«Geschichte hat an Bedeutsamkeit und Sichtbarkeit verloren»

Was die Auswirkungen der Zusammenlegung der Fächer Geschichte und Geografie sind, wissen wir noch nicht. Illustration: Helena Dobiess

Mehr denn je erfordert die gegenwärtige Weltlage die fundierte Vermittlung zentraler Kompetenzen der Geschichtswissenschaft. Dennoch sind der bereits 2014 beschlossene Lehrplan 21 sowie die laufende gymnasiale Maturitätsreform mit einer erheblichen Reduktion der Geschichtsstunden verbunden.

Es ist Dienstag, 14:05 Uhr. Liliane sitzt an ihrem Platz im Klassenzimmer einer Zürcher Sekundarschule und wartet auf ihre Lehrerin. Einige ihrer Klassenkamerad:innen blödeln herum. Die meisten haben keine Lust auf Geografie – das Thema der letzten Stunde, die Gesteinsarten, interessierte eigentlich niemanden. Erste Stimmen werden laut, man dürfe bei einer viertelstündigen Verspätung der Lehrerin nach Hause gehen, das sei die Regel. Derweil hofft Liliane, dass Frau Klein endlich kommt – und dass sie dieses Mal Geschichte unterrichtet. Die Römer findet sie nämlich besonders interessant. Mit einer forschen Bewegung springt die Tür auf und Frau Klein eilt zu ihrem Pult – endlich! Die Klasse verstummt. «Guten Tag allerseits, entschuldigt die Verspätung. Der Drucker hat gestreikt.» Sie legt die Blätter hin und blickt in die Klasse. «In der letzten Stunde beschäftigten wir uns mit den Sedimentgesteinen, ein interessantes Thema, nicht?» Ein verhaltenes Raunen geht durch den Raum. «Wie auch immer. Wir haben gelernt, wie sie entstehen und wo sie zu finden sind. Wir fahren fort und ich starte mit einer Frage: Wer kann mir etwas zur Gesteinsart Granit sagen?» Liliane seufzt und blickt aus dem Fenster.

Hoch lebe die Interdisziplinarität

Diese Szene hätte sich ungefähr so abspielen können – etwas überspitzt ist sie, das geben wir zu. Wer sich fragt, wieso Liliane hofft, in einer Geografiestunde etwas über das Römische Reich zu erfahren, hat noch nie von den Veränderungen gehört, welche mit der Einführung des Lehrplans 21 (LP21) in Kraft getreten sind. Denn heutzutage werden an Zürcher Sekundarschulen Geografie und Geschichte zusammen unterrichtet. Das neue Fach RZG, «Räume, Zeiten, Gesellschaften», verspricht die Auseinandersetzung «mit natürlichen Erscheinungen, unterschiedlichen Lebensweisen, vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften aus verschiedenen Perspektiven». Dazu soll auch politische Bildung Teil des Fachs RZG sein. Das klingt super. Doch funktioniert dieser neue Ansatz auch tatsächlich? Die Schulbehörden scheinen grosses Vertrauen in die interdisziplinäre Vermittlung zu haben. Schliesslich soll diese den Lernerfolg erhöhen, trotz einer Reduktion von je zwei Stunden Geografie und Geschichte pro Woche auf insgesamt drei Stunden RZG, politische Bildung inbegriffen. Eine Studie der Deutschschweizerischen Gesellschaft für Geschichtsdidaktik (DGGD) beziffert die Stundenreduktion des Fachs Geschichte schweizweit auf durchschnittlich neun Prozent – was ein beachtlicher Abbau ist.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Zweifel an dieser Stundenreduktion aufkommen und vor den umfassenden Änderungen dieser weitreichenden Reform der Volksschule gewarnt wird: Das Fach Geschichte verliere an Bedeutung. Der Präsident des Vereins Schweizerischer Geschichtslehrpersonen Martin Pryde sagte gegenüber watson, «mit der Einführung des Fachs Räume und Zeiten kommt der Geschichtsunterricht zu kurz». [Anmerkung: Das Fach RZG kann in den jeweiligen Kantonen unterschiedliche Namen haben.] Diese Reformbestrebungen betreffen allerdings nicht nur die Volksschule. Die Umsetzung der anstehenden gymnasialen Maturitätsreform auf nationaler Ebene (WEGM), die erste dieser Art seit den 1990er-Jahren, wird aktuell auf Kantonsebene verhandelt. Die praktische Umsetzung in den Kantonsschulen wird bis Ende des Jahrzehnts laufen. Beschäftigt von dieser Kritik fragten wir uns, was wirklich hinter dieser Reform steckt. Und so viel lässt sich bereits erahnen: Die Reform wird nicht zu einer besseren historischen Bildung führen.

