«Augustinus’ Hund» auf Reisen

«Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Händler, der schöne Perlen suchte. Als er aber eine besonders kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.» (Vulg Matth. 13, 45–46). Illustration: Basil Gallati

Die Welt schien dem Untergang nahe, als der iberische Priester Orosius seine Heimat verliess. Sein Ziel: die Verteidigung der Heilsgeschichte. Im Auftrag des Kirchenvaters Augustinus bereiste er den Mittelmeerraum und begegnete den wichtigsten Denkern der Spätantike.

Das Undenkbare war geschehen. 410 fiel Rom den Westgoten in die Hände und die Stadt wurde geplündert. Der Schock und die Verunsicherung der gesamten römischen Welt zeigten sich in den Worten des Kirchenvaters Hieronymus, als er verkündete, dass mit «einer Stadt der gesamte Erdkreis zugrunde gegangen» sei. Die Weltlage brachte nicht nur die römischen Kaiser in Verlegenheit, auch die Kirche sah sich mit einer ernstzunehmenden Sinnkrise konfrontiert. So verbreiteten sich zahlreiche christliche Irrlehren und aus heidnischen Gelehrtenkreisen wurden Stimmen laut, die dem Christentum die Schuld am Niedergang des Weltreiches zuwiesen.

Eine historische Rechtfertigung der Heilsgeschichte war dringend nötig geworden. Der Priester, der sich dieser schwierigen Aufgabe annahm, hiess Orosius und stammte aus Braga im Norden der iberischen Halbinsel. Verbände der Sueben zogen damals plündernd durch seine Heimat, was einer der Gründe gewesen sein mag, weshalb der Jüngling beschloss, zu verreisen. Dabei wurde er mit der dringendsten Frage seiner Zeit konfrontiert: Wie war es möglich, die christliche Heilsgeschichte im Angesicht der schütteren Weltlage zu verteidigen? Auf der Suche nach Antworten und im Bestreben, seinen Geist zu schärfen, begab sich Orosius kurz vor 413 nach Nordafrika, um dort Augustinus von Hippo aufzusuchen.

Herr und Meister

Als Orosius anreiste, war Augustinus gerade dabei, seine Bücher über den Gottesstaat zu verfassen, um die Kritiker der Heilsgeschichte Lügen zu strafen. Gottesfügung sei es gewesen, dass sie zueinander gefunden haben, meinte Orosius, als er im alten Augustin einen Meister fand, der gewillt war, sein Wissen mit dem «frommen und gelehrigen» jungen Mann zu teilen. Vom Bischof von Hippo habe er den Auftrag erhalten, ergänzend zu dessen Büchern über den Gottesstaat eine christliche Universalgeschichte zu verfassen, erklärte Orosius in der Einleitung zu seinem Geschichtswerk Sieben Bücher gegen die Heiden. Weiter beschrieb sich Orosius als «treuer Hund» des Augustinus und gelobte aus Liebe zu seinem Meister, dessen Feinde zu jagen. Der Bischof von Hippo schätzte Orosius’ Eifer und empfahl ihm, nachdem sie sich intellektuell ausgetauscht hatten, zwecks Weiterbildung den Asketen Hieronymus in Betlehem aufzusuchen. Der Vorschlag war nicht uneigennützig, denn der Weg in die Levante war beschwerlich und Augustinus hatte lange Zeit darauf gewartet, einen verlässlichen Boten für seine Briefe an Hieronymus zu finden:

Denn ich suchte jemanden, den ich zu euch senden könnte, und es war nicht leicht, jemanden zu finden, der sowohl durch seine Zuverlässigkeit bei der Ausführung als auch […] durch seine Reiseerfahrung qualifiziert war. Als ich diesen jungen Mann kennenlernte, konnte ich daher nicht daran zweifeln, dass er genau die Person war, um die ich den Herrn gebeten hatte.

So wurde Orosius durch einen Botengang Teil des wohl einflussreichsten Gelehrtennetzwerks seiner Zeit. In seiner Rolle als Briefträger galt Orosius als gottgesandt.

