«Historikerin ist ein sehr mächtiger Beruf»

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Sie sieht die Sowjetunion als koloniales System und positioniert sich öffentlich zum Ukrainekrieg. Eigentlich ist Botakoz Kassymbekova aber viel lieber im Archiv als im Scheinwerferlicht. Dem etü erzählt die neue Osteuropa-Professorin vom Aufwachsen in Kasachstan, von einem alten KGB-Offizier, der ihr bei ihrer Bachelorarbeit half und davon, was sie von den bisherigen Dozierenden am Lehrstuhl unterscheidet.

etü: Frau Kassymbekova, Sie sind die neue Assistenzprofessorin für Osteuropäische Geschichte am HS. Für alle Leser:innen, die Sie noch nicht kennen: Beschreiben Sie uns in ein paar Sätzen Ihre Forschungsschwerpunkte und Interessensgebiete.

Kassymbekova: Ich befasse mich hauptsächlich mit dem 20. Jahrhundert. Künftig habe ich aber auch vor, mehr zum 17. und 18. Jahrhundert zu machen. Vor allem interessieren mich die Themen Gewalt, Diktaturen und Trauma – wie politische Systeme, die Gewalt ausüben, funktionieren und sich dadurch selbst erhalten. Aber auch, was solche Systeme mit den Menschen machen, die darin leben und wie diese Entscheidungen treffen, etwas zu ändern oder sich damit abzufinden. Mich beschäftigt zudem die Frage nach dem Unterschied zwischen Bevölkerung und Gesellschaften. Diktaturen brauchen und wollen nur eine Bevölkerung – Demokratien eine aktive Gesellschaft.

Zur Person:
Botakoz Kassymbekova, 1980 in Kasachstan geboren, studierte in Kirgistan und Essex und schrieb ihre Dissertation mit dem Titel Despite Cultures. Soviet rule and law in Tajikistan in the 1920s and 1930s an der HU Berlin. Im Herbst 2024 wurde sie vom Historischen Seminar auf den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte berufen und hat hier eine Assistenzprofessur mit Tenure Track inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kolonialismus, Imperialismus und Diktaturen. Passend dazu wird sie im Frühlingssemester 2026 eine Vorlesung zum Thema Stalinismus halten. An der Uni Zürich möchte sie unter anderem ein Oral History-Archiv aufbauen. Zurzeit arbeitet sie an einem Buch über das Altern nach dem Stalinismus und transgenerationales Trauma.

Der etü hat im Rahmen des Berufungsverfahrens und der Probevorträge bereits über Sie berichtet. An den Ständegesprächen haben Sie damals gesagt, dass Sie sich den strukturellen Problemen der Studierenden und Doktorierenden an der Uni bewusst seien und Sie sensibel damit umgehen wollen. Haben Sie bereits konkrete Pläne?

Die Berichterstattung des etü hat mich damals sehr gefreut! Ich habe die Berichte zu allen Vorträgen gelesen und fand die Texte über alle Vorträge sehr wohlwollend und interessant. Dieser erste positive Eindruck war für mich ein gutes Zeichen. Aber zurück zu Ihrer Frage: Momentan betreue ich hier erst eine Doktorierende und ab dem Herbst dann auch Masterarbeiten. Ich habe aber schon viele Dissertationen begleitet und erinnere mich noch gut an meine eigene Promotionszeit. Ich habe enorm davon profitiert, dass meine Forschungszeit geschützt und respektiert wurde. Ich möchte als Betreuerin inspirieren. Sehr individuell wird es dann, wenn jemand Ängste hat und diese Ängste nicht mit dem Thema der wissenschaftlichen Arbeit verbunden sind, sondern mit früheren Erlebnissen oder persönlichen Schwierigkeiten.

Wie gehen Sie solche Situationen an?

Teilweise liegen die Probleme nur in der Strukturierung des Tages. Ich persönlich schreibe oft morgens früh von beispielsweise fünf bis sieben Uhr – irgendwo habe ich mal gelesen, dass man dann gleich produktiv ist, wie wenn man später am Tag vier bis fünf Stunden arbeitet. Mein System ist es, die Konzentrationszeit am Morgen für die schwierigsten Aufgaben zu nutzen: das Schreiben. Später kann man lesen und Notizen machen, das ist die zweitschwierigste Sache, und am Schluss kommen dann organisatorische Arbeiten. Weil dieses System bei mir gut funktioniert, schaue ich mir manchmal auch zusammen mit den Studierenden deren Kalender an. Das hat eine Professorin mit mir in meinem Bachelorstudium gemacht und es hat mir damals sehr geholfen. Das ist nur ein Beispiel, und ich bin mir sicher, dass ich meine Methoden noch weiterentwickeln werde.

