Seit 150 Jahren prägt der Kursaal das gesellschaftliche Leben in Baden. Die Sonderausstellung des Historischen Museums Baden Mittendrin im Vergnügen lädt dazu ein, die bewegte Geschichte dieses einzigartigen Ortes zu entdecken. Zwischen verschwundenen Brunnen, prunkvollen Sälen und lebendigen Erinnerungen wird die Vergangenheit dieser Stadt wieder sichtbar.
Mit Generalversammlung, Konzert, Bankett und Ball eröffnete Baden am 13. Mai 1875 seinen neuen Kursaal. Der prachtvolle Saal entwickelte sich schnell zum Herzstück der Stadt: Er war ein Ort des Spiels, der Begegnung und der Unterhaltung, sowohl für die Einheimischen als auch für die Kurgäste. Nobel gekleidete Frauen in langen Röcken und Federhüten, Männer im Frack mit Melone und Stock flanierten durch den Kurpark und warteten auf das bevorstehende Konzert. Die Stadt Baden befand sich in voller Blüte, und der Tourismus lief auf Hochtouren.
Dass ein solches Haus entstehen konnte, war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrhundertealten Tradition. Der Ursprung der Bäderstadt Baden reicht bis in die Römerzeit zurück. Seit rund 2000 Jahren wird im warmen Wasser der Quellen gebadet. Als im 19. Jahrhundert das Bewusstsein für Hygiene wuchs und die Medizin neue Erkenntnisse gewann, nahm die Nachfrage nach Kuren erneut stark zu und lockte besonders internationale Gäste an die Limmat. Zwischen 1860 und 1875 sowie während der Belle Époque entstanden in Baden zahlreiche Hotelanlagen, darunter das berühmte Grand Hotel. Nebst dem therapeutischen Nutzen der warmen Quellen war die Kur vor allem auch ein sozialer Akt, bei dem Vergnügen und Erholung im Vordergrund standen. Während tagsüber der Dampf aus den Thermalquellen aufstieg, erstrahlten abends im Kursaal die Lichter, und im Klang der Musik verdichtete sich alles, was Baden in jener Zeit ausmachte: Tradition, Aufschwung und Geselligkeit.
2025 feierte der Kursaal sein 150-jähriges Jubiläum. Anlässlich dessen lädt die Sonderausstellung des Historischen Museums Baden Mittendrin im Vergnügen. Kursaal – Stadtsaal – Spielcasino vom 29. August 2025 bis zum 5. Juli 2026 dazu ein, die bewegte Geschichte dieses einzigartigen Ortes zu entdecken. Dazu gibt es ein vielfältiges Begleitprogramm, das nebst eindrucksvollen Führungen auch spannende Vorträge und Lesungen anbietet. Am 21. Februar nahm ich an der Führung «Vom Bad zur Kur – Vergessene Orte im Bäderquartier» teil. Sie fand im Rahmen der Ausstellung Thermal Commons – Die soziale Kraft des Thermalwassers im ehemaligen Inhalatorium an der Limmatpromenade statt und schlug eine Brücke zur Jubiläumsausstellung.
Im alten Inhalatorium schmücken zahlreiche Informationsplakate die Wände und erlauben erste Einblicke in die lange Geschichte der Bäder. Um 1800 erodierte der Trend des Gemeinschaftsbads, weshalb auch die Besuchszahlen in den Bädern deutlich zurückgingen. Damit kam die Trinkkur wieder in Mode. Thermalwasser wurde immer schon getrunken, obwohl der tatsächliche Nutzen für die Gesundheit über lange Zeit umstritten blieb. So wurden in Baden besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Trinkbrunnen errichtet. Je heisser und schwefelhaltiger das Wasser war, desto mehr Heilwirkung wurde einem Brunnen zugesprochen. Demzufolge waren die Brunnen, die möglichst nahe bei einer Quelle lagen, besonders beliebt. An der Stelle des heutigen Inhalatoriums wurde in Baden 1835 eine städtische Trinklaube errichtet: Es entstand ein neuer öffentlicher Ort für die Kurgäste, der nebst den Trinkbrunnen auch mit morgendlichen Konzerten die Gäste anlockte.
Mit dem ersten Weltkrieg blieben der Stadt Baden die internationalen Gäste aus. Die Kur büsste ihre gesellschaftliche Funktion weitgehend ein, weshalb zunehmend Kranke und Gebrechliche den Weg in die Bäder fanden. So setzten sich auch in Baden neue Kurpraktiken durch. Das neue Motto hiess: Inhalieren statt trinken! Eingeführt wurde das Einatmen der heissen Schwefelwasserdämpfe bereits 1824 vom bayrischen Arzt Karl von Gimbernat. Im Jahr 1911 konnte der Zürcher Arzt Dr. Diebold, der auf Nasen- und Halskrankheiten spezialisiert war, durchsetzen, dass auch in Baden die ehemalige Trinklaube durch ein medizinisches Inhalatorium ersetzt wurde. Dabei handelte es sich um einen geschlossenen Raum, in dem Inhalationsapparate einen dichten Nebel erzeugten. Die Wirkstoffe der Dämpfe sollten bis tief in die Lunge dringen und dort für Heilung der Atemwege sorgen.
Unsere Reise durch die Geschichte der Stadt führt uns weiter mitten ins Herz des Bäderviertels: zum Kurplatz Baden. Hier befanden sich das öffentliche Freibad und die «Armenbäder». Im Zuge der Aufklärung und im Glanz der internationalen Gäste galt das öffentliche Baden zunehmend als unschicklich, weshalb die Einheimischen und ärmeren Gesellschaftsschichten zunächst ihre öffentliche heisse Quelle verloren. 1851 wurde die bereits bestehende städtische Trinklaube im Untergeschoss des Gebäudes mit zwölf öffentlichen Bädern ergänzt, was auch der lokalen Bevölkerung das Baden in warmem Wasser wieder ermöglichte.

