu beobachten, dass gleich für die Anhänger:innen dreier Weltreligionen im selben Jahr eine wichtige Pilgerfahrt bevorsteht. Pilgern ist für die Menschen heute nicht mehr ein Hauptgrund zu verreisen. Leute reisen, um zu entspannen und neue Kulturen und Gegenden kennenzulernen. Ganz anders war das im Mittelalter: Für Europäer:innen war Pilgern der wichtigste Grund, die Heimat zu verlassen.

In seinem Buch A Travel Guide to the Middle Ages greift Antony Bale diese Thematiken auf. Dabei verfolgt er keine zentrale These, sondern versucht dem Lesepublikum ein breites Panorama der mittelalterlichen Reiselandschaft zu geben. Dabei werden Fragen beantwortet wie: «Welche Gründe gab es für eine Reise?», «Wie viel kostete das?», «Welche Verkehrsmittel gab es?», «Wohin ging es?», «Wie lange dauerte sie?» und viele mehr. Bale stützt sich dabei auf verschiedene Reiseberichte aus dem Mittelalter, die teilweise von den Reisenden unterwegs verfasst oder später zu Hause als Rückblick rekapituliert wurden. Bei den Autor:innen herrscht eine grosse Vielfalt: Die Berichte stammen von Handelsleuten, Geistlichen, Privatpersonen, Adligen, deren Bediensteten und weiteren Personen. Die Variation der Autor:innenschaft ist gross und so auch die Anzahl der Namen, die sich ein:e Leser:in des Buches merken muss. Dabei ist es einfach, sich zu verzetteln.

Auf geht’s

Die Berichte führen uns von England über den deutschsprachigen Raum, in die Königreiche und Seerepubliken der italienischen Halbinsel, bis ins Heilige Land. Reisen ist eine anstrengende Tätigkeit. Das Reiseinventar kann dabei mehrere Kisten und Kutschen in Anspruch nehmen. Zudem ist es kostspielig. Um eine halbwegs saubere und sichere Unterkunft zu finden, muss in die Tasche gegriffen werden. Wer es sich leisten kann, reist mit Personenschutz oder schliesst sich einer Gruppe an. Die Chance, von einer Reise nie mehr zurückzukehren, ist erheblich. Von Adligen und wohlhabenden Personen wird sogar erwartet, dass sie vor ihrer Abreise ein Testament verfassen. Die Reise selbst bietet zahlreiche Gefahren: Sei es die Natur selbst, Räuberbanden, Krankheiten und Verletzungen oder bürokratische Hürden.

Viele Leute nehmen den Seeweg von Venedig ins Heilige Land. Dort brauchen alle Reisenden ein Gesundheitszertifikat, um überhaupt in die Stadt gelassen zu werden. Wer ein solches nicht besitzt, musste in Quarantäne auf der Insel Lazzaretto Vecchio. Die Weiterreise danach bleibt ungewiss, auch weil es nicht selten Wochen dauert, bis ein Schiff Richtung Heiliges Land in See sticht. Dort angekommen, werden die Pilgernden streng kontrolliert und durch das Land geführt. Die dort herrschenden Mamluken lassen die Pilgernden ins Land, wollen sie jedoch auch so schnell wie möglich wieder loswerden. Beim Kreuzigungsort Jesu angekommen, können die Pilgernden ein Abzeichen erwerben, das ihre Pilgerreise bestätige und als Souvenir dient. Danach folgt eine beschwerliche Reise nach Hause.

Über das Heilige Land hinaus

Während der Reise kommen die europäischen Reisenden mit vielen Leuten und neuen Kulturen in Kontakt, über die sie vorher nur Geschichten gehört hatten. Reiseberichte sind für viele die einzige Möglichkeit, etwas über die Gegenden ausserhalb Europas zu erfahren. Ein der bekanntester Berichte ist Marco Polos Il Millione, in dem er von seiner Reise nach China berichtet. Um seine Reise ranken sich viele Mythen, so wird teilweise in Frage gestellt, ob Marco Polo überhaupt in China war. Bale zeigt bei Marco Polo sowie auch bei allen anderen Quellenautor:innen, wo sich Realität und Fiktion vermischen und in welchen Bereichen sich keinerlei Aussage machen lässt. So berichtet Marco Polo, dass er eine Zeit lang die Stadt Yangzhou regiert hat. Jedoch erwähnt ihn keine chinesische Quelle aus dieser Zeit als Stadthalter. Zudem besteht die Möglichkeit, dass sein Bericht fehlerhaft kopiert wurde und dabei sejourna (aufhielt) in seigneura (regierte) geändert wurde. Bei dieser Stelle verpasst Bale es jedoch, auf chinesische Quellen zu sprechen zu kommen. Die könnten in diesem Kapitel näher beleuchten, ob Marco Polos Beobachtungen mit der Realität übereinstimmen. Jedoch zieht sich durch ein Grossteil des Buchs die rein europäische Perspektive und die Perspektive der ansässigen Bevölkerung wird nicht näher beleuchtet.

Auch beim Kapitel über den Kontinent Afrika stösst man auf das gleiche Problem. Dort gehen die Berichte nicht selten ins Phantastische über. So soll es in in einem Reich namens Äthiopien einbeinige Menschen gegeben haben, die umherhüpften. Gerade beim Begriff Äthiopien zeigt sich jedoch, dass das damalige namentliche und geographische Verständnis seine Grenzen hatte. So ist bis heute nicht ganz klar, welcher Raum damals genau mit Äthiopien gemeint war. So wird der Begriff fast für den ganzen Kontinent Afrikas gebraucht. Wie diese Leute sich selbst bezeichnet haben, wird dabei nicht erwähnt. Damit fehlt eine Stimme, die einen spannenden Gegenpol hätte bieten können. Die Kapitel über Reisen, die nicht ins Heilige Land gehen, sind zudem verhältnismässig kürzer. Bale geht in seinem Buch nicht näher darauf ein, warum dieses Ungleichgewicht herrscht. Es ist wahrscheinlich anzunehmen, dass es einfach mehr europäische Berichte gibt, die über das Heilige Land sprechen als ausserhalb. 

Das Ungleichgewicht bleibt

Bale gelingt es in seinem Buch, ein breites und informiertes Panorama eines Reisenden aus dem Mittelalter zu geben. Es zeigt sich jedoch schnell, dass sich ein Grossteil um Europa und das Heilige Land dreht. Andere Gegenden kommen vergleichsweise kurz und fühlen sich gesamthaft eher wie ein Anhang an, als ein vollwertiger Teil des Buches. Da Bales Grundlage hauptsächlich europäische Quellen sind, lernen wir viel über die Reisegewohnheiten einer Europäer:in, jedoch fehlt stellenweise ein Blick von aussen. So würde es sich gerade bei häufig untersuchten Berichten wie dem Il Milione lohnen, Quellen aus dem bereisten Ort anzuschauen. Schliesslich wissen wir von Berichten aus diesen Gegenden. Bale widmet auch ein Kapitel aussereuropäischen Reisenden, die nach Europa reisten. Da dieses Kapitel jedoch nach den grossen Reisen der Europäer:innen kommt, fällt es vergleichsweise kurz. Strukturell hätte es sich besser angeboten, die aussereuropäischen Berichte im Fliesstext der passenden Kapitel einzubauen und so ein stimmiges Gesamtbild zu geben. Trotz diesen Stolpersteinen bleibt das Buch empfehlenswert und ein guter Einstieg in das Thema «Reisen im Mittelalter».