An der Uni wird die Selbstständigkeit der Studierenden grossgeschrieben. Viele, die individuelle Probleme oder Schwierigkeiten haben – sei es nur die Mühe mit Deadlines – fühlen sich oft allein gelassen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Dozierende sich dieser Probleme auch annehmen.

Ich finde auch, dass Studierende unabhängig sein müssen. Für mich gehört es aber auch zu meiner Arbeit, diese Unabhängigkeit noch weiter zu fördern. Man ist nicht unabhängig, wenn man unter Ängsten leidet. Das ist vielmehr eine Abhängigkeit. Diese Erkenntnis war für mich sehr wichtig. Ich habe selbst mit all diesen Problemen gekämpft, auch weil ich aus einer nicht akademischen Familie komme. Meine Eltern haben zwar sowjetische Universitätsabschlüsse, aber sie waren keine Wissenschaftler:innen. Deswegen bin ich eine Art first generation, weil das zwei völlig verschiedene Systeme waren, sowjetische und westliche Unis.

Dass Sie in Ihrer Familie Erstwissenschaftlerin sind, unterscheidet Sie als Person von anderen Dozierenden am Lehrstuhl Osteuropäische Geschichte. Gibt es weitere Unterschiede?

Der grösste Unterschied zu meiner Vorgängerin Nada Boškovska besteht sicher in der Epoche. Ich bin im 20. Jahrhundert verortet und interessiere mich auch für Gegenwartsfragen. Ausserdem komme ich aus einer Generation aus der ehemaligen kolonialen Peripherie des Russischen Reichs, habe eine westliche Ausbildung genossen und stelle mir neue Fragen zu Gewalt, Kolonialismus und Trauma.

Sie kommen aus einer ehemaligen Sowjetrepublik. Anders als viele Osteuropa-Historiker:innen haben Sie nie an den Universitäten in den russischen Zentren Moskau und St. Petersburg studiert. Bringen Sie dadurch andere Perspektiven mit ein?

Ja, definitiv. Meine Bildung ist westlich – anglo-amerikanisch und deutsch. Das hat mich geprägt. Ich kenne mich mit diesen post-sowjetischen Universitäten nicht so gut aus. In Kirgistan an der American University of Central Asia haben unsere Professor:innen, die mehrheitlich aus den USA und Europa stammten, genauso unterrichtet, wie auch in ihren Heimatländern unterrichtet wurde. Trotzdem waren wir ausserhalb der westlichen Welt. Ich denke, diese Mischung war entscheidend – eine westliche Universität in Zentralasien, in der ich mit meinen grossen Fragen unterwegs war.

Was meinen Sie mit «grossen Fragen»?

Ich war bereits mit 13 Jahren mit solchen grossen Fragen unterwegs. Meine Grossmutter war Anwältin und empfing deswegen häufig Menschen bei uns zu Hause. Ich habe dadurch viele Leidensgeschichten gehört. Ich sah Armut und das ganze Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Dabei habe ich mich immer gefragt, was hier eigentlich passiert. Mich interessierten die Fragen zu Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie, Diktatur. An der American University konnte ich diese Fragen dann schärfen. Der Eiserne Vorhang war gerade erst weg und für die Studierenden wie auch die Professor:innen aus dem Westen war das alles neu. Nachdem ich von Amnesty International erfahren hatte, gründete ich zusammen mit Mitstudierenden eine Jugendgruppe von Amnesty International in Kirgistan. Erst später wurde mir der Einfluss meiner Grossmutter auf diese Entscheidung bewusst. Ich denke, es war diese intellektuelle und aufregende Atmosphäre, in der ich sozialisiert wurde. Aber trotz dieser aufregenden Stimmung war meine Entscheidung, Historikerin zu werden, damals eine komische. Es gibt nur sehr wenige zentralasiatische Historiker:innen aus meiner Generation, die eine westliche Ausbildung im Bereich Geschichte absolvierten. Die 1990er waren die Zeit nach dem grossen Kollaps, wie die meisten anderen ehemaligen Republiken war Kasachstan von Armut und Kriminalität geprägt. Es gab keinen Strom und kein Gas in meiner Stadt. Man musste bei minus 20 Grad in ungeheizten Häusern sitzen und die Hausaufgaben im Kerzenschein erledigen. Es war eine Katastrophe. In dieser Situation war es eine sichere Option, Anwalt oder Ärztin zu werden. Das waren die Berufe, in denen man nicht Hunger leiden musste.

