«Historikerinnen haben genauso viel zur Gegenwart zu sagen wie Politologen» – Der neue SpezMaster Zeitgeschichte

Anne-Christine Schindler, Januar 8, 2019

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Mit Bologna 2020 erweitert das Historische Seminar sein Programm um einen zusätzlichen Masterstudiengang: Zeitgeschichte. Dieser umfasst ungefähr die letzten beiden Jahrhunderte und hebt sich vor allem durch seine theoretischen und methodischen Ansätze ab.

Ein Gerücht geht um am HS, das Gerücht eines neuen Masters. Bereits an der Informationsveranstaltung Mitte November im Lichthof konnte man sich informieren, seit kurzem ist er auch auf der Website des Historischen Seminars aufgeschaltet: der SpezMaster Zeitgeschichte/History of the Contemporary World. Studienbeginn ist jeweils im Herbstsemester, erstmals 2019, und der Studiengang umfasst 90 ECTS.

Verschiedene Zugänge zur Geschichtswissenschaft

Mit dem SpezMaster Zeitgeschichte kommt zur Auswahl zwischen einem Master in Wirtschafts- und einem in allgemeiner Geschichte eine dritte Option hinzu. «Es gibt verschiedene Interessen an der Geschichtswissenschaft», sagt Programmdirektorin Prof. Monika Dommann, «auf der einen Seite ein sehr vertieftes, das heisst eines, das in tiefe Zeiträume geht, und auf der anderen Seite eines, das stärker auf die Gegenwart bezogen ist.» Entsprechend habe es am Historischen Seminar schon länger Ideen gegeben, einen Studiengang in Zeitgeschichte zu entwickeln. Die Bologna-Reform habe das nun ermöglicht. Der Zeitgeschichte-Master richte sich an Leute mit einem geschichtswissenschaftlichen Interesse an der Gegenwart: «Historikerinnen und Historiker haben genauso viel zu Gegenwartsthemen zu sagen wie Soziologen, Politologinnen oder Kommunikationswissenschaftler», meint Dommann. Bewerben können sich sur dossier aber auch Studentinnen und Studenten ohne geschichtswissenschaftlichen Hintergrund.

Zeitgeschichte ist nicht einfach Zweiter Weltkrieg bis heute

Zeitgeschichte ist in diesem Zusammenhang recht weit gefasst. «Man kann die Gegenwart nicht aus der unmittelbaren Zeitgeschichte seit 1945 verstehen, sondern muss dazu bis ans Ende des 18. Jahrhunderts zurückblicken», so Dommann. Diesen Zeitraum deckt der SpezMaster denn auch ab – ähnlich wie an der Uni Fribourg, wo es bereits einen Masterstudiengang Zeitgeschichte gibt. Während dort aber nur schweizerische und europäische Geschichte gelehrt werden, werden an der Uni Zürich mit Sicherheit globalere Perspektiven eingenommen. Für diese Feststellung genügt ein Blick auf das Kuratorium. Prof. Martin Dusinberre und Prof. Philipp Sarasin sind dessen erste Direktoren, gebildet wird es aus allen Professorinnen und Professoren der Neuzeit.

Ein exklusiver Master?

Aber wie viel ist an diesem Studiengang tatsächlich neu? Vorgesehen sind drei exklusive Module, von denen eines Pflicht ist. Zu Studienbeginn müssen die Studentinnen und Studenten das zweisemestrige Seminar «Einführung in die Zeitgeschichte» (12 ECTS) belegen, in dessen Rahmen theoretische und methodische Zugänge zur Zeitgeschichte erschlossen werden. Die anderen beiden exklusiven Module sind als zweisemestrige Übungen konzipiert, die sehr forschungsnah angelegt sind: «Archive, Technologien, Medien» (9 ECTS) und «Geschichte in der digitalisierten Welt» (9 ECTS). Ihre geanue Ausgestaltung wird von den Dozierenden abhängen, die sie übernehmen. Das werden nicht immer dieselben Personen sein. Die Module setzen Akzente, seien jedoch nicht ‘gestreamlined’ und die verschiedenen Ansätze der Professorinnen und Professoren sorgen für Methoden- und Theoriepluralität, sagt Dommann.

Die beiden Übungen sind theoretisch ersetzbar durch die Wahlpflichtmodule «Perspektiven der Globalgeschichte» und «Kultur- und Mediengeschichte der Neuzeit» aus dem regulären Masterstudiengang. Die weiteren 18 ECTS, die nebst der mündlichen Prüfung, der Masterarbeit und den dazugehörigen Kolloquien noch übrigbleiben, verteilen sich auf Neuzeit-Vorlesungen und -Kolloquien aus dem regulären Geschichtsmaster. Ob Studentinnen und Studenten des SpezMaster auch zum Lehrdiplom für Maturitätsschulen zugelassen werden, ist zurzeit noch nicht vollständig geklärt. Der Plan ist, dass dies für Studierende mit 120 BA-Credits in Allgemeiner Geschichte ohne weiteren Aufwand möglich sein soll, während in allen anderen Fällen sur dossier entschieden wird. Das Dekanat muss diesen Plan aber noch absegnen. Auf jeden Fall eröffnet der SpezMaster ein breites Tätigkeitsfeld, etwa in Medien- und Kultureinrichtungen, in NGOs oder in Gedächtnisinstitutionen.

Kein Public History-Studiengang

Public History ist nicht allein Domäne der neueren Geschichte. Gerade im Hinblick auf die digitalen Kompetenzen, die im neuen Master vermittelt werden sollen, und auf die vorgesehene Kooperation etwa mit Museen stellt sich aber die Frage, inwiefern – oder ob – die Vermittlung von geschichtswissenschaftlichen Inhalten in einer breiteren Öffentlichkeit Teil des Curriculums sein wird. Es werde gerade im Rahmen der Übung «Archive, Technologien, Medien» eine Auseinandersetzung mit Archiven und Museen als Orte von Wissensproduktion mit Ausstellungskompetenz stattfinden. Ein Public History-Studiengang werde der SpezMaster aber laut Dommann nicht.

Die vertiefte Auseinandersetzung mit Gedächtnisinstitutionen ist dennoch eines der zentralen Elemente, die den SpezMaster Zeitgeschichte vom Masterstudiengang in allgemeiner Geschichte unterscheiden. Daneben sind die methodischen Zugänge in der Zeitgeschichte natürlich anders – beispielsweise wird mehr mit Oral History gearbeitet. Auch die Aneignung von digitalen Kompetenzen und eine Reflexion der Umbrüche, die die Digitalisierung in der Wissensproduktion und -archivierung mit sich bringt, werden im neuen Studiengang eine grosse Rolle spielen. Ins vorgesehene Wahlpflichtmodul «Geschichte in der digitalisierten Welt», das dieses Herbstsemester erstmals als Pilotprojekt durchgeführt wurde, sollen beide Aspekte einfliessen.

Umstrukturierung auch in Wirtschaftsgeschichte

Jedes Jahr werden maximal 25 Studentinnen und Studenten in den Studiengang Zeitgeschichte aufgenommen. Ziel ist, dass sich so Leute finden, die gemeinsame Interessen haben und gemeinsam mit den Professorinnen und Professoren eine Arbeits- und Diskussionsgruppe bilden können und wollen. Ab dem Herbstsemester 2019 wird das auch im Master für Wirtschaftsgeschichte und Ökonomie der Fall sein, der im Rahmen von Bologna 2020 neu aufgesetzt wird. Bis und mit FS 2019 bleibt der Master aber konsekutiv.

Ab HS 2019 wird es auch in Wirtschaftsgeschichte teilweise exklusive Module geben (weitere Informationen folgen im Januar). Prof. Matthieu Leimgruber habe, so Dommann, extrem viel aufgebaut, seit er an der Uni Zürich ist. Durch die Umstrukturierung werde der Studiengang profilierter. Dabei zeichnet er sich durch einen sehr breiten, interdisziplinären Ansatz aus. Erstens deckt er die ganze Epochenbreite, also Altertum, Mittelalter und Neuzeit ab; zweitens ist er sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Ausbildung. Statistik ist ebenso Teil davon wie die Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der Wirtschaftsgeschichte, von Unternehmensgeschichte bis zur Kulturgeschichte der Wirtschaft.

Zweistufiges Bewerbungsverfahren

Das Bewerbungsverfahren verläuft sowohl für den neuen SpezMaster Zeitgeschichte als auch für den neu aufgesetzten SpezMaster Wirtschaftsgeschichte zweistufig. Wer im Bachelor mindestens im grossen Nebenfach Geschichte oder ein anderes geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach bzw. Geschichte oder Wirtschaftswissenschaften studiert hat und in diesem Fach einen Notenschnitt von einer 5.0 oder höher vorweisen kann, kann sich bis Mitte Februar beim Historischen Seminar bewerben. Bis Ende März wird dort über eine provisorische Aufnahme oder eine Absage entschieden. Im Falle eines positiven Befunds wird die Bewerbung an die Abteilung Studierende der UZH weitergeleitet, wo nach einer weiteren Überprüfung schliesslich die definitive Zulassung erfolgt.

Es ist gut, dass die Bologna-Reform, der viele Studiengänge zum Opfer fallen, am Historischen Seminar genutzt wird, um das Studienprogramm auszuweiten. Ebenso begrüssenswert ist die Tatsache, dass wie der reguläre Geschichtsmaster auch die SpezMaster nicht als Monomaster konzipiert sind. Denn ob sich das geschichtswissenschaftliche Interesse nun über die ganze Epochenbreite erstreckt oder sich um die Gegenwart verdichtet, liefert ein Blick über die Fachgrenzen hinaus wichtige Impulse. Das darf nicht verlorengehen – Effizienz und CV-Tauglichkeit hin oder her.

 

Informationen zum Studienangebot und Bewerbungsverfahren des neuen SpezMaster Zeitgeschichte sind auf der Website des Historischen Seminars aufgeschaltet. Ansprechperson für zusätzliche Informationen und Nachfragen hierzu ist David Möller (contemporary.world@hist.uzh.ch).

Informationen zum ab HS 2019 neu aufgesetzten SpezMaster Wirtschaftsgeschichte und Ökonomie folgen im Januar. Ansprechperson hierfür ist Pierre Eichenberger (wirtschaftsgeschichte@hist.uzh.ch).

 

Titelbild: Anne-Christine Schindler

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