Noch grösserer Beliebtheit als die Trinklaube erfreute sich der 1844 errichtete Rundpavillon mit Trinkbrunnen auf dem Kurplatz. Da er direkt an der Quelle beim «Heissen Stein» lag, war sein Wasser besonders heiss und schweflig. Dem Trinkbrunnen wurde deswegen der Name «Eierbrünneli» verliehen. Bereits ein Inserat aus der Zeitung Fremdenblatt von 1912 für das Bäderhotel Verenahof-Limmathof preist seine günstige Lage direkt am Kurbrunnen an und unterstreicht damit die weitreichende Bedeutung des beliebten «Eierbrünneli». 1938 wurde der Brunnen trotz seiner grossen Beliebtheit abgebrochen.

Noch heute prägen Brunnen das Strassenbild von Baden. Im Rahmen der Führung besuchten wir mehrere ehemalige Standorte. Angefangen bei den Trinkbrunnen der städtischen Trinkhalle «Pavillon» – die 1967 als lebendiger Treffpunkt für Kurgäste entstanden, bevor sie 2016 dem Thermalbad Fortyseven weichen mussten – bis hin zum einstigen Thermalbrunnen an der Limmatpromenade, dessen Wandnische noch heute sichtbar ist. Auch im Innenhof des früheren Badgasthofs Staadhof und auf dem Platz daneben erinnerten wir uns an ehemalige Trinkbrunnen, die das Thermalwasser direkt zugänglich machten. Den Abschluss bildete der Mosaikbrunnen in Ennetbaden mit dem «Jungbrunnen»-Motiv von Karl Otto Hügin, das seit 1944 den Brunnen schmückt. So zeigte sich auf unserem Weg vor allem eines: Viele Brunnen sind verschwunden, hinterlassen aber mancherorts ihre Spuren. Nur vereinzelt steht heute noch ein Brunnen an historischer Stelle und führt die Badekultur weiter.

Die Führung liess vergangene Zeiten noch einmal aufleben: Die lebendigen und spannenden Schilderungen sorgten bei mir nicht nur für reiche Erkenntnisse, sondern auch für grosse Begeisterung. Baden hat seine Gestalt immer wieder verändert und doch seinen Kern bewahrt: das lebendige Miteinander rund um die Thermalquellen. Der Kursaal bleibt damit nicht nur ein glanzvolles Bauwerk, sondern ein Symbol für 150 Jahre gelebte Badener Geschichte. Ich kann nur wärmstens dazu einladen, die weiteren Programme der Sonderausstellung Mittendrin im Vergnügen des Historischen Museums Baden zu besuchen.
Literatur
Müller, Florian: Das vergessene Grand Hotel. Leben und Sterben des grössten Badener Hotels 1876–1944, Baden 2016.
Wiederkehr, Ruth; Nater Cartier, Carol: Herz des Kurorts, Stadtsaal, Spielcasino. 150 Jahre Kursaal Baden, Zürich 2025.
Die Sonderausstellung des Historischen Museum Badens Mittendrin im Vergnügen. Kursaal – Stadtsaal – Spielcasino findet noch bis zum 05.07.2026 statt. Mehr Informationen zur Ausstellung unter https://museum.baden.ch/de/startseite/ausstellungen/mittendrin-im-vergnuegen.html/3483.