Titten! Tote! Tiere! – Die Geschichte des Boulevards

Caspar Pfrunder, Ausgabe 2017/I

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Die Boulevardzeitung wurde in der Urdemokratie USA erfunden. Schon immer stand sie in der Kritik. Aber mit ihrer Massenausrichtung und angriffigen Art gehört sie zu einer funktionierenden Presselandschaft. Ein Blick in ihre Geschichte.

Wenn es ein Handbuch für den Erfolg einer Boulevardzeitung gäbe, hiesse es vielleicht so: «Titten, Tote, Tiere – Das ABC des Boulevards». Manche nennen noch Tränen als vierte Zutat für den bunten Aufmerksamkeits-Mix. Jeden Tag erzählen Boulevardmedien neue Geschichten aus diesem Stoff.

In der Demokratie gilt: Die Menschen bekommen die Regierung, die sie wählen. Das Prinzip lässt sich auf den Journalismus übertragen: Die Menschen kriegen die Geschichten, die sie lesen wollen. Doch lässt sich der Boulevardjournalismus mit den drei genannten Schlagworten hinreichend verstehen? Seine Geschichte hilft, tiefer zu blicken.
Obwohl es Frühformen des Sensationsjournalismus seit Beginn der periodischen Druckschriften gab, wurde die moderne Boulevardpresse erst im 19. Jahrhundert so richtig lanciert. Am 3. September 1833 druckte der New Yorker Verleger Benjamin H. Day erstmals «The Sun». Day wollte mit der Zeitung die breite Masse erreichen und setzte neu auf Werbung statt wie sonst üblich auf Abonnenten. Die Zeitungen verkaufte er zu Hunderten an «Newsboys», die sie für nur einen Penny – ein Sechstel des traditionellen Zeitungspreises – lautstark auf den
Strassen und Boulevards New Yorks feilboten. In einer Zeit, in der sich Zeitungen nur an den Bedürfnissen der wohlhabenden Oberschicht ausrichteten, war diese sogenannte «Penny Press» eine Revolution.

Doch das neue Modell brachte auch neue Zwänge mit sich: Die Zeitungen mussten sich jeden Tag auf der Strasse verkaufen, die breite Stadtbevölkerung sollte nun das Publikum sein. Deshalb entwickelten die Redaktionen neue Strategien, um attraktiver zu werden. So widmete sich «The Sun» nicht der Politik, dem Theater oder der Literaturkritik, sondern Sensationen, Kriminalfällen, Lokalnachrichten und Klatsch. Die Redaktoren schrieben in knapper und verständlicher Sprache. Seine Maxime druckte Benjamin H. Day zuoberst auf jede Seite: «Das Ziel dieser Zeitung ist es, die Nachrichten des Tages zu einem für alle erschwinglichen Preis zu berichten und zugleich ein vorteilhaftes Medium für Werbung anzubieten.»

Die Gratwanderung des Boulevards zwischen dem Ziel, auf der Strasse Auflage zu machen und dem natürlichen Anspruch, wahre Geschichten zu erzählen, hatte damit begonnen. Schon bald verantwortete «The Sun» den ersten grossen Medienskandal der «Penny Press». Sie berichtete 1835 in einer sechsteiligen Serie über die angebliche Entdeckung von Fledermausmenschen auf dem Mond. Die frei erfundene Story wurde zum dominanten Thema im ganzen Land und ging als «The Great Moon Hoax» in die Mediengeschichte ein.

Für die Masse statt elitär

Voraussetzung für den Aufstieg der «Penny Press» waren die umwälzenden Entwicklungen der Moderne: Industrialisierung, Urbanisierung, Beschleunigung. Der Ausbau der Verkehrswege, verbesserter Bildungszugang für die breite Bevölkerung und eine neue Herstellungstechnik hatten das Fundament für das Entstehen einer Massenpresse gelegt, die sich als Gegenstück zur elitären Oberschichtenpresse verstand. Mit der «Penny Press» entwickelten sich auch neue journalistische Formen: Zum ersten Mal wurden Reporter auf die Strasse geschickt, und das Interview wurde als Form entdeckt.

Aufbauend auf der «Penny Press» entstand im ausklingenden 19. Jahrhundert die «Yellow Press», die eine neue Farbdrucktechnik mit Magenta, Cyan, Gelb und Schwarz nutzte. In New York entbrannte ein regelrechter Pressekrieg. 1883 hatte Verleger Joseph Pulitzer die «New York World» gekauft und mit Bildern, Spielen und Verbrechergeschichten rasch zur auflagenstärksten Zeitung der Stadt gemacht. Der Minenerbe William Randolph Hearst versuchte Pulitzers Stil zunächst an der Westküste mit dem «San Francisco Examiner» zu kopieren. 1895 drängte Hearst dann aber auch in den New Yorker Pressemarkt und griff Pulitzers «World» mit dem günstigeren «New York Journal» frontal an.