Gottgefälliger Händler

Für Kleriker aus der einflussreichen Kirche in Braga war es üblich, Bildungsreisen anzutreten, um neu erlangtes Wissen in die Heimatstadt zurückzutragen. Mit Orosius’ Reiselust und Wissbegierde konnte jedoch kaum ein Geistlicher mithalten. Er war gut mit den See- und Landrouten des römischen Reiches vertraut, da er vermutlich aus einer Kaufmannsfamilie stammte. Zumindest implizierte Orosius einen kaufmännischen Hintergrund, als er Augustinus darum bat, aus ihm ein fähiges Werkzeug des Herren zu machen:

Mach mich für meinen geliebten Herren zu einem fähigen Geschäftsmann, der die Perle erwirbt, und nicht zu einem fliehenden Sklaven, der nach Verlust des Vermögens zurückkehrt.

Hierbei spielte Orosius auf eine Stelle im Matthäusevangelium (Vulg 13, 45–46) an, in der ein Händler erkennt, dass in einer Perle das gesamte Himmelreich steckt. Gottgefällig gibt der Händler sein gesamtes Vermögen aus, um ebendiese Perle zu erwerben. In seiner Bitte an Augustinus verknüpfte der Iberer seinen weltlichen Hintergrund mit seiner Tätigkeit als Priester, um sich als fähigen Gesandten anzubieten.

Neben der Bekundung seiner Lernbereitschaft versteckte Orosius ein weiteres Anliegen in diesem Satz: Er fragte Augustinus nach Geld und Unterstützung für seine Reisen. Beides hatte er bitter nötig, denn selbst wenn er kostengünstige Schiffsfahrten organisierte, hätte er die Kosten für seine Reisen kaum aus eigener Tasche bezahlen können. Weit von der Heimat entfernt war Orosius für Kost und Logis auf die kirchlichen Netzwerke des Augustinus angewiesen. Glücklicherweise entpuppte sich sein Meister als spendabler Auftrags- und Geldgeber, der seinen Schüler unterstützte, wo er nur konnte.

Als Orosius um 415, vermutlich auf Handelsschiffen, der nordafrikanischen Küste entlang in Richtung Betlehem segelte, machte er mehrmals Halt, um die römische Welt zu erkunden, die mutmasslich im Begriff war zu zerfallen. Sehr wahrscheinlich sammelte er bereits zu diesem Zeitpunkt Textstellen für seine Auftragsarbeit und überflog während seines Aufenthalts in Alexandria die Geschichtsbücher der Bibliothek. Das angelesene Wissen konnte Orosius mit seinen Reiseerfahrungen in Verbindung setzen, weil er die Schauplätze der Weltgeschichte mit eigenen Augen betrachten konnte.

Reisekosten:
Mit dem geografischen Netzwerkmodell der römischen Welt «Orbis» kann Orosius’ Route anhand seiner Reiseziele berechnet werden. Zwischen 413 und 418 legte er etwa 17’600 Kilometer zurück, wobei er sich fast 140 Tage auf Seerouten und 10 Tage auf Landwegen befinden haben musste. Sollte er aufgrund seiner Reiseerfahrung immerzu günstige Reisevarianten zur Sommerzeit gewählt haben, dann lagen die Transportkosten für das benötigte Tierfutter aufsummiert bei etwa 60 denarii (dies entspricht etwa dem halben Jahreslohn eines römischen Soldaten). Die Preiszuschläge auf Handelsschiffen, die Ausgaben für Proviant, Logis oder bequeme Fortbewegungsmittel sind hierbei nicht eingerechnet. So darf man mit deutlich mehr Kosten rechnen, die zumindest teilweise von der Kirche getragen wurden.

Streit in der Levante

Wie zu erwarten, fand Orosius sicher seinen Weg nach Bethlehem, um sich dort mit Hieronymus auszutauschen. Doch kaum war er angekommen, überschlugen sich die Ereignisse. Im nahegelegenen Jerusalem wurde der Laienmönch Pelagius verhört, dessen Ideen bereits 411 von Augustinus verurteilt worden waren. Pelagius war der Meinung, dass die Ursünde Adams nur diesen selbst träfe und nicht das gesamte Menschengeschlecht, was in deutlichem Widerspruch zu Augustinus’ Erbsündenlehre stand. Sozusagen als Stellvertreter für Augustinus wurde Orosius 415 nach Jerusalem zitiert, um vorzusprechen. Er witterte die Chance, den Feind seines Meisters zur Strecke zu bringen und die «wahre» Kirchenlehre gegen den Häretiker zu verteidigen.

