Musik als Geschichtsschwindel

Ein Reupload des Videos Dr. Ludwigs auf YouTube. Auf dem Thumbnail sind noch immer eine samoanische Frau und ein deutscher Segler zu sehen. Quelle: Screenshot aus YouTube

Ein scheinbar harmloser Ausflug in die Musikgeschichte auf YouTube entpuppt sich oft als trügerische Darstellung: Hinter angeblich historischen Liedern verbergen sich nicht selten falsche Zuschreibungen, ideologische Verzerrungen – und mitunter gezielte rechtsextreme Propaganda.

Schlaflos liegst du im Bett und suchst nach einem Lied zum Einschlafen. Eine einfache Frage beschäftigt dich: Was für Musik haben Menschen vor 150 Jahren gehört? Findet man sie nur noch auf Schallplatten? Doch keine Sorge, auf YouTube haben sich eine Reihe an Kanäle zur Aufgabe gemacht, Lieder aus älteren Zeiten mit englischem Untertiteln auf YouTube hochzuladen. Einer davon ist (mittlerweile war) Dr. Ludwig. Du schaust rein und klickst auf ein Video, ein Lied mit den Namen In Honolulu, anscheinend ein deutsches koloniales Liebeslied. In Hintergrund siehst du eine Karte der deutschen Pazifikkolonien, in der Mitte bündig am oberen und unteren Rand ist eine Postkarte zu sehen, worauf eine samoanische Dame zu sehen ist, die einen deutschen Segler umschlingt und küsst. Darauf der Spruch: «Samoa ist unser!» mit dem Datum 1899. In einer pseudo-Frakturschrift blendet der Titel In Honolulu oben und der Untertitel Ohne Hemd und Ohne Höschen unten ein. Ein Trompetengetöse erklingt, der Männer-Chor stimmt an und wieder blendet sich oben und unten Text ein:

Ich ging einmal spazieren
Um mich zu amüsieren
Da sah ich in der Ferne
Ein Mädchen stehn
Ich fragte sie bescheiden:
„Fräulein darf ich sie begleiten?
„Da sagt die Kleine
„Ach bitte, nein!“

Ich bin verheirat‘,
Bin lange schon verheirat’,
Und habe alles
Was man so braucht.
Ich brauche nichts zu sagen
Und brauche nicht zu fragen
Und was Sie können
Kann mеin Mann auch.

In Honolulu
Im Lande der Azoren,
Und auf Samoa
Ist das so Brauch.
Da gеhn die kleinen Mädchen
Zum Tanze in das Städtchen
Ohne Hemd und ohne Höschen
Mit einem Feigenblatt

I went for a walk,
To amuse myself
Then I saw in the distance,
A girl standing.
I asked her modestly:
“Miss, may I accompany you?”
Then the little miss answers:
„Oh please, no!“

I am married,
I’ve been married for a long time,
And have everything,
What you need.
I do not need to say anything
And do not need to ask
And what you can do
Can my husband do too.

In Honolulu,
In the Land of the Azores
And Samoa
Is that tradition.
There go the little girls,
To the dance in the town,
Without a shirt and no panties,
With a fig leaf

Gewiss, das Lied scheint dir etwas unter der Gürtellinie, aber da Dr. Ludwig sich selbst sowohl als Geschichtsliebhaber wie auch als einer von historischen deutschen Liedern beschreibt, könntest du zumindest meinen, das Lied sei authentisch. Die Darstellung eines «kolonialen Liebeslieds» – insbesondere der durch die Bildsprache generierte Bezug zu Samoa – deckt sich nicht mit dem Text. Honolulu liegt nicht auf Samoa, auch ist Samoa nicht Teil der Azoren. Es würde daher näher liegen, dass die Handlung entsprechend dem Titel auf Hawai’i stattfindet.

Mehr Schein als Geschichte

Ein weiteres Problem: In Honolulu war nicht ursprünglich auf Deutsch verfasst. Die Melodie stammt von einem 1917 veröffentlichten Lied der amerikanischen Leighton-Brüder namens Faraway in Honolulu They’ve Got the Tango Craze, also schon drei Jahre nach der alliierten Besetzung der deutschen Pazifikkolonien im Ersten Weltkrieg. Die Herkunft des deutschen Text kann nicht abschliessend geklärt werden. Erste deutsche Fassungen, die einen Text enthalten, sind auf der Musikdatenbank Discogs für anfangs der 1960er Jahre bekannt, darunter von den drei Musketieren (1961), wie auch bei den Gassenhauern (1961). Bemerkenswert ist hier noch, dass das Genre vom Tango zum Schlager wechselt. Bei den drei Musketieren werden je nach Auflage die Leightons gewürdigt, oder aber ein Trio Jansson – Lambacher – Mühlbauer. Lambacher und Mühlbauer beziehen sich vermutlich auf Gilbert Obermair und Rolf Arland, die beide damals Liedertexte verfassten. Ist damit der Ursprung des deutschen Textes für die 60er gesetzt?