Die Ziele des Lehrplans 21

Der Lehrplan 21 ist eine Reform zur Harmonisierung der Lehrpläne der Volksschule (Kindergarten, Primarschule, Sekundarschule). 2014 stimmten 21 Kantone sowie das Fürstentum Liechtenstein dieser Reform zu. Sie haben bis 2030 Zeit, ihn umzusetzen. Wie dabei vorgegangen wird, ist Sache der Kantone und die spezifische Unterrichtsgestaltung bestimmen die Lehrpersonen. Das bedeutet, dass es in der Umsetzung zwischen den Kantonen und sogar von Schule zu Schule grosse Unterschiede geben kann. Im Kanton Zürich wurde der Lehrplan 21 im Schuljahr 2018/19 eingeführt, für die Sek I 2019/20. Das heisst, dass die ersten Schüler:innen, die komplett nach dem Lehrplan 21 unterrichtet werden, die obligatorische Schulzeit 2027/28 abschliessen werden. Die langfristigen Auswirkungen des Lehrplans 21 wird man folglich erst in den nächsten Jahren beurteilen können.

Die Reform soll dazu führen, dass die Schüler:innen der gleichen Schulstufe in den verschiedenen Kantonen auf einem ähnlichen Bildungsniveau sind, sodass der Wiedereinstieg in eine neue Klasse, beispielsweise bei einem Umzug, nahtloser ablaufen kann. Allerdings wird nicht nur die Form angepasst, sondern auch die Lehrinhalte werden reformiert: Haushalt, Wirtschaft, Arbeit, berufliche Orientierung, Medien und Informatik und Bildung für nachhaltige Entwicklung rücken stärker in den Fokus. Diese unterrichten die Lehrpersonen aber nicht unbedingt als einzelne Fächer, sondern als übergreifende Themen, die sie dann in den jeweiligen Fächern behandeln. Die konkrete Umsetzung dieser Ziele regeln die Kantone einzeln. Ein weiteres Ziel des Lehrplans 21 ist Kompetenzorientierung: Schüler:innen sollen nicht nur Wissen eingetrichtert bekommen, sondern sich selbst in diesem Wissen orientieren, es reflektieren und im besten Fall auch anwenden können.

In diesem Kontext der fächerübergreifenden Kompetenzorientierung scheint der Fokus auf Interdisziplinarität und daher das Zusammenlegen von Fächern wie im Beispiel von RZG durchaus eine sinnvolle Überlegung zu sein. Die effektive Umsetzung des Fachs sowie die Stundenreduktionen bleiben allerdings umstritten.

Weniger Geschichte am Gymi

Die gymnasiale Maturitätsreform wurde im Gegensatz zum LP21 in den Medien weniger besprochen – obwohl sie ebenso tiefgreifende Veränderungen anstrebt. Die Reform soll das Gymnasium fit machen für die Zukunft, mit Kompetenzorientierung wie im Lehrplan 21, Interdisziplinarität und Themenschwerpunkten wie Globalisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. 2018 wurde die Einführung der Maturitätsreform beschlossen und muss von den Kantonen bis Mitte 2029 umgesetzt werden. Der eidgenössische Rahmenlehrplan dazu wurde 2024 von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) verabschiedet. Darin steht: «Die bisher obligatorischen Fächer Informatik sowie Wirtschaft und Recht werden neu als Grundlagenfächer geführt.» In diesem Zusammenhang lässt sich wohl auch die vorgesehene Stundenreduktion des Grundlagenfachs Geschichte erklären. Dazu veröffentlichte die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte (SGG) am 17. Juni 2025 einen offenen Brief. Im Statement dazu schreibt die SGG:

„Angesichts der aktuellen Weltlage und einer Flut von Informationen in den Sozialen Medien ist Quellenkritik die zentrale Kompetenz zum Verständnis der Vergangenheit und der Gegenwart. Diese Kompetenz wird insbesondere durch den Geschichtsunterricht gefördert. Ein starker Geschichtsunterricht ist daher zentral für den Erhalt des sozialen und politischen Zusammenhalts der Schweiz.“

Deshalb schätzt die SGG die Reduktion der Geschichtsstunden in den Gymnasien als besonders kritisch und unpassend ein.

Zurück zum Rahmenlehrplan. Dieser hält weiter fest: «Bei den Wahlpflichtfächern (Schwerpunkt- und Ergänzungsfach) erhalten die Kantone mehr Freiheiten, da die Rechtsgrundlagen keinen definierten Fächerkatalog mehr vorsehen.» Im Kanton Zürich werden nun zwölf neue Schwerpunktfächer diskutiert, die ergänzend zu den Grundlagen unterrichtet werden sollen. Im Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften wurden drei Vorschläge ausgearbeitet: Nachhaltige Gesellschaft (Geografie, Wirtschaft und Recht), Politik, Recht und Wirtschaft (Wirtschaft und Recht, Geschichte) und Individuum und Gesellschaft (Pädagogik und Psychologie, Philosophie). Geschichte wird auch als Teil eines umfassenden Sprachunterrichts genannt: Spanischsprachige Welt (Spanisch, Geschichte, Geografie). Der interdisziplinäre Ansatz, der den Leitfaden dieser neuen Schwerpunktfächer darstellt, sowie der Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen wurden vorerst positiv aufgenommen. Doch auch hierbei gibt es Bedenken. Wie im Ergebnisbericht der Arbeitsgruppen der Bildungsdirektion vom April 2025 zu lesen ist (online aufrufbar), werden diesbezüglich verschiedene Aspekte bemängelt und angemerkt; unter anderem «die Marginalisierung historischen Denkens und ein wahrgenommenes Ungleichgewicht zugunsten von Wirtschaft und Recht». Die Rolle des Fachs Geschichte sei unklar. Und es stelle sich die Frage, wieso Wirtschaft und Recht im Bereich der Geisteswissenschaften so viel Platz erhält. Geschichte scheint in dieser neuen Fächerkonstellation häufig das dritte Rad am Wagen zu sein.

Interessant ist, dass diese beiden Schulreformen ähnliche Ziele anstreben: Interdisziplinarität und Kompetenzorientierung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, politische Bildung und Digitalität werden stärker in den Fokus gerückt. Dabei sollen MINT-Fächer sowie Wirtschaft und Recht aufgewertet werden. Und gleichzeitig soll es nicht mehr Stoff geben, womit der stetig steigende Stress der Schüler:innen und Lehrpersonen berücksichtigt wird – was sicherlich sinnvoll ist. Aber mit welchen Stunden werden sie kompensiert? Mit denjenigen der Geschichte.

Die Rolle der Uni

In diesem komplexen Sachverhalt spielt auch die Universität Zürich eine Rolle. Denn diese bildet die Lehrpersonen aus, welche Fächer wie RZG oder Geschichte als Grundlagenfach im Gymnasium unterrichten. Wir haben uns deshalb zum Gespräch mit Kijan Espahangizi getroffen, der am Historischen Seminar für den Bereich Lehrer:innenausbildung verantwortlich ist. Dabei ist er sowohl für die Ausbildung im Bereich Sek I (Sekundarschule) als auch für alle Fragen zu Sek II (Gymnasium) zuständig. Er hat uns erklärt, wie das mit den unterschiedlichen Ausbildungen vor sich geht und welche Chancen und Probleme er dabei sieht. Ein grosser Unterschied zwischen den beiden Stufen sei, dass Sek II Lehrpersonen ein universitäres Fachstudium (im Master) absolviert haben müssen, um dann das Lehrdiplom erlangen zu können. Für die Sek I wird an der PH studiert, doch die fachwissenschaftliche Ausbildung – also inhaltliche und methodische Aspekte von Geschichte – absolvieren die PH-Studierenden wie bei anderen Fächern an der Uni Zürich. Das ist spezifisch für den Kanton Zürich und ist im PH-Gesetz festgehalten. Damit ihren Studierenden das nötige Fachwissen vermittelt wird, bezahle die PH die Uni Zürich. Pro Jahrgang seien dies am Historischen Seminar zwischen 60 und 100 Studierende von der PH. Die Uni übernimmt also zwei Aufgaben in der Lehrpersonenausbildung: die fachdidaktische und berufspraktische Ausbildung der Gymi-Lehrer:innen am Institut für Erziehungswissenschaft und, was Wenige wissen, die fachliche Ausbildung der Sek I Lehrpersonen.

Der Übergang vom Gymnasium zum Geschichtsstudium an der Universität ist fliessender, im Stundenplan gibt es Geschichte weiterhin als eigenes Fach. In der Sekundarschule ist das mit dem neuen Fach «Räume, Zeiten, Gesellschaften» anders. Wie Espahangizi erklärt, belegen angehende Sek I Lehrpersonen in der fachwissenschaftlichen Ausbildung am Historischen Seminar zwei Grundkurse für Geschichte (das kurze 20. Jahrhundert und 1500–1900) und können dann auswählen, ob sie ihren Akzent auf Geschichte oder Geografie legen wollen. Wählen sie Geschichte, belegen sie dann nochmals je einen Kurs in Schweizer Geschichte und in ausser-/europäischer Geschichte. Interessant dabei ist, dass in RZG Geografie und Geschichte gemeinsam unterrichtet werden sollen. Eine spezifische RZG-Ausbildung gibt es aber nicht. An der PH wählen Studierende das Fach «Geografie, Geschichte, Politische Bildung» (GGP), wo Geografie- und Geschichtsdidaktik getrennt unterrichtet werden, wie in den fachwissenschaftlichen Kursen an der Uni. Zudem betont Espahangizi, dass es auch zwischen den Dozierenden in den Fächern Geschichte und Geografie kaum Austausch darüber gebe, wie und was sie genau unterrichten. Und daraus sollen die Lehrpersonen dann ihren Plan für RZG zusammenstellen. Gelernt, wie die verschiedenen Fächer zusammengebracht werden könnten, haben sie nicht. So viel also zur Interdisziplinarität.

Zur Person:
PD Dr. Kijan Espahangizi ist Privatdozent am Historischen Seminar. Sein Schwerpunkt in Forschung und Lehre liegt in der Geschichte der Neuzeit mit Fokus Migrationsgeschichte und Globalisierung, Wissens- und Technikgeschichte, Nationengeschichte, Geschichte der Schweiz und des Irans. 2022 wurde seine Habilitation mit dem Titel Der Migration-Integration-Komplex. Wissenschaft und Politik in einem (Nicht-)Einwanderungsland, 1960–2010 veröffentlicht. Seit 2023 ist er zuständig für die Lehrer:innenausbildung am HS.

Geschichte mit Zukunft?

Die Harmonisierung der Lehre und die angestrebte Kompetenzorientierung seien grundsätzlich keine schlechten Ziele, meint Espahangizi. Ob das so auch wirklich im Unterricht ankomme, sei eine andere Frage und hänge nicht zuletzt von den Lehrpersonen ab. Eine Harmonisierung des Unterrichts sei das nur bedingt. Was ausserdem darunter leide, wer hätte es gedacht, ist das Fach Geschichte. Die Zusammenführung der Fächer werde mit dem Ziel der Interdisziplinarität erklärt, doch Grund dafür seien
auch Kürzungen zugunsten anderer Fächer. Diese Kürzungen verringerten schlicht die Bedeutung des Fachs Geschichte, was sich mit den Wahrnehmungen von Lehrpersonen decke. «Geschichte hat in der Sek I an Bedeutsamkeit und Sichtbarkeit verloren», sagt Espahangizi. Und das sei in einer Zeit, in der historische Bildung so wichtig wäre und das Interesse an Geschichte entsprechende wachse, schon fraglich. Geschichtliche Einordnungen von politischen Ereignissen seien enorm gefragt: «Es entsteht gerade eine neue Weltordnung, da gibt es ein Bedürfnis nach Orientierung.» Gleichzeitig würden tiefgreifende und langfristige Schulreformen durchgeführt, in denen Geschichte an Bedeutung verliert. Espahangizi teilt also die Bedenken der SGG. Interessant im Kontext der Uni sei hierbei, dass selbst in den Fachwissenschaften dieser Entwicklung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde.

Es sei wichtig, sich am Historischen Seminar verstärkt mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Rolle die Geschichtswissenschaften in der Geschichtskultur der Gesellschaft spielen können und wollen, meint Espahangizi. Im Zuge der Professionalisierung des akademischen Betriebs bestehe die Gefahr, den Anschluss an gesellschaftliche Debatten über Geschichte zu verlieren, etwa auch in Hinblick auf die Bildungsreformen. Damit verbunden ist die Frage nach der Zukunft des geschichtswissenschaftlichen Studiums. Angesichts der Weltlage und der Tatsache, dass die meisten Studierenden nach dem Studium nicht in die historische Forschung gehen, gewinne die Vermittlungskompetenz von Geschichte an Bedeutung. «Der Austausch zwischen Lehrer:innenausbildung und Forschung, Fachdidaktik und Fachwissenschaft ist hier zentral!» Und bei diesem Austausch möchte Espahangizi ansetzen. Eine Umfrage bei den Lehrdiplom-Studierenden zeige, dass dieser Austausch auch von den angehenden Lehrpersonen gewünscht wird. Und ein solcher Ansatz werde auch vom Historischen Seminar begrüsst. Espahangizi habe selbst beobachtet, dass seine Lehre beim Lehrdiplom viele wichtige Inputs für den Unterricht in der Fachwissenschaft liefert: Er versuche, das historische Lernen stärker im Kontext einer gesellschaftlichen Geschichtskultur zu verorten, historische Vermittlungskompetenzen zu schulen und speziell auch die grossen Zusammenhänge und Narrative stärker in den Blick zu nehmen. Des Weiteren betont er die Bedeutung von Schweizer Geschichte, die in der Schule einen grösseren Stellenwert habe als im internationalisierten und akademischen Betrieb an der Uni.

Geschichtskultur in der Demokratie

Die Geschichte des eigenen Landes spielt für die Gesellschaft eine grundlegende Rolle. Das zeigt sich beispielsweise in den aktuellen politischen Debatten zum Thema Neutralität. «Das war schon seit Marignano so», lautet ein geschichtskulturell etabliertes Narrativ. Dabei wurde Neutralität historisch immer wieder neu gedeutet und ausgehandelt. Mythen wie die Neutralität seien wichtig für die Gesellschaft, so Espahangizi. Ziel sei nicht, sie abzuschaffen.

„Aber dort wo sie politische Probleme schaffen, ist es unsere Aufgabe, sie kritisch zu reflektieren, zu lockern, neue Denkräume für die Zukunft zu öffnen.“

Die Autonomie der Wissenschaft müsse gesichert sein, gleichzeitig hätten Historiker:innen eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, nicht zuletzt auch gegenüber den Steuerzahler:innen, die den akademischen Betrieb finanzieren. Der Druck wachse, daher sei Vermittlung auch hier von zentraler Bedeutung.

Wir alle wissen, dass Geschichte wichtig ist. Und das sagen wir nicht nur als angehende Historiker:innen. Wir sehen es in vielen medialen Debatten, die derzeit geführt werden. Es werden Vergleiche gezogen mit vergangenen Ereignissen, es wird analysiert und diskutiert. Ein kritisches, reflektives Geschichtsbewusstsein ist, wie Espahangizi sagt, ein wichtiges Element für eine demokratische Kultur. Geschichte ist die Verknüpfung der Zeitdimensionen, die den Menschen ausmachen: Wir orientieren uns in der Gegenwart mithilfe der Vergangenheit für die Zukunft. Mit diesem Ansatz könnte man einen ganz anderen Blick auf die Lehre werfen.

Ökonomisierung der Bildung

Der Bedeutungsverlust der Geschichte in der Bildung, welcher sich mit der Einführung des Lehrplans 21 und der Maturitätsreform abzeichnet, steht also im Gegensatz zur tatsächlichen Bedeutung, welche die Geschichte für unsere demokratische Kultur hat und haben soll. Während Espahangizi nicht so weit gehen würde, die hochgehaltene Interdisziplinarität als reinen Vorwand für eine Reduktion der Geschichtsstunden zu bezeichnen, ist dieser Vorwurf für uns nicht unbegründet. Denn wie sich beim oben genannten Beispiel der Lehrer:innenausbildung für das Fach RZG zeigt, fehlt ein ausgearbeitetes Konzept zur tatsächlichen Umsetzung der interdisziplinären Vermittlung. Die Reduktion der Geschichtsstunden dagegen ist fester Bestandteil des Lehrplan 21 sowie der gymnasialen Maturitätsreform und findet in allen Kantonen und Schulen gleichsam statt.

In einer Gesellschaft, in der die Bildung und die Wissenschaft zunehmend innerhalb des Rahmens ihres wirtschaftlichen Nutzens diskutiert werden müssen – die Universität ist schon lange kein Elfenbeinturm mehr – haben die Geisteswissenschaften das Nachsehen. Der gesellschaftliche Nutzen der Geschichte lässt sich nicht mit einem direkten Nutzen für die Wirtschaft begründen; was sich auch in Espahangizis Plädoyer für die Wichtigkeit der Geschichte ausdrücklich zeigt. Die MINT-Fächer haben es dagegen um einiges leichter, ihren Nutzen für die Wirtschaft zu zeigen. Schliesslich werden beispielsweise an der ETH ausgebildete Elektrotechniker:innen in Zeiten des Krieges von der Rüstungsindustrie gerne angeworben. Der Lehrplan 21 geht also Hand in Hand mit der zunehmenden Ökonomisierung von Bildung und Wissenschaft. Deshalb betrachten wir die Reduktion der Geschichtsstunden zugunsten gewinnorientierter Fächer unter dem Mantel der Interdisziplinarität äusserst kritisch.

Die tatsächlichen Auswirkungen der beiden Schulreformen bezüglich des unbestreitbaren Bedeutungsverlustes der Geschichte lassen sich zurzeit nicht konkret abschätzen. Klar ist allerdings, dass es diese geben wird und dass Lehrpersonen und Schulen, Studierende, Dozierende und Universitäten sowie die gesamte Gesellschaft davon betroffen sein werden. Dabei könnten die erklärten Ziele des Lehrplans 21 und der gymnasialen Maturitätsreform die Schulbildung bereichern, wenn sie denn ernsthaft umgesetzt würden. Die Idee einer fächerübergreifenden Kompetenzorientierung scheint gerade im Fall des Fachs Geschichte ein guter Ansatz zu sein – schliesslich fordert die SGG genau das: ein starker Fokus auf die Kompetenz der Quellenkritik. Würden die Lehrpersonen von Beginn an in der interdisziplinären
Vermittlung ausgebildet werden, könnten die Themen aus einer breiteren Perspektive betrachtet werden. Dann müsste Liliane, die Protagonistin unserer ausgedachten Schulstunde, nicht auf die Römer hoffen, nur um dann mit Gesteinskunde belohnt zu werden. Und um die monierte Gefahr der Oberflächlichkeit zu umgehen, müsste das Fach RZG vier statt drei Wochenstunden zugesprochen bekommen. Dieser interdisziplinäre Ansatz könnte auch im Gymnasium sinnvoll sein – und nicht zuletzt an der Uni. Die Geschichtswissenschaft wird am Historischen Seminar nach wie vor relativ isoliert betrachtet, obwohl diese von den Blickwinkeln verschiedener Disziplinen profitieren könnte, darunter jenen von Geografie, Soziologie oder Wirtschaft. Der von Kijan Espahangizi betonte Austausch zwischen der Geschichtsforschung und der Geschichtsvermittlung könnte also für beide Bereiche positive Auswirkungen haben. Schulreformen wie der Lehrplan 21 und die gymnasiale Schulreform könnten, wenn wir denn wollen, eine Bereicherung für die Bildung und für die Forschung sein. Statt um die Ressourcen zu kämpfen, könnten diese gemeinsam genutzt werden – dann würden alle profitieren.