Und wie kamen Sie dann zur Geschichte?

Ich habe Ende der 1990er ein Stipendium vom US-Kongress erhalten, um für ein Jahr in die USA zu gehen. Das war ein politisches Programm, um den Kalten Krieg zu überwinden. Wir sollten die Botschafter:innen des ehemaligen Feindes sein und neue Beziehungen schaffen. In meiner Highschool wurde ich «russian spy» genannt – das war gar nicht böse gemeint, sondern eher ein Spass. Ich sagte dann immer, dass ich nicht aus Russland komme, aber da ich Russisch sprach, galt ich für viele als Russin. Das waren noch Überreste der Mentalität aus der Zeit des Kalten Kriegs. Danach ging ich von Kasachstan nach Kirgistan an die American University. In den 1990ern war vieles noch sowjetisch, aber die Uni war westlich-amerikanisch. Eigentlich wollte ich zuerst Philosophie studieren, aber es gab ein Ereignis, bei dem mir klar wurde, dass ich Historikerin werden wollte.

«Wenn wir die Geschichte nicht zurückholen, wird es keine Zukunft für diese Gesellschaft geben.»

Botakoz Kassymbekova

Mein Vater besuchte mich und erzählte von grossen Aufständen in der Region im Jahr 1967. Mein Interesse war geweckt und ich ging zu den KGB-Archiven, erhielt dort aber keine Informationen, da die Archive für die Öffentlichkeit geschlossen waren und die KGB-Nachfolger noch immer viel Macht hatten. Dann habe ich in einem Buch aus der Uni-Bibliothek herausgefunden, dass die grössten Aufstände im Poststalinismus in Kirgistan und Kasachstan stattfanden und wollte darüber meine Bachelorarbeit schreiben. Ich fing an, Oral History-Interviews mit Augenzeug:innen aufzunehmen, aber viele hatten Angst, über die Aufstände zu sprechen. Ein sehr alter russischer Ex-KGB-Offizier kam schliesslich auf mich zu und meinte: «Du gefällst mir und ich komme auch aus Kasachstan. Deswegen werde ich dir illegal Dokumente geben. Aber du darfst es niemandem erzählen.» Nach dem Einsehen der Akten wusste ich, dass mein Vater recht hatte. Die Repression in der Zeit der Sowjetunion war so stark, dass die Menschen alles verdrängt und nichts weitergegeben hatten. Da verstand ich, was für ein System das war. Das Regime löschte das Gedächtnis der Menschen. Das war ein erstes Schlüsselerlebnis und ich dachte: «Jetzt werde ich Historikerin.» Alle fragten mich, wie ich damit Geld verdienen wollte, aber es war mir egal. Wenn wir die Geschichte nicht zurückholen, wird es keine Zukunft für diese Gesellschaften geben.

Und was wurde aus dem Philosophiestudium?

Ohne Geschichte macht auch Philosophie keinen Sinn. Es machte für mich keinen Sinn, dass man über diese Aufstände nichts wusste, und einfach so über Gesellschaften und Menschen nachdenken wollte. Deswegen wurde ich Historikerin.

Was bedeutet der Ukrainekrieg für Ihre Forschung?

Mit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine wurde meine Forschung plötzlich aktuell. Ich forschte zum stalinistischen Kolonialismus und ich schaute mir die Diktatur in Moskau von der südlichen Peripherie aus an. Als ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, wurde mir immer gesagt, wie gut ich es habe, dass mein Buch maximal fünf Leute lesen werden. Ich müsse mir also keine grosse Mühe geben. Für mich war schon damals als Doktorandin klar, dass ich nicht für mich und meine potenziellen fünf Leser:innen schreibe (lacht) – ich schreibe für die zukünftigen Generationen, für meine hypothetischen Enkelkinder. Das ist für mich sehr wichtig und ermöglicht mir, einen gewissen Abstand zu halten. Als ich angefangen habe zu forschen, hatte ich nichts Hinterlassenes von der Generation meiner Grosseltern. So ein Wissenserbe ist aber enorm wichtig für die Stärke einer Gesellschaft. Ich will den kommenden Generationen Orientierung bieten, damit sie frühere Generationen und Prozesse verstehen können, und wissen, wieso gewisse Dinge geschehen sind.