Die Sache wird durch Schlagerstar Heinos Version von 1978 komplizierter. Da wird neben Lothar Birk (ein anderes Pseudonym für Rolf Arland) noch ein gewisser Friedrich Eberle gewürdigt. Dieser wird sowohl auf Discogs wie auch auf der Musikdatenbank deutscheslied.com mit einem 1930 oder 1932 verstorbenen Komponisten gleichgesetzt. Da Rolf Arland 1922 geboren wurde, kann er nicht direkt mit Eberle zusammengearbeitet haben. Welchen Anteil am Text hatte Friedrich Eberle also? Wieso ist der Name nicht in den Credits der drei Musketiere erwähnt? Leider gibt es für diese Fragen keine befriedigenden Antworten.

Während Zweifel am Ursprung des deutschen Textes bestehen, ist es aber eindeutig, dass das Lied nicht aus der deutschen Kaiserzeit stammt. Das weiss auch Dr. Ludwig. In der Videobeschreibung gibt er an, das Original sei ebenjenes amerikanischen Lied Far Away in Honolulu They’ve Got the Tango Craze, welches er einem Duo Van & Schenck zuschreibt (und nicht den Leighton-Brüdern!). Gleichzeitig gesteht er die falsche chronologische Zuschreibung ein; er behauptet, das Lied stamme aus einem «vulgären Witz-Album» («raunchy joke album»), welches in der Weimarer Republik beliebt gewesen sei. Doch für diese angebliche Version aus der Weimarer Republik weist er weder auf einen Interpreten noch irgendein Jahr hin. Es ist aber paradigmatisch dafür, dass Dr. Ludwig häufig später geschriebene Lieder als früher geschrieben darstellt und es mehr oder weniger überzeugend zu verstecken versucht.

«Historische Musik» – eine rechtsextreme Szene

Doch hinter diesen falschen Zuschreibungen verstecken sich nicht nur Schlager aus den 60er-Jahren. Oftmals sind es von Neonazis komponierte oder umgedichtete Stücke. In einem Reddit-Thread von 2021 identifiziert Benutzer:in u/MotherWishbone7385 ganze neun solche Lieder, die Dr. Ludwigs Kumpel Karl Sternau hochgeladen hat (Beide sind Teil eines «Deutschen Musikkanalbunds»). Von denen sind sieben auch auf seinem eigenen Kanal zu finden. Dass Dr. Ludwig rechtsextrem ist, ist ein schlecht gehütetes Geheimnis. Sein alternatives Pseudonym arminius1871 verbindet gleich zwei deutsch-nationalistische Bilder: den cheruskischen Anführer der Varusschlacht Arminius und das Gründungsdatum des Deutschen Reiches. Sein Reddit-Account war aktiv in den Foren r/monarchism und r/kaiserposting, in welchen Unterstützer von Monarchien im Allgemeinen, beziehungsweise Befürworter und Nostalgiker des deutschen Kaisertums verkehren.

Umso problematischer, dass sowohl Dr. Ludwig als auch Karl Sternau eine Trendsetter-Rolle einnehmen. Viele kleinere YouTube-Kanäle kopieren ihre Videos und laden sie hoch mit neuer Graphik, was die beiden nicht zu stören scheint – so auch bei In Honolulu. Mit Karl Sternau erhält diese Operation aber noch eine weitere Dimension, denn Karl Sternau macht selbst musikalische Aufnahmen, die er wiederum historisch inszenieren lässt. Die Verbreitung seiner Kreationen durch Wiederhochschalten von anderen YouTubern lässt er ausdrücklich zu, solange sein Name in der Videobeschreibung vorkommt. Beispielsweise dichtete er vier weitere Strophen zu einem in der Nachkriegszeit geschriebenen Lied namens Marsch der Verdammten: Lied der Fremdenlegion, lud es unter dem Namen Wo alle Strassen enden in mehreren Versionen auf YouTube hoch. Eine davon ist als «1. Weltkrieg-Version» betitelt, dessen Thumbnail «!!!All 5 Epic Stanzas!!!» verspricht – Irreführung auf ganzer Linie. Doch leider scheint sie zu funktionieren. Neben Dr. Ludwig haben noch zahlreiche andere Kanäle das Lied als ein Soldatenlied des 1. Weltkriegs hochgeladen, zumeist die Version Karl Sternaus mit den vier erfundenen Strophen. Allein die drei am häufigsten aufgerufenen Videos haben über 30 Millionen Klicks.