Die Erwartungen des Iberers an den Prozess wurden jedoch schwer enttäuscht. Die Versammlung schenkte Pelagius tatsächlich Gehör und begann, den vermeintlich abgeschlossenen Fall neu aufzurollen. Orosius’ Anklagereden stiessen auf taube Ohren und Pelagius wurde überraschend freigesprochen. Eine derartige Demütigung konnte der Iberer nicht unbeantwortet lassen, weswegen er schwere Vorwürfe gegen den ortsansässigen Klerus erhob. Er unterstellte den versammelten Klerikern eine Mitschuld an den Häresien des Pelagius und bezichtigte sie der Verleumdung. Wenig überraschend bedeutete dies das Ende der Gastfreundschaft und ihm wurde deutlich gemacht, dass er nun wieder abreisen sollte.

Vor seiner verfrühten Rückreise erwartete Orosius jedoch eine freudige Überraschung. Sein langjähriger Freund Avitus von Braga, der ebenfalls in Jerusalem anwesend war, um die Anklage gegen Pelagius mitzuverfolgen, vertraute ihm ein wertvolles Paket an. Erst kürzlich waren Reliquien des heiligen Stephanus in der Nähe von Jerusalem aufgefunden worden, von denen Avitus einige Knochen hatte erwerben können. Die Heiligengebeine wollte Avitus der Kirche von Braga zukommen lassen, weswegen er Orosius als Geleitschutz für den heiligen Stephanus anwarb. Mit den Reliquien im Gepäck machte sich Orosius nach Iberien auf, um den heiligen Stephanus an seine neue Ruhestätte zu bringen. Diesem Vorhaben kam er aber nicht sofort nach und eilte erst nach Nordafrika, um Augustinus über die bestürzen den Geschehnisse in Jerusalem zu informieren. Wenig später nahm sich Orosius vor, die Reliquien nach Braga zu transportieren, doch er legte sie aus ungeklärten Gründen in Menorca ab und kehrte nach Nordafrika zurück. Sowohl auf Menorca als auch entlang der nordafrikanischen Küste entwickelte sich kurz darauf ein Stephanskult, der durch Orosius’ Reise ausgelöst wurde.

Und der Rest ist Geschichte…

Zurück in Nordafrika verarbeitete Orosius um 417 die Notizen und Eindrücke seiner Reise in seinen Sieben Büchern gegen die Heiden. Seine Mittelmeertour ist demnach als Teil eines Arbeits- und Denkprozesses zu verstehen, der zu einem Werk führte, das die Geschichtstheologie des Mittelalters prägen sollte. In den Unruhen seiner Zeit erblickte Orosius die Entfaltung des Heilsgeschehens, wobei er eine fortschrittsoptimistische Perspektive einnahm. So deutete er beispielsweise den Fall Roms 410 als Gottesstrafe für die heidnische Bevölkerung durch die Hände der neu christianisierten Westgoten. Er behauptete, dass die Plünderung Roms unter grosser Rücksichtnahme auf Kirchen und Christ:innen statt gefunden habe – offensichtlich eine überaus gewagte Aussage. Für Orosius führte die zunehmende Christianisierung der Menschheit zwangsläufig zu einer besseren Welt.

Orosius’ Reiseziele und Routen zwischen 413 und 418. Illustration: Basil Gallati

Am Fortschrittsoptimismus seines Schülers hatte Augustinus keine Freude, zumal er der Ansicht war, dass sich das Heilsgeschehen nicht in der Geschichte widerspiegle. Womöglich hatte ihre Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Geschichtsdeutung zur Folge, dass sich die Wege der beiden Geistlichen um 418 in Unfriede trennten. Orosius wird wohl nach Braga zurückgekehrt sein, doch über seinen weiteren Verbleib ist nichts bekannt. Vielleicht fiel er plündernden Sueben oder Westgoten zum Opfer, was einer gewissen Ironie nicht entbehren würde.