Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor

Lisa Gnirss, Ausgabe 2013/II

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KLASSIKER DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Von Hirten und Liebhabern, Ketzern und Ehebrechern. Emmanuel LeRoy Ladurie entführt mit seinem Grosserfolg Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor in eine Welt voller Sünden und Lebenslust, voller Gerüchte und Geschichten und nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine mikrogeschichtliche Beobachtungsreise ins südliche Frankreich des frühen 14. Jahrhunderts.

Pierre Maury, Pierre Clergue oder Béatrice de Planissoles – so die Namen einiger schillernder Helden in Laduries Erzählung. Ihre abenteuerlichen Liebschaften, verblüffenden Gewohnheiten und unkonventionellen Ansichten fesseln den Leser, vermitteln ihm einen Eindruck des französischen Lebens im späten Mittelalter fernab von königlichen Höfen und Burgen und erfüllen wohl auch ein Stück voyeuristische Neugierde. Vor dem Hintergrund der Inquisition vermittelt das Werk einen Eindruck der Gedanken- und Gefühlswelt der Bewohner und Bewohnerinnen von Montaillou und spannt ein verwobenes Netz um die verschiedenen domus (Hausgemeinschaften), ihre Freund- und Feindschaften und ihre vielen Geheimnisse.

«Ein einfühlsamer Inquisitor»

1244, nach dem Fall der Burg von Montségur, war der Kreuzzug des französischen Königs und der römisch-katholischen Truppen gegen die Albigenser endgültig gewonnen, die einst grosse Macht der okzitanischen Ketzer gebrochen und die Region des Languedoc von Frankreich annektiert. Dennoch hielt sich das ketzerische Gedankengut hartnäckig in der Region; selbst die vom Papst zum Zwecke der Ausrottung des katharischen Glauben geschaffene Inquisition kämpfte noch lange gegen immer wieder neu aufkeimende ketzerische Gruppen. Mit Bischof Jacques Fournier, dem späteren Papst Benedikt XII., erhielt die katharische Häresie schliesslich einen ihrer erfolgreichsten Gegner: Nachdem er 1317 zum Bischof von Pamiers geweiht worden war, unternahm er alles, um die Rechtgläubigkeit in seinen Gemeinden wiederherzustellen. Von diesem Bemühen zeugt der zwischen 1318 und 1325 entstandene Inquisitionsakten, die Ladurie seinem Werk als einzige Quellen zugrunde legt und in seiner Ausführlichkeit die ketzerischen Bauern Montaillous «in eigener Sache reden» lässt. In der Einleitung lobt Ladurie das Pflichtbewusstsein und die Beharrlichkeit des Bischofs und bezeichnet ihn gar als «einfühlsamen Inquisitor». Er ist überzeugt, dass der Bischof mit «viel Spürsinn und grosser Geduld» arbeitete und «nur die Wahrheit wissen» wollte. Dass diese recht knapp und gutgläubig ausgefallene Quellenkritik Laduries nach der Publikation seines Werks zu einigen Diskussionen geführt hat, überrascht nicht. Auch lässt Ladurie die Tatsache unbeachtet, dass die Berichte während den Verhandlungen jeweils dreimal übersetzt wurden – vom ursprünglichen okzitanisch in die lateinische Aktensprache, wieder zurück ins okzitanische zur Überprüfung durch den Angeklagten und mit den Änderungen erneut ins Lateinische – und sich dabei wohl der ein oder andere Fehler eingeschlichen haben wird. Es ist nicht verwunderlich, dass die Verwendung von Gerichtsakten in der historischen Forschung bis heute Probleme verursacht, da der aussergewöhnliche Entstehungskontext der gerichtlichen Quellen kaum genug berücksichtigt werden kann.

Die Regeln der katharischen Lehre waren strikt und liessen vordergründig kaum Freiraum in der Lebensgestaltung: Von der Sexualität bis zum Fleischkonsum gab es unzählige Verbote, und eine Erlassung der Sünden kannte die katharische Lehre nicht. Doch galten die strengen Gebote nur für den kleinen teil der perfecti, die normalen credentes unter den Katharern lebten frei und unbekümmert. Schon die Tatsache, dass ein ganzes Kapitel der «Libido der Clergues», der Familie des Polygamen und ketzerischen Pfarrers von Montaillou, gewidmet ist, zeigt, wie flexibel die Auslegung der katharischen Lehre gehandhabt wurde. So begegnet man – mitunter verblüfft von den detailreichen Beschreibungen – in dem kleinen Dorf am Rande der Pyrenäen einer sehr lebensfrohen Gesellschaft. Die hin und wieder gestreuten Kommentare Laduries sorgen zusätzlich für Unterhaltung; er spricht von einer «epikuräischen Sexualmoral» und gibt die Überzeugung der Bauern wieder, dass, «was Spass macht, keine Sünde sein könne.»

Der erste Teil des Buches ist der Ökologie von Montaillou gewidmet, er beschreibt die grossen Zyklen: den Wechsel der Jahreszeiten und den Rhythmus des Wanderlebens der Schäfer. Im zweiten und viel ausführlicheren Teil wird die Mentalität der Bewohner und Bewohnerinnen thematisiert, ihre Vorstellungen von Liebe und Ehe, Vergänglichkeit und Tod, Religion, Moral und Arbeit. Was das Leseerlebnis betrifft, ist das Werk an der Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Abhandlung und historischem Roman angesiedelt. Laduries vertraulicher Schreibstil sorgt dafür, dass sich der Leser schnell in der Welt der lebensfrohen Ketzer zurechtfindet und Sympathien entwickelt.

Ladurie: Experte des bäuerlichen Frankreichs

Ein Sohn aus bedeutendem und politisiertem Hause – in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre engagierte sich Laduries Vater für bäuerliche Gewerkschaften, bevor er kurze Zeit unter Pierre Laval als Landwirtschaftsminister arbeitete und sich schliesslich der Résistance anschloss – kam Ladurie schon früh in Berührung mit der Welt des bäuerlichen Frankreichs. Mit seiner Doktorschrift Les paysans de Languedoc begründete er 1966 seinen Status als Experte des ländlichen Frankreichs. Es handelt sich dabei um eine umfassende Studie des bäuerlichen Lebens im Languedoc vom 14. bis ins 18. Jahrhundert unter Berücksichtigung demographischer, ökonomischer, religiöser, sozialer und intellektueller Gesichtspunkte. In der Tradition seines Lehrmeisters Fernand Braudel lag Laduries Augenmerk auf langfristigen Kontinuitäten und langsamen Zyklen, er verfolgte das Konzept der longue durée. 1967 folgte Histoire du climat, eine Chronologie der klimatischen Veränderungen vom 10. bis ins 20. Jahrhundert und ein Paradebeispiel für die von der Annales-Gruppe geforderte Verknüpfung der Historiographie mit den Methoden anderer Wissenschaften. 1975 schliesslich erschien Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor und sicherte Ladurie einen Platz in den Reihen der grossen Historiker. Seine steile Karriere an renommierten französischen Universitäten gipfelte 1967 in der Position des Herausgebers der Annales und 1973 in der Nachfolge von Braudels Lehrstuhl für die Geschichte der modernen Zivilisationen am Collège de France.

Abgrenzung von traditionellen Annales-Methoden

Doch nicht in allen Punkten stimmte Ladurie mit Braudel und den Vätern der Annales-Bewegung Bloch und Febvre überein: Er grenzte sich gegenüber deren rein makrogeschichtlichen Methoden ab und gilt als Mitbegründer der Mikrohistorie. Die in den 1970er-Jahren entwickelte historiographische Strömung machte es sich zum Ziel, durch eine Veränderung des Blickwinkels und ein verkleinertes Beobachtungsfeld Handlungsbedingungen und Handlungen ausgehend von einzelnen Menschen und ihren Beziehungen zu deuten und so vorweggenommene Kategorisierungen zu vermeiden. Die Beweggründe historischer Prozesse sollten anhand lebensgeschichtlicher Zusammenhänge erkennbar werden und der Mensch als einfaches Individuum erneut in der Geschichtsschreibung Platz finden. Der Widerspruch der tatsächlichen Lebensverhältnisse der Bewohner von Montaillou zur strengen katharischen Doktrin illustriert die Vorteile des mikrohistorischen Ansatzes: Der makrohistorischen Forschung, die von grossen Strukturen auf die kleinen Leute schliesst, wären diese Diskrepanzen wohl entgangen. Die Fokussierung auf die Bewohner und Bewohnerinnen eines einzigen Dorfes und ihre Gedanken- und Gefühlswelt machte Montaillou zusammen mit Carlo Ginzburgs Der Käse und die Würmer zu einem Standardwerk der Mikrogeschichte und – nicht zuletzt dank Laduries literarischen Qualitäten – zu einem Publikumserfolg.

 


Literatur

• Le Roy Ladurie, Emmanuel: Montaillou. Village occitan de 1294 à 1324, Paris 1975 (deutsche Übersetzung Berlin 2000).

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