In der Folge versuchten die beiden Zeitungen, sich mit sensationellen Nachrichten zu übertreffen. Das Zielpublikum beider bestand in erster Linie aus Arbeitern und Immigranten. Den Sonntagsausgaben lagen die ersten farbigen Comic-Seiten bei. Diese drehten sich um die Abenteuer des «Yellow Kid», einer Figur, die grosse Popularität erreichte und seinen Spitznamen der neuen Druckfarbe Gelb verdankte.

Im deutschsprachigen Raum hinkte die Massenpresse hinterher. Bis zum Ersten Weltkrieg existierte in Deutschland gerade eine Strassenverkaufszeitung: die 1904 gegründete «BZ am Mittag» in Berlin. In Österreich erschien die erste Boulevardzeitung 1900 mit der «Kronen-Zeitung».

Nachrichten statt Meinungen

Denn im deutschsprachigen Raum war der angloamerikanische Nachrichtenjournalismus lange verpönt. Gepflegt wurde hingegen die publizistische Tradition des Meinungsjournalismus, dessen Fundament politische Kommentare darstellten. Auch die moralisch-politischen Rahmenbedingungen und die vergleichsweise strengen presserechtlichen Vorschriften dürften Gründe für die verspätete Boulevardisierung
sein. Erst in der Zeit der Weimarer Republik setzte diese richtig ein. So prägte das Rufen der Strassenverkäufer die Wahrnehmung der Stadt Berlin in den 1920er-Jahren: Zeitweise wurden an einem Tag 16 verschiedene Boulevardblätter verkauft.

Die Nationalsozialisten schafften die sogenannte «Skandalpresse» dann ab und ersetzen sie durch propagandistisch motivierte Blätter. In der Nachkriegszeit entstand in Deutschland ein regional geprägter Boulevardmarkt, der sich in den Städten durchsetzte. Gleichzeitig erreichte die neu gegründete «Bild»-Zeitung als erstes Boulevardblatt nationale Verbreitung und konnte sich in den folgenden Jahrzehnten eine eigentliche Monopolstellung erarbeiten.

In der Schweiz liess die Etablierung der ersten Boulevardzeitung lange auf sich warten. Ein Versuch, 1940 «Actualis» als erste Strassenverkaufszeitung zu lancieren, scheiterte nach kurzer Zeit. Kritik der traditionellen Presse, mangelndes Interesse von Werbeinserenten und ein kurzzeitiges Verbot durch die Kriegs-Zensurstelle der Armee sorgten dafür.

Erst der 1959 nach dem Vorbild der «Bild» gegründete «Blick» konnte sich endgültig durchsetzen. Die «Neue Zürcher Zeitung» schrieb damals empört, der «Blick» gleiche den Blättern, «die auf den Boulevards ausländischer Grossstädte marktschreierisch angepriesen werden und deren Motto lautet: Wir wünschten grössere und bessere Morde». Auch der «Blick» wurde anfänglich von den Inserentenverbänden boykottiert und in verschiedenen Schweizer Städten zogen gar aufgebrachte Studierende mit Fackeln durch die Strassen und verbrannten «Blick»-Exemplare.

Die Redaktion verkündete hingegen: «Der Blick sagt Ihnen täglich, was Sie über das Weltgeschehen und die Ereignisse bei uns in der Schweiz wissen müssen, sieht alles und wählt für Sie das Neueste und Wichtigste aus. Blick ist mutig, angriffig und wird sich immer für Ihre Rechte als freie Bürger einsetzen, und hat keine Angst, die Wahrheit zu sagen.» Und das Boulevard-Blatt schlug ein, vervierfachte die Auflage in zehn Jahren auf über 200‘000 Exemplare und wurde bald zur grössten Schweizer Tageszeitung. Auf dem Höhepunkt seiner Bedeutung angelangt, erreichte der «Blick» 1986 eine Auflage von rund 380‘000 Exemplaren.

In den 1990er-Jahren gerieten die deutschsprachigen Boulevardzeitungen dann in eine Krise, die im Zusammenhang mit dem Aufstieg des boulevardesken Privatfernsehens und einer steigenden Boulevardisierung und Publikumsorientierung der übrigen Presse stand. Zuletzt hat die andauernde Presserevolution durch das Internet die Auflage des «Blicks» auf heute nur noch rund 145‘000 Exemplare gesenkt.

Der Boulevard gehört zur Demokratie

Das Zeitalter der klassischen Boulevardzeitungen, die am Kiosk und auf der Strasse verkauft werden, ist vorbei. Nicht aber das Zeitalter des Boulevardjournalismus – der wird jetzt einfach digital konsumiert. Die Themen bleiben die gleichen: Boulevard befasst sich insbesondere mit dem Allzumenschlichen, dem existenziell bedrohlich Tragischen, dem sexuell Aufreizenden und Unsittlichen. Mit «sex, crime and tragedy»
und Klatsch, aber auch heruntergebrochenen Politik- und Wirtschafsthemen wird ein Massenpublikum unterhalten und informiert. Es wird zugespitzt, emotionalisiert und personalisiert. Im Vordergrund steht nicht die differenzierte Berichterstattung, sondern die bewegende Geschichte.

Seit ihren Anfängen wurde die Boulevardpresse von moralischer Kritik begleitet. Denn sie ist laut, populistisch und angriffig. