Wer lehrt neu afrikanische Geschichte am HS?

Das 20. Jahrhundert war für Afrika eine Zeit rapider Veränderungen. Dabei soll der Begriff des «langen» 20. Jahrhunderts sowohl das Nachwirken der langen Kolonialisierung wie auch präkoloniale Begebenheiten auf dem Kontinent berücksichtigen, anstatt der ereignishistorischen Idee eines «kurzen» 20. Jahrhunderts zu folgen. Ob die Kandidatinnen diesem Anspruch gerecht werden? Bild: Wikimedia Commons

Die spannendste Casting-Show am Historischen Seminar geht in seine vierte Runde. Diesmal steigen fünf Kandidierende in den Ring, um den Lehrstuhl «Afrika – Europa im langen 20. Jahrhundert» zu erkämpfen. Im etü-Check 4.0. erfahrt ihr alles, was ihr übers «Vorsingen» wissen müsst.

Info: Die Kandidierenden werden in diesem Artikel weitgehend anonymisiert, da es sich um ein Bewerbungsverfahren handelt. Deswegen benutzen wir im Folgenden das generische Femininum und haben die Reihenfolge der Vorträge verändert.

Vorsingen – bitte was?

Als Vorsingen werden die Probevorträge im Berufungsverfahren für die Besetzung von Professuren bezeichnet. Als letztes haben wir über die Suche nach einer Nachfolgerin für Nada Boškovska berichtet. Nun ist Botakoz Kassymbekova bereits im Amt, doch den Anwärterinnen auf die Afrika-Europa-Professur steht noch ein langes Verfahren bevor. Am 18. und 19. Mai hatten sie bereits die Chance, die Jury von sich zu überzeugen.

In einem halbstündigen Vortrag stellen die Bewerber:innen zunächst ihre aktuelle Forschung vor. Nach einigen Fachfragen verlassen die Professor:innen jeweils den Saal, und die Studierenden und Doktorierenden stellen den Kandidatinnen Fragen. Beliebt sind dabei Fragen nach zukünftigen Veranstaltungsthemen oder Exkursionen, nach der Betreuung von Abschlussarbeiten und Doktorierenden – und manch eine Kandidatin stellt sich auch kritischen Fragen nach Hierarchien und Missständen im universitären Alltag.

Die Anwärterinnen: Die fünf Bewerberinnen sind die engere Auswahl des langen Bewerbungsverfahrens. Sie stehen auf ziemlich unterschiedlichen Stufen der akademischen Karriereleiter. Die einen sind bereits Lehrstuhlinhaberinnen, andere haben noch keinen Professorinnentitel. Doch da die Professur als Open Rank ausgeschrieben wurde, ist das kein Problem – die Art der Professur (z.B. ordentlich oder befristet) wird einfach der Auserwählten angepasst. Gemeinsam haben die Bewerberinnen ihr Fachgebiet: die Geschichte der Verflechtungen von Afrika und Europa.

Die Jury: Verantwortlich für die Besetzung der Professur ist die Berufungskommission. Diese besteht aus neun Professor:innen und drei Ständevertretungen – also je einer Vertretung der Studierenden, des Mittelbaus und der höheren Forschenden. Die neun Professor:innen sind teilweise fachfremd und uni-extern und haben je eine Stimme. Die Studierendenvertretung wird vom Fachverein gestellt. Um die Meinung der anwesenden Studierenden einzufangen, wurden Umfragezettel verteilt.

Das Publikum: Am Historischen Seminar der UZH sind die Berufungsverfahren weniger öffentlich als an anderen Universitäten. Offiziell sind alle Interessierten eingeladen, das Programm wird aber nur mit Angehörigen des Seminars geteilt. Anwesend sind ein paar Professor:innen und Dozent:innen des Historischen Seminars, Studierende, Doktorierende und natürlich die Berufungskommission. Die Zahl der Anwesenden ist je nach Vortrag sehr unterschiedlich.

Der Skandal: Nicht nur eine Professorin wird emeritiert, sondern gleich zwei: Gesine Krüger und Francisca Loetz. Doch neu besetzt wird nur ein Lehrstuhl, und zwar offiziell der von Francisca Loetz. Ihr Lehrstuhl, bisher für mittel- und westeuropäische Geschichte der Frühen Neuzeit und der Sattelzeit wird zur Europa-Afrika-Professur. Der Lehrstuhl Krüger wird offiziell gestrichen, de facto haben wir nachher aber einen Frühneuzeit-Lehrstuhl weniger. Nun ist Roberto Zauggs Lehrstuhl der einzige für die Frühe Neuzeit, wobei er sich auf aussereuropäische, insbesondere (trans)atlantische Geschichte spezialisiert hat. Die anderen sieben Neuzeit-Lehrstühle fokussieren sich alle auf das 19. und 20. Jahrhundert. Die Ungleichheit zugunsten der neuesten Geschichte wird also weiter ausgebaut.

Zum langen 20. Jahrhundert
Ausgeschrieben wurde der Lehrstuhl unter dem Titel «Afrika – Europa im langen 20. Jahrhundert». Normalerweise ist vom kurzen 20. Jahrhundert die Rede – es dauert vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Den Begriff des «langen» 20. Jahrhunderts führte ursprünglich der Wirtschaftshistoriker Giovanni Arrighi in seinem gleichnamigen Buch ein. Darin zeichnet er die Geschichte des Kapitalismus und der Staatenbildung über einen Zeitraum von 700 Jahren nach. 2025 schlagen die Historiker:innen Florence Bernault, Benoît Henriet und Emery Kalema in ihrem Buch «Textures of Power – Africa in the Long Twentieth Century» vor, den Begriff spezifisch für die Geschichte (Zentral)Afrikas anzuwenden, indem das Nachwirken des Kolonialismus sowie präkoloniale Geschichte in Erklärungen jüngerer Entwicklungen miteinbezogen wird. Das Konzept ist also einerseits ziemlich jung und steht gleichzeitig in der Tradition der Longue durée. Was dies alles nun spezifisch für diese Professur heissen soll, ist uns unklar.

Die Vorträge

Kolonialer Kapitalismus

«Capitalism as World Ecology, Transhumant Lifeways, and the Structure of the Conjuncture in 19th Century Eastern Africa»

Diese Kandidatin beginnt ihren Vortrag mit einem Gerichtsfall: Die Massai, ostafrikanische Viehhüter, wehren sich rechtlich gegen Landenteignung durch die «Uganda Railways». In zügigem Englisch führt sie uns entlang dieser kolonialen Eisenbahn-Infrastruktur und verbindet dabei Schulden, Dürren, Rinderpest und den Wert von Land gekonnt mithilfe von Stuart Halls «conjunctural analysis». Ihre These ist, dass die britischen Besitzer ihre Eisenbahn-Infrastrukturen profitabel machen wollten, indem sie die Krisen verschiedenartig nutzten, um sich das scheinbar wertlose Land anzueignen und für den Export von Rohstoffen umzugestalten, sowie weisse Siedler:innen und einen Staat mit Steuern einzuführen. Gut gewählte Bilder und amüsante Auflockerungen unterstützen den Vortrag. Neben ökologischen, technischen und wirtschaftlichen Faktoren flechtet die Kandidatin auch kulturell-anthropologische mit ein, wie die unterschiedliche Wertschätzung von Weideland. Ostafrikanische Stimmen und Aktionen scheinen aber in ihrer Geschichte wenig Einfluss zu haben, so zumindest die Kritik in der Fragerunde. Ihr erklärtes Ziel: «Make life strange under capitalism».

Die selbstdeklarierte Marxistin pflegte bisher flache Hierarchien in der Lehre und als Betreuerin. Bei ihrem bisherigen Unterrichtsstil – Seminare mit maximal zwanzig Studierenden, bei denen sie mit Vorliebe Karten auf die Tafel zeichnet, um Komplexes herunterzubrechen – ist das wohl einfacher als an der UZH. Ans HS würde sie Verbindungen zu Uganda und ihr laufendes Buchprojekt bringen. Weitere Pläne werden trotz ihrer ausführlichen Antworten nicht wirklich klar. Ihre Deutschkenntnisse seien aktuell «nonexistent», sie könne dafür einigermassen Französisch. Alles in allem wirkt die Kandidatin fachlich versiert, nahbar und humorvoll, allerdings etwas planlos im Hinblick auf diese Stelle.

Bewegung in den Methoden

«Africa – Europe in Motion in the Long 20th Century: Rewinding Histories of Neoliberal Media, Global Modernities, and Everyday Life under Military Rule»

Durch die Linse des Neoliberalismus und der «lost decades» Afrikas (1974–1994) führt uns die Kandidatin an ihr Thema heran. Sie stellt ihr Forschungsprojekt vor, in dem Lokalfernsehsendungen des Liberia Broadcast System (LBS) digitalisiert werden. Ihre Forschungsfrage lautet: Wieso wurde in Zeiten von Austerität und autoritären Regimen gerade das staatliche Fernsehen ausgebaut? Und sind dabei Fernsehsendungen als Allgemeingut zu verstehen?

Um ihr Forschungsinteresse verständlich zu machen, zeigt sie einen Ausschnitt aus einer Sendung. In diesen «public transcripts of the powerful» – hier die Rede eines Militäroberhaupts als Antwort auf einen Streik von Marktfrauen – verstecken sich auch die «hidden transcripts of the powerless»: Die Szene widerspiegelt klar die damals geltenden Hierarchien, ist inszeniert und wird aufgenommen und doch sind auch alltägliche Szenen sichtbar. Etwas, das ansonsten in Militärdiktaturen kaum dokumentiert wurde. Die Kandidatin zeigt, wie fruchtbar audiovisuelle Medienquellen sein können, um Einblicke ins Alltagsleben in einer Militärdiktatur zu erhalten.

Danach kommt sie zum spannenden Teil ihres Vortrags, indem sie eine innovative Methode vorschlägt, um an die audiovisuellen Quellen des LBS heranzugehen. Im Ésprit ihres Vortragstitels «Africa – Europe in Motion in the Long 20th Century: Rewinding Histories of Neoliberal Media, Global Modernities, and Everyday Life under Military Rule» konzipiert sie «Rewinding» als Forschungsmethode «in Bewegung». «Rewinding» ist dabei inspiriert von der karibischen Sound-System-Kultur, für die wichtig ist, dass das Publikum die Musik und Stimmung mitgestalten kann. Die Kandidatin möchte erproben, wie beispielsweise liberianische Personen auf verschiedene Clips des LBS reagieren und welche Zusammenhänge sie knüpfen. Wichtig sei dabei, dass der fragmentarische Charakter der Sendungsausschnitte bewahrt und auch durch die Verbindungen kein Anspruch auf Vollständigkeit forciert wird.

Sowohl im Fach- wie im Ständegespräch überzeugt uns die Kandidatin mit ihrem Auftreten leider nur mittelmässig. Schon bei ihrem Vortrag sichtlich nervös, verpasst sie es, auf Fragen kurz und prägnant zu antworten. Meist braucht sie einen Moment, um die richtigen Worte zu finden und bleibt dann trotzdem schwammig.

Im Ständegespräch finden sich nichtsdestotrotz positive Aspekte: Die Kandidatin versteht sich als unterstützende Instanz, die sowohl den Studierenden wie auch den Nachwuchsforschenden Zugang zu ihren Netzwerken – unter anderem in Liberia – verschaffen möchte. Trotz ihrer Nervosität ist spürbar, dass sie sich für die Studierenden interessiert. Sie versteht, dass ihre Forschungsinteressen nicht deckungsgleich mit unseren sein müssen und möchte dementsprechend eine vielfältige Lehre anbieten, die über Westafrika hinausgeht. Ob postkoloniale Überblicksseminare oder forschungsnaher Unterricht, bei dem ihre Methode «Rewinding» erprobt werden kann.

Billige Daten, grosse Theorien

«Klassifikation und Macht in West Afrika. Skizze für eine Geschichte von Cheap Data im langen 20. Jahrhundert»

Diese Kandidatin steigt mit einem aktuellen politischen Bezug in den Vortrag ein, und zwar mit der Schliessung der United States Agency for International Development unter Donald Trump und deren Folgen für die medizinische Versorgung und die Archive von NGOs in Westafrika. Rasant und bisweilen etwas sprunghaft referiert die Kandidatin über die Entwicklung, dass Entwicklungszusammenarbeit zunehmend an die Erhebung von Daten gekoppelt wird, die insbesondere dem Westen zugutekommen. So leitet sie über zum zentralen und von ihr vorgeschlagenen Begriff Cheap Data, der während des gesamten Vortrags im Raum steht, ohne je ganz klar definiert zu werden. Der Begriff ist angelehnt an die «Seven Cheap Things» von den Autoren Raj Patel und Jason W. Moore, die argumentieren, dass der Kapitalismus bestimmte Dinge systematisch verbilligen müsse, um dauerhaft funktionieren zu können. Mit Cheap Data scheint mal ein billiges und qualitativ fragwürdiges Datenmaterial gemeint zu sein, mal eine (post)koloniale Form der Wissensextraktion. Einige Professor:innen scheinen vom Konzept durchaus begeistert zu sein, für uns ist es eher schwierig nachzukommen.

Im Aufbau unterscheidet sich der Vortrag dieser Kandidatin deutlich von den anderen. Statt eines klassischen Forschungsreferats präsentiert sie vor allem ihren Forschungsansatz zu Klassifikation, Wissensproduktion und Macht sowie verschiedene frühere und aktuelle Projekte. Immer wieder bezeichnet sie ihren Ansatz selbst als «beginning of an exploration». Das wirkt reflektiert, bleibt aber sehr abstrakt – auch wenn punktuell konkrete Beispiele eingebracht werden.

Im Ständegespräch überzeugte insbesondere ihre Idee, Stimmen aus afrikanischen Institutionen direkt per Zoom in die Lehre einzubinden sowie ihre differenzierte Skepsis gegenüber einer rein digitalen Geschichtswissenschaft – neben Datenanalyse und grossen Quellenkorpora verteidigt sie bewusst auch Seminare ohne Devices. Dennoch bleiben viele Antworten auffallend allgemein, so beispielsweise, dass ihr Quellenkritik wichtig sei, oder dass sie auf die Frage, zu welchen Themen sie Kurse anbieten wolle, sehr vage bleibt und sagt, «zu den Themen, die sich die Studierenden wünschen». Mit diesen unkonkreten Antworten war sie für uns schwer fassbar und so ist auch der Gesamteindruck ambivalent: Ein theoretisch durchaus interessantes Forschungsthema, das im Vortrag selbst aber nur schwer greifbar wird – genauso wie die konkreten Pläne für die Lehre und den Umgang mit Studierenden und Doktorierenden.

Dekoloniale Briefnetzwerke

«Epistolary Networks and the Making of African Political Worlds in the 20th Century»

Wie lässt sich die Geschichte der afrikanischen Dekolonisierung und des Nationalismus anhand von Briefnetzwerken erzählen? Die Vortragende nimmt sich zum Ziel, diese als dekoloniale Infrastrukturen zu untersuchen. Die Kandidatin führt kurz ihren eigenen Zugang zum Thema ein: Sie sieht sich selbst als Schülerin des History Workshop Movement und der History from Below. Verständlich zeigt sie auf, wie in der Mitte des 20. Jahrhunderts Briefnetzwerke massgeblich zum Austausch von Ideen sowie zur materiellen Organisation dekolonialer Bewegungen in Zentral- und Südafrika beitrugen. Dabei liessen sich nicht nur die Ideen bekannter Denker:innen analysieren, es offenbarten sich auch unerwartete Verbindungen, etwa bis nach Zürich, wie die Kandidatin anhand des Briefverkehrs von Robert und Sally Mugabes mit einer Aktivistin des Schweizerischen Afrika-Kommitees in den 1970ern aufzeigt. Die Vortragende betont, dass diese Briefnetzwerke fragil und abhängig von unsichtbaren Arbeitsformen gewesen seien, etwa jener von Sekretär:innen, die die Briefe handhabten. Anhand unterschiedlicher Spuren wie Streichungen, Anmerkungen und Adressen liesse sich aufzeigen, wie Briefe nicht einfach von A nach B verschickt wurden, sondern oft weiter geteilt und von diversen Akteur:innen auf unterschiedliche Weise gelesen und benutzt wurden.

Mehr als andere Kandidatinnen fokussiert sich diese Vortragende auf konkrete Resultate ihrer Forschung. Nur am Rande geht es um ihren bisherigen Werdegang, um vorläufige oder weiterführende Ideen. Letztere werden erst auf Nachfragen aus dem Publikum im Fachgespräch ersichtlich: Eine Hörerin etwa fragt nach der Verortung dieser Briefnetzwerke in eine breitere Infrastrukturgeschichte, ein anderer Hörer nach präkolonialen Ideen jenseits des Nationalismus in den Briefen. Auch auf unkonventionelle oder neuartige theoretische Analysekonzepte, wie sie einige andere Vortragende ins Zentrum rückten, verzichtet diese Kandidatin. Damit bleibt sie nicht zuletzt der Tradition des History Workshop Movement, dem sie sich eigener Aussage nach verpflichtet fühlt, treu. Möglicherweise, so zumindest unser Eindruck, hätte ein stärkerer Fokus auf Theorien die Fachgemeinschaft mehr überzeugt. Auf jeden Fall hat diese Präsentation aber Hand und Fuss und ist – im Gegensatz zu einigen anderen – auch für Studierende verständlich.

Im Ständegespräch präsentiert sich die Kandidatin souverän und nahbar. In ihrem Unterricht möchte sie insbesondere Perspektiven aus Afrika ins Zentrum stellen, etwa in einem Seminar zu «Epistemologien des Globalen Südens». Studierende sollen durch Exkursionen – zum Beispiel nach Johannesburg – und Kooperationen selber die Möglichkeit bekommen, Kontakte ausserhalb der Schweiz zu knüpfen. Auch auf kritische Fragen hat die Kandidatin schnell glaubwürdige Antworten bereit. Missstände, etwa was die Stellung von Assistierenden angeht, spricht sie von sich aus an und betont die Wichtigkeit geschützter Forschungszeit für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Unheimliche Kühe

«Unheimlich unheimische Rinder. Ökologische Fremdheitserfahrungen an der afrikanischen cattle frontier»

Die Kandidatin weiss fesselnd zu erzählen. In ihrem Vortrag dreht sich alles um Kühe in Namibia und Westafrika, die gezüchtet, erforscht, geliebt und gegessen werden. Im Kontext der Hochphase des imperialistischen Kolonialismus am Anfang des 20. Jahrhunderts. zeigt die Kandidatin anschaulich, wie Kühe für Menschen unheimlich sein konnten. «Unheimlich» meint hier, frei nach Freud, dass die Kühe den Menschen ursprünglich vertraut waren, aus bestimmten Gründen aber aus diesem Rahmen ausbrachen. Das klingt jetzt anspruchsvoll, ist beim Zuhören aber nicht so ein Problem, denn die Theorie bleibt im Hintergrund. Stattdessen führt uns die Kandidatin eine Vielzahl an Quellen und historischen Akteuren vor, mit einem Fokus auf Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und die westafrikanischen Fulbe-Hirt:innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals versuchten Siedler:innen in Namibia, importierte Simmentaler Kühe zu züchten – streng segregiert vom indigenen Vieh, versteht sich. In Westafrika, wo Viehzucht eine uralte Lebensweise, aber Fleischkonsum eine Ausnahme war, führte das Eindringen der karnivoren europäischen Kolonist:innen zu grossen Umwälzungen.

Die Leser:in mag sich jetzt fragen, wohin all diese durchaus spannenden historischen Begebenheiten führen sollen. Tatsächlich fehlt es dem Vortrag etwas an Struktur und einer weiterführenden Einordnung. Bei den Zuhörenden bleiben vor allem die interessanten Anekdoten und Fun Facts hängen. Wie andere Kandidatinnen auch, liest sie ihren Text ab und wirkt dabei ein wenig steif.

Im Fachgespräch demonstriert die Kandidatin ihr grosses Wissen. Sie antwortet souverän, wenn auch mit Hang zu Exkursen. Fachlich sind die Animal Studies ein wichtiger Bezugspunkt für sie. Zudem spricht sie sich für Interdisziplinarität aus, insbesondere auch Kollaborationen mit Naturwissenschaftler:innen.

Im anschliessenden Ständegespräch wirkt die Kandidatin bestimmt und wartet mit Beispielen aus ihrer bisherigen Lehrzeit auf. Bei ihren Lehrveranstaltungen möchte sie thematisch nahe an ihrer eigenen Forschung bleiben, auf koloniale Sammlungen eingehen und die Studierenden nicht mit Lektüre überschwemmen. Bei ihrem Team und in ihren Veranstaltungen möchte sie eine Kultur der wertschätzenden Kritik fördern. Für die Zukunft könnte sie sich ein Forschungsprojekt zum Ursprung von HIV vorstellen.