Geschichtsvermittlung mal anders – Im Gespräch mit dem Spielentwickler Roger Gassmann

Den Grundriss für dieses Amphitheater lieferte dasjenige in Avenches. Bild: Paxaugusta.ch

Mit seinem historischen City Builder Pax Augusta gelangte der Aargauer Roger Gassmann zu internationalem Ansehen. Sein Hobby wurde Teil einer neuartigen Geschichtsvermittlung. Die Universität zeigt sich hingegen zögerlich.

Mehrmals am Tag denken Männer an das Römische Reich. Das legte zumindest ein TikTok-Trend von 2023 nahe. Wie oft das der Freizeit-Spielentwickler Roger Gassmann macht? «Wohl zu viel», wie er lachend verriet. Tatsächlich dürfte die Rom-Faszination des Aargauers untypisch sein. So befasste sich Gassmann in den letzten sieben Jahren mit dem Programmieren eines historischen Städtebausimulators namens Pax Augusta. Das Besondere: Er ist weder in der IT noch als Historiker tätig. Was als Freizeitbeschäftigung begann, entwickelte sich zu einem beachtlichen Erfolg. Neben Lokalzeitungen berichtete sogar das renommierte Spielemagazin Gamestar über das im Frühjahr veröffentlichte Spiel. Gelobt wurde insbesondere Gassmanns Liebe zum Detail. Bevor es das etü bald in neue Themenbereiche verschlägt, greift dieser Blogbeitrag das letzte Heftthema noch einmal auf.

Wie realitätsgetreu kann ein Spiel sein?

Wie der Name von Gassmanns Computerspiel Pax Augusta verrät, ist dessen Design und Setting der Zeit des Augustinischen Friedens nachempfunden, sprich von 27 v. Chr. bis 192 oder 235 nach Christus. Darin können die Spielenden eigene Städte in den Provinzen Gallien und Belgien aufbauen. Leere Landkarten werden mit Nutzpflanzen, Wohnhäusern und Amphitheatern bebaut. Ein Grossteil der Gebäude innerhalb des Spieles basieren, soweit überhaupt möglich, auf realen Vorbildern aus den Nordprovinzen. Ein Beispiel: Während sich Gassmann bei der Gestaltung des Amphitheaters einige Freiheiten liess – etwa beim Design der Fassade oder dem Erstellen des Bühnenbildes des Theaters – basiert dessen Grundriss auf dem des Amphitheaters in Avenches. So war es Gassmann ein Anliegen, dass der antike Kontext mehr als nur Nebensache sein sollte. 

Doch die Quellenlage und seine Programmierfähigkeiten setzten Gassmann Grenzen: Pax Augusta ist nicht wirklichkeitsgetreu. Jedoch kann das keine Rekonstruktion je sein. Jede Darstellung der Vergangenheit bleibt eine verzerrte Wahrnehmung, die von äusseren Faktoren mitgeprägt wird. Wichtiger ist, wie damit umgegangen wird. Der Pax Augusta-Entwickler zeigt sich offen und reflektiert in seinen Blogbeiträgen seine Darstellungen. Auch in Zukunft sei er bereit, sein Spiel mit Blick auf den neuesten Forschungsstand anzupassen.

Unvermeidbare Klischees und kein Krieg

Vor wenigen Jahren ermöglichte es der Roman Empire-Trend, die Rezeption der Antike besser zu verstehen. Auf den sozialen Medien gingen Videos viral, bei denen Männer gefragt wurden, wie häufig sie an das Römische Reich denken würden. Die Antworten waren oftmals erstaunlich hoch. Der Trend legte nahe, dass Medienprodukte, die sich auf die römische Antike beziehen, insbesondere eine männliche Zielgruppe ansprechen – eine Beobachtung, die Gassmann auch bei seiner Community machte.

«Hätte ich damit Geld verdienen müssen oder wollen, hätte ich natürlich die kompletten Klischees ausgepackt.»

Roger Gassmann im Interview

Sein Erklärungsversuch: Viele würden im Römischen Reich das Sinnbild einer klassischen Männlichkeit sehen. Selbst im öffentlichen Diskurs liegt der Fokus auf den militärischen Erfolgen Roms. Diese Assoziation zwischen Wertvorstellungen und historischen Gegebenheiten ist dabei nicht unbedeutend. Gassmann lässt durchblicken, dass eine finanziell erfolgreiche Medialisierung von Geschichte diesen Erwartungshaltungen entsprechen muss: «Hätte ich damit Geld verdienen müssen oder wollen, hätte ich natürlich die kompletten Klischees ausgepackt», sagt Gassmann.

Dennoch ging der Entwickler einen anderen Weg und verzichtete auf ein Kriegssystem innerhalb des Spieles. Eine Entscheidung, die er mit Blick auf die historischen Gegebenheiten traf: So stellte der städtische Raum für die römische Bürgerschaft eine soldatenfreie Zone dar. In Gassmanns Augen hätte deshalb eine solche Funktion nur wenig Sinn gemacht. Mit seinem Beschluss enttäuschte er viele seiner Follower:innen. Fälle wie diese zeigen, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung der Vergangenheit nicht immer den akademischen Erkenntnissen entspricht.

Die Geschichtsvermittlung ist heute überholt

Durch seine Arbeit an einem Computerspiel begeisterte Gassmann auch einige junge Historiker:innen und Archäolog:innen, die durch die sozialen Medien von seinem Projekt erfuhren. Dort hielt der Entwickler seine Fortschritte fest und konnte sich direkt mit seiner Zielgruppe austauschen. Fortan rüsteten ihn die Wissenschaftler:innen mit Fachliteratur aus, übersetzten lateinische Quellentexte oder begleiteten ihn auf Exkursionen. So meinte Gassmann, dass ohne deren Hilfe sein Projekt nie zustande gekommen wäre.

«Die Akademiker:innen müssen checken, dass der Rest um sie herum keine Akademiker:innen sind.»

Roger Gassmann im Interview

Bei seiner Recherche musste der Hobby-Spielentwickler jedoch feststellen, dass die Geschichtswissenschaft für Nicht-Historiker:innen nur schwer zugänglich ist. Laut Gassmann verlieren viele Menschen nach dem Abschluss der obligatorischen Schulzeit den Bezug zur Geschichte – so ging es zumindest ihm. Erst als er an den Ruinen Augusta Rauricas vorbeifuhr, wurden Kindheitserinnerungen an seine Schulausflüge geweckt und Gassmanns entdeckte seine Interesse wieder. Während der Hobbyentwickler versteht, warum im universitären Kontext Bücher und andere Textformen unverzichtbar sind, ist er der Meinung, dass sie für Aussenstehende wenig ansprechend wirken: «Die Akademiker:innen müssen checken, dass der Rest um sie herum keine Akademiker:innen sind.»

Damit trifft Gassmann einen wunden Punkt. In den letzten Jahren stand die Geschichtswissenschaft vermehrt unter Rechtfertigungsdruck. Das bisherige System der akademischen Geschichtsvermittlung scheint überholt. Historiendramen, wie etwa Gladiator oder Braveheart, dürften für das zeitgenössische Geschichtsverständnis prägender gewesen sein als viele wissenschaftliche Abhandlungen. Im populärmedialen Geschichtsbetrieb scheint die Rolle von Historiker:innen häufig darauf reduziert, unzureichende Darstellungen zu beanstanden.

Ungehörte Stimmen werden sichtbar gemacht

Einen anderen Weg bieten die neuen Medien: Sei es durch das Verfassen eines Kommentars, dem Hochladen eines Aufklärungsvideos oder durch das Weiterleiten eines Memes. Durch sie können sich, auch Laien wie Gassmann, an der Produktion des Geschichtsbildes beteiligen. Dabei ist die Diskussion nicht immer sachlich und Fehlinformationen können sich schnell verbreiten. Nicht alle nehmen die Forschung und die Quellenlage so ernst, wie es von der Wissenschaft gewünscht wird. Aber ist es zielführender, die neuen Medien zu meiden?

Immerhin bieten sie auch Möglichkeiten: Historiker:innen und deren Ergebnisse werden nahbarer, gleichzeitig werden aber auch ungehörte Stimmen für die Forschung sichtbar. Potenzial, das von den Universitäten kaum genutzt wird. Ein zentrales Problem: Wer sich vom universitären Leitmodell entfernt, wird von Teilen der Fachschaft nach wie vor belächelt. Zusätzlich werden öffentliche und praxisorientierte Formen von geschichtswissenschaftlicher Arbeit vor allem von freischaffenden Historiker:innen betrieben. Ein Beispiel: Erst im vergangenen Jahr zeigte die Universität Interesse am Frauenstadtrundgang Winterthur – dabei organisiert der Verein seit 1997 szenische Stadtrundgänge, die von Historikerinnen und einer Regisseurin erarbeitet wurden. Eine Herangehensweise, die Laien näher an Geschichte bringen und neue Interessen wecken kann.

Geschichte ist nicht irrelevant

Gassmann und sein Projekt stehen für mich dafür, was alles mit einer Faszination für Geschichte erreicht werden kann. Der Aargauer schaffte es, in Eigenarbeit Geschichte erfahrbar zu machen und dürfte bei so Einigen das Interesse an der Vergangenheit geschürt haben. Klar wird, dass es eine Zielgruppe für historisch genaue Medienprodukte gibt. Solange Geschichte in den täglich konsumierten Medien präsent ist, kann unsere Arbeit nicht irrelevant sein. Aber dafür muss die Forschung den Elfenbeinturm verlassen. Denn dabei stossen textbasierte Ansätze schnell an ihre Grenzen. Es mag ironisch klingen, dass sich an der UZH ausgerechnet die Altertumswissenschaften innovativ zeigen und KI sowie Videospiele in ihre Forschung einbeziehen. Beispielsweise hielt Prof. Dr. Walser im Frühjahrssemester 2024 ein Seminar über das Assassin`s Creed-Spiel Odyssee – ein Interview dazu findet sich in unserem letzten Heft. Solche Projekte und Veranstaltungen beweisen, dass sich ein Diskurs über den populärkulturellen Umgang mit Geschichte auch innerhalb von universitären Strukturen durchführen lässt. Pax Augusta verdeutlicht, dass erfolgreiche multimediale Geschichtsvermittlung auch jenseits großer Entwicklerstudios möglich ist.