Die 68er aus feministischer Perspektive – ein Frauenstadtrundgang durch Zürich

Demonstrierende versammelten sich 1968 im Globusprovisorium, nachdem die Stadt abgelehnt hatte, dort ein Jugendzentrum einzurichten. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Mit Protestliedern, historischen Fotografien und Besuchen an bekannten Zürcher Orten: Die Veranstaltung «Von Utopie und Aufbruch» des Frauenstadtrundgangs Zürich führt zu wichtigen Schauplätzen der 68er-Bewegung und erzählt die Geschichte jener Frauen, die den Aufbruch mitprägten, in der Geschichtsschreibung jedoch oft übergangen wurden.

«Die Frauen hatten in den Organisationen der 68er nichts zu sagen. Sie waren gut, um den Kaffee zu machen und fürs Bett.» Dieses Zitat der Aktivistin Christiane Brunner wird an der ersten Station des Frauenstadtrundgangs Zürich über die 68er-Revolution vorgelesen. Im Verlauf des Rundgangs mit dem Titel «Von Utopie und Aufbruch» wird sich zeigen, dass dies so nicht ganz der Fall gewesen ist. Die Tourleiterinnen Daniela Strika und Nina Labhart sprechen über die Ziele der feministischen Aktivistinnen, die mediale Reaktion auf ihre Aktionen und auch die Konflikte innerhalb der Bewegung. Sie sind Teil der Organisation Frauenstadtrundgang Zürich, die 1991 von Geschichtsstudentinnen und Historikerinnen gegründet wurde, weil sie mit dem Studium nicht zufrieden waren, das sich vorwiegend auf die Geschichte von «grossen Männern» fokussierte. Die Gruppe setzt sie sich mit Frauen- und Geschlechtergeschichte auseinander und macht im Zürcher Stadtraum sichtbar, dass Frauen schon immer Einfluss auf Geschichte hatten.

Zwischen Gesang und Krawall

Der Frauenstadtrundgang beginnt mit einer musikalischen Einlage der Chorband DOL & SOL (Dancing Old Ladies and Singing Old Ladies). Es ist das erste Mal, dass die beiden Organisationen zusammenarbeiten. Die älteren Frauen singen engagiert zwei feministische Lieder. Sie betonen, dass Gesang bereits bei den Suffragetten, den Aktivistinnen für das Frauenstimmrecht, eine wichtige Form des Widerstands und freudigen Demonstrierens war. Die Teilnehmer:innen des Rundgangs hören interessiert zu. Unter uns finden sich Personen quer durch alle Altersklassen, mehrheitlich Frauen, wobei auch zwei Männer teilnehmen. Unsere Gruppe zieht die Aufmerksamkeit der Passant:innen auf sich, von denen sich einige dazugesellen und die Performance beobachten. Wir befinden uns nahe des Centrals vor dem Globusprovisorium – ein ziemlich unauffälliges Gebäude, das heute einen Coop beherbergt.

Der Kampf um dieses Gebäude war 1968 der zündende Funke der Jugendunruhen in Zürich. Die Fortschrittliche Arbeiter- und Studentenschaft (FAS) schlug der Stadt vor, im damals leerstehenden Gebäude ein Jugendzentrum einzurichten. Die Jungen wollten einen Raum für sich, frei von restriktiven Normen. Da die Stadt der Forderung nicht nachkam, fand am 29. Juni eine Demonstration statt, die nicht zuletzt wegen dem Eingreifen der Polizei eskalierte. Die beiden Tourleiterinnen zeigen Fotos der Strassenkämpfe, die erahnen lassen, wie aufgeheizt die Stimmung damals war. Auch lesen sie Auszüge aus Zeitungsartikeln über die sogenannten «Globuskrawalle» vor. Diese zeichnen das Bild einer Jugend, die vom kommunistischen Ostblock indoktriniert worden sei und sich gegen das eigene Land stelle. Die Demonstrierenden selbst warfen der Polizei vor, die ursprünglich friedlichen Demonstrationen durch ihr Eingreifen eskaliert haben zu lassen. Die Polizei habe «die Globusdemonstrationen in den Globuskrawall umgeprügelt.»

Demonstrierende 1968 vor dem Globusprovisorium nahe des Centrals. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Wir machen uns auf den Weg zur nächsten Station. Nach einigen Minuten befinden wir uns über dem heutigen Urania-Parkhaus. Was bei den Globuskrawallen gefordert wurde, erfüllte sich hier mit der Eröffnung des Lindenhofbunkers. In einem ehemaligen Luftschutzbunker des Zweiten Weltkrieges wurde im Oktober 1970 das erste autonome Jugendzentrum Zürichs eröffnet. Es war ursprünglich als ein Zentrum gedacht, in dem junge Leute über Politik diskutieren und Aktionen planen, aber auch Unterhaltungsveranstaltungen besuchen konnten. Ausserdem gab es ein Angebot zur psychologischen Beratung für belastete Jugendliche. Der Bunker wurde allerdings nach nur 68 Tage wieder geschlossen. Der Kampf um einen autonomen Raum für junge Leute blieb weiterhin bestehen.

Frauenstimmen für Veränderung

Unsere Gruppe läuft weiter in Richtung Münsterhof. Eine Teilnehmerin erzählt, dass ihr Vater ebenfalls bei den Demonstrationen um das Globusprovisorium teilgenommen habe und von der Polizei durchsucht worden sei. Auf dem Münsterhof angekommen erfahren wir, dass hier am 1. Mai 1969 eine Rede von Claudia Honegger stattfand. Die damals 21-Jährige war die erste Frau, die als offizielle Rednerin in der Geschichte des schweizerischen 1. Mai auftrat. Sie studierte Nationalökonomie, Philosophie und Soziologie an der Universität Zürich und übernahm 1990 den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Universität Bern. Mit dem Buch «Die Ordnung der Geschlechter» brachte sie ein Standardwerk der Geschlechterforschung heraus.

Immer wieder geben die Tourleiterinnen interessante Hinweise auf Forschungsliteratur und Quellen. Die Geschichten erzählen sie lebendig und unterstreichen sie mit Fotografien und Zitaten. Am Beispiel von Claudia Honegger zeigen die Guides, welche Forderungen Frauen in der Bewegung durchsetzen wollten. Nicht nur das Stimm- und Wahlrecht, das Schweizer Frauen auf Bundesebene 1971 erhielten, war eine wichtige Forderung. Honegger kritisierte auch die Bewegungen der Linken selbst, in denen die «Frauenfrage» oft nur als Nebensache galt, die sich mit der Abschaffung des Kapitalismus von selbst lösen würde, und Gewerkschaften, die oft als «Männersache» gesehen wurden.

Keine Dekoration für jeden Mister

Am dritten Standort – wir befinden uns nun bei der Frauenbadi – wird uns von zwei wichtigen Ereignissen erzählt. 1968 fand im Schauspielhaus das 75-Jahres-Jubiläum des Konservativen Frauenstimmrechtsvereins statt, das von Mitgliedern der Frauenbefreiungsbewegung (FBB) unterbrochen wurde. Die FBB bestand von 1968 bis 1988 und war die grösste Fraktion der schweizerischen Frauenbewegung nach 1968. Sie forderten unter anderem die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, den Bruch mit der restriktiven Sexualmoral und traditionellen Geschlechterrollen sowie den freien Zugang zu Verhütungsmitteln. In der Übernahme des transnationalen Slogans «Das Private ist politisch» widerspiegelt sich diese Thematisierung von Tabuthemen.

1969 fand an der Zürcher Riviera eine weitere Protestaktion statt. Nachdem eine FBB-Aktivistin aus Protest an einem Schönheitswettbewerb teilgenommen und einen Kleidergutschein gewonnen hatte, wurden die damit erworbenen Kleider verkauft, um einen symbolischen Antibabypillen-Automaten am Bellevue aufstellen zu können. Eine lebensgrosse Pappmachefigur wurde bemalt und die beteiligten Frauen schminkten sich, bis sie «dämlich» aussahen. Die Tourguides lesen einen Flyer vor, der damals verteilt wurde.

«Wir sind keine Dekorationsobjekte für jeden Mister»

, heisst es darauf. Fotos der jungen Aktivistinnen zeigen die Unterschiede zwischen der Konservativen und der Neuen Frauenbewegung auf. Die jungen Frauen brachen aus Geschlechterstereotypen aus: Sie waren laut, bunt, frech und für viele Leute irritierend. Etwas schade ist, dass diese beiden Ereignisse – wohl aus Zeitgründen – nicht direkt dort erzählt werden, wo sie sich ereignet hatten.

Die Revolution im Kindergarten

Die letzte Station des Rundgangs ist das Altstadthaus, wo wir uns ein wenig entfernt vom Gebäude auf eine Betonbank setzen. Hier gründete die FBB 1970 den ersten Experimentierkindergarten. In den 60ern und 70ern gab es zwar mehr berufliche Möglichkeiten für Frauen, aber Mütter trugen weiterhin die Hauptverantwortung für die Erziehung. Es bestand die Vorstellung, dass eine enge Mutter-Kind-Bindung notwendig für eine positive Entwicklung des Kindes sei. Ausserdem waren die öffentlichen Kinderkrippen überfüllt und wurden abschätzig «Abstellplätze» genannt. Die FBB sah die Lösung in kollektiver Erziehung, die auch den Vätern Verantwortung zuwies und den Kindern von klein auf egalitäre Geschlechterrollen beibrachte. Sie setzten in der Erziehung den Fokus auf das freie Spielen der Kinder, anstatt auf Disziplin und Ordnung. Bis Ende der 70er gab es bereits elf solche Kindergärten, von denen zwei bis heute existieren. Viele ihrer Leitsätze übernahmen mit der Zeit auch öffentliche Kindergärten.

Der Frauenstadtrundgang lädt dazu ein, Geschichte aus neuen Perspektiven zu entdecken. Bekannte Orte erscheinen in einem neuen Licht, während historische Zusammenhänge auf kreative und abwechslungsreiche Weise vermittelt werden. Die Inhalte stützen sich auf aktuelle Forschungsergebnisse, sind aber mit eingehenden Bildern und Zitaten aufbereitet. Gerade diese Verbindung macht den Rundgang zu einer bereichernden und erfrischenden Erfahrung, die Vergangenheit und Alltag Zürichs zusammenbringt.

Für Interessierte gibt es neben dem erwähnten Frauenstadtrundgang weitere Führungen zu verschiedenen Themen. Der nächste Frauenstadtrundgang mit dem Titel «Frauen zwischen Lust und Zaster» findet am 5. Juli um 11:00 statt. Alle Informationen sind unter frauenstadtrundgangzuerich.ch zu finden. Tickets können online oder vor dem Rundgang vor Ort erworben werden.

Literatur
1: o.A.: Heute vor 50 Jahren: Eröffnung AJZ Lindenhofbunker in Zürich, srf.ch, <https://www.srf.ch/audio/tageschronik/heute-vor-50-jahren-eroeffnung-ajz-lindenhofbunker-in-zuerich?id=69f0e8d5-a11c-48fa-99f3-a91c1ccb558d>, Stand: 25.6.2026.
2: Joris, Elisabeth:  „Frauenbefreiungsbewegung (FBB)“, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 2022. Online: <https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016504/2022-12-06/>, Stand: 25.6.2026.