Videos als Foren für Rechtsextreme

Die Effektivität dieser Täuschungen lässt sich gut durch die Kommentare dieser Videos zeigen. Während mit dem Like/Dislike-Knopf nicht-spezifische Rückmeldung gegeben werden kann, wobei die Dislike-Anzahl ohne Browser-Anpassungen sowieso nicht mehr sichtbar ist, kann durch Kommentare genauere Rückmeldung gegeben werden. Gleichzeitig dient die Kommentarsektion als Forum für Nationalisten, Monarchisten und Neonazis. Durch Interagieren und Liken gelangen beliebtere Kommentare weiter nach oben. Ebenfalls kann der Ersteller-Kanal Kommentare zuoberst anheften oder auch Kommentare löschen. Dadurch ist es für eine aktive Community möglich, die Kommentarsparte zu dominieren. Obwohl Dr. Ludwig behauptet, einen apolitischen YouTube-Kanal zu betreiben, hält diese Illusion nicht lange. Auf dem Video In Honolulu finden sich Kommentare wie:

The song is about a german man being rejected by a native girl, who also says her husband can do anything (be equal) to the german. Literally the opposite of racism, yet some people would still say it’s racist […]
Guy got friendzoned and wrote a whole song about it. That’s a true German […]
Other colonial powers: Massacring millions of people
Germans:
Me and the bois singing this whilst we restart the German empire

Alle vier erhielten ein Like von Dr. Ludwig. Das Video, verstärkt durch die Kommentare, dient geradezu als Rechtfertigung eines «humanen» deutschen Kolonialismus wie besonders der dritte aufgelistete Kommentar zeigt. Dass unter anderem mit dem Genozid an den Herero und Nama in Namibia die Deutschen genauso brutale Kolonialpolitik betrieben, wird ausgeklammert. Ebenso ist es zweifelhalft, dass es sich bei diesem Lied um «das Gegenteil von Rassismus» handelt. Das erzählerische Ich geht an Land, um sich mit einem (wohl minderjährigen) Mädchen «zu amüsieren». Die Begegnung zwischen den beiden spricht Stereotypen von «edlen Wilden» an.

Die Kommentare können aber auch viel spezifischere politische Aussagen oder Forderungen beinhalten. Beispielhaft dafür ist Freikorps voran, eines der sieben identifizierte Neo-Nazi-Lieder von oben:

Not all heroes wear capes, they wear stahlhelms.
The more i learn of the Freikorps the more I sympathize with them as to why they formed in the first place. War hardened veterans fighting for their nation which in their view (and because of certain aspects of Versailles treaty) were being mistreated with many attempted communist revolts.
Gott mit uns. Frohes neues Jahr. Dieses Lied ist aktueller denn je. Heute brennt nicht „nur“ die Grenze …

Die Ästhetik des deutschen Kaiserreichs dient als Deckmantel für den wahren Inhalt. Geschichte wird als Schild für die politische Gesinnung benutzt. Bei Kritik benutzt Dr. Ludwig das Konzept der plausible deniability, glaubhafte Abstreitigkeit. Wie zuvor gesehen, tut Dr. Ludwig manchmal so, als wüsste er nicht, woher seine hochgeladenen Lieder stammen. Andermal behauptet er, dass es sich um Soldatenlieder handle, die vom Nazi-Regime zu trennen seien, oder dass die Verbindung zum Nazi-Regime keine Rolle spiele, «wenn man nur die kulturellen Aspekte davon mag». Ebenso distanziert er sich vom Vorwurf, ein Neonazi zu sein. Das sei Verleumdung, die nur auf Spekulation basiere. Denn sein YouTube-Kanal sei apolitisch und er verurteile jegliche Form von politischem und religiösem Extremismus, wie er in der Beschreibung des Kanals behauptet.

Dr. Ludwig – Einzelfall oder Musterbeispiel?

Bis anhin konnten Dr. Ludwig und seinesgleichen ihre Videos ohne grössere Probleme auf YouTube hochladen. 2019 kam es zu einer Welle von Videoentfernungen durch YouTube, indessen Dr. Ludwigs Kanal auch zeitweise weg vom Fenster war. Doch er wurde später wieder zugelassen. Im Verlauf des Verfassens dieses Blogbeitrags griff YouTube noch einmal durch: Am 7. oder 8. April 2026 wurde der Kanal wegen Missachten der YouTube Community Guidelines gesperrt. Ob das nun permanent ist, muss sich noch zeigen. Das Werk Dr. Ludwigs lebt momentan durch unzählige Reuploads kleinerer Kanäle fort. Insofern hat sich auf YouTube nichts Grundlegendes verändert. Das Neonazi-Lied Freikorps voran ist immer noch zugänglich.

Die hier aufgelistete Beispiele stellen nur die Spitze der Problematik dieser YouTube-Szene dar. Denn auch historische Musikstücke werden für Narrative der rechtsextremen Szene gesponnen – so Wo ist des Deutschen Vaterland oder Preussens Gloria. Infolgedessen ist nicht überraschend, dass es sich bei den hochgeladenen Liedern fast ausschliesslich um nationalistische handelt. Nicht zuletzt vermitteln sie damit auch musikgeschichtlich ein falsches Bild. So hörten die Menschen in der Weimarer Republik in den 1920er nicht irgendwelche deutsch-nationalistische Lieder, sondern Schlager, Jazz oder Operetten, sowohl englisch- wie auch deutschsprachige. Diese sind jedoch nur wenig bis kaum abgebildet. Hierin sollte die eigentliche Auseinandersetzung mit historischer Musik auf YouTube liegen: Was für Musik hörten Menschen im Jahr XY?