Wie kann Zentralasien neu betrachtet und gedacht werden, damit die Region vermehrt in den Fokus der Forschung gelangt?

Es gibt sehr gute Gründe, Zentralasien in den Blick zu nehmen. Es ist eine einzigartige Region, die kulturell, geografisch und historisch eine Brücke zwischen Europa und Asien bildet. Vieles vom peripheren Blick auf Zentralasien lässt sich auch in der westlichen Perspektive auf Russland finden. Menschen wissen gar nichts von den 21 Teilrepubliken der Russländischen Föderation; dass es Tatarstan, Baschkortostan oder die Republik Altai gibt und man diese auch als Teil Zentralasiens betrachten kann. Dabei besteht Russland aus einer Vielzahl von Nationen, die über eigene Parlamente, Verfassungen sowie Kulturen und Geschichten verfügen. Ein Grossteil Russlands liegt in Asien, mit einheimischen native populations. Es handelt sich häufig um turksprachige Gesellschaften, die russifiziert wurden und die seit den 1990ern zusehends ihre eigene Identität formen. Der Blick auf Gebiete ausserhalb von Moskau eröffnet neue Fragen und Erkenntnisse. Meine Kolleg:innen und ich versuchen, diese Region als «Northern Asia» zu etablieren. Dieses Neudenken der gesamten Geografie ist wichtig, denn die Geschichte hat die Geografie mitgeschrieben und dabei vieles gezielt unsichtbar gemacht. Archivarbeit und Oral History sind gute Methoden, um diesen politischen Prozess der Marginalisierung zu erforschen und zu verstehen.

Planen Sie im Rahmen von Lehrveranstaltungen auch Exkursionen mit Studierenden in die Region?

Auf jeden Fall! Ab dem nächsten Jahr haben wir eine Zürich-Kyjiw-Yale-Kooperation, in deren Rahmen wir jedes Jahr ein Land in Osteuropa besuchen werden. Wir fangen mit Moldau an. Dann gehen wir in den Kaukasus, nach Zentralasien und Südosteuropa. Wir wollen Studierende mit verschiedenen Einblicken zusammenbringen und schauen, wie wir diese Orte unterschiedlich interpretieren. Exkursionen haben hier am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte eine Tradition und die werde ich weiterführen.

Sie sprechen von der Sowjetunion als Kolonialreich und wollen Postkolonialismus auch auf Russland anwenden. In der Geschichtswissenschaft liegt der Postkolonialismus-Fokus bisher mehr auf Afrika, Asien und Südamerika, wohingegen Russland beziehungsweise die Sowjetunion nicht Teil dieses Diskurses ist. Warum glauben Sie, ist das so?

Ich habe zwei Gründe identifiziert: Der erste liegt in der teilweise sehr passenden, marxistischen Analyse, die eine klare Trennung vornimmt zwischen dem kapitalistisch-kolonialen System und dem Sozialismus als Antwort und Alternative darauf. Für viele ist deshalb Sozialismus gleich Antikolonialismus. Aber es ist sehr einfach zu beweisen, dass dem in der Sowjetunion nicht so war.

«Für mich ist klar, dass Enteignung durchaus eine koloniale Praktik sein kann.»

Botakoz Kassymbekova

Beispielsweise waren die Parlamente in der Ukraine, Georgien und Aserbaidschan während der kurzen Unabhängigkeit nach der Russischen Revolution sehr sozialistisch und wollten einen je eigenständigen Sozialismus, unabhängig von Moskau und den Bolschewiki. Diese betrachteten sie als kolonialistisch und die späteren Enteignungen durch Kollektivierungen oder die Abschaffung von Privateigentum geben ihnen durchaus recht. Für mich ist klar, dass Enteignung durchaus eine koloniale Praktik sein kann. Der zweite Grund ist, dass Menschen aus diesen Gebieten häufig keine Chance hatten, Historiker:innen zu werden und vor Ort das Fach auszuüben. Das Wissen wurde im imperialen Zentrum produziert und diktiert. Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden, wenn man etwas über die Ukraine wissen wollte, Experten in Moskau befragt. Man dachte, diese Menschen können über die ganze Region sprechen. Das war einfacher, als überall – von der Ukraine bis nach Kasachstan – Netzwerke zu etablieren. Für mich ist das Teil von kolonialem Erbe.

Welche Rolle spielt die Geschichtsschreibung in diesem russisch-kolonialen Kontext?

Man muss sehr privilegiert sein, um Geschichte zu studieren. Menschen, die nur am Überleben sind, denken nicht daran, Geschichte zu studieren. Es ist ein sehr mächtiger Beruf. Er erlaubt, die Welt zu erklären, umzudeuten, zu reflektieren, Blicke zu schärfen und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen – und so die Welt auch gedanklich mitzugestalten. Unter Kolonisierten gab es keine, oder nur sehr wenige Historiker:innen. Wenn sie kritisch waren, gab es Repression. Erst dreissig Jahre nach der Unabhängigkeit in den Republiken gab es die erste Generation Geschichtswissenschaftler:innen. Durch das westliche Studium konnten sie sich neue Ideen und Ansätze aneignen, frei forschen, denken und sprechen. Sie mussten diese sowjetischen Muster nicht wiederholen, sondern konnten einen globalen Ansatz verfolgen. Es brauchte den Zusammenbruch der Sowjetunion, damit Menschen wie ich überhaupt existieren konnten. Darf ich nochmals etwas über meine eigene Familiengeschichte ausholen?

Gerne. Nur zu!

Die Familie meiner Grossmutter starb vollständig in einer Hungersnot. Meine Grossmutter ist im Waisenhaus aufgewachsen und dort herrschte eine Todesrate von 60 Prozent. Sie überlebte beides, nur um dann ein schreckliches Leben zu haben. Menschen wie sie werden keine Geschichtsbücher schreiben. Ich bin mir meiner Privilegien, zu denken und zu sprechen bewusst. Ich schreibe über eine sehr grosse Region mit sehr vielen Menschen, die kaum eine Stimme haben. Ich sehe es als meine Aufgabe, dass man mehr über sie erfährt und auch mit ihnen denkt und spricht.

In welcher Rolle sehen Sie sich als Historikerin in Bezug auf aktuelle Konflikte oder das vorherrschende Russlandbild? Sehen Sie sich auch als eine Art Aktivistin?

Wenn Männer grosse Thesen aufstellen und Position beziehen, werden sie als Denker bezeichnet. Frauen jedoch werden als Aktivistinnen abgestempelt. Im anglo-amerikanischen Raum werde ich als public intellectual bezeichnet. Das gefällt mir besser als Aktivistin, weil ich denke, dass es meine Aufgabe ist, zum Verständnis von Geschichte beizutragen, auch in der Gesellschaft. Am glücklichsten aber bin ich ohnehin in Archiven. Dort habe ich so viele Schmetterlinge im Bauch. Wenn ich um 8 Uhr in ein Archiv gehe, vergesse ich manchmal zu essen und dann ist es plötzlich schon 16 Uhr. Der Nachteil an der Liebe fürs Archiv ist es, dass das Leben so schnell vorbei geht. Ich bin kein Mensch, der gerne auf der Bühne steht, aber mit dem russischen Angriff auf die Ukraine spürte ich die Verantwortung, mein Wissen in die Öffentlichkeit zu bringen und aktuelle Geschehnisse einzuordnen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Positionierung und Äusserungen zum Ukrainekrieg und der imperialen Rolle Russlands?

Ich habe Rückmeldungen aus der ganzen Welt erhalten. Von Leuten, die sich bedankten und sagten, dass sie vieles endlich verstanden haben. Da musste ich einfach weitermachen. Das ist aber eher aus einem Verantwortungsgefühl passiert und nicht, weil ich public intellectual werden wollte. Ich konnte mein Wissen in diesem wichtigen Moment benutzen und Dinge erklären. Ich habe verstanden, dass ich eine Vermittlerfunktion habe und sehr geduldig informieren muss. Auch wenn für mich schon vor dem
Krieg klar war, wie Russland mittels Assimilierung und Russifizierung Menschen unterdrückte. Ich hoffe, ich habe viele jüngere Menschen, insbesondere junge Frauen, inspiriert, eine Stimme zu haben und zu sprechen. Es hat mich viel Energie und Aufwand gekostet – aber das war es definitiv wert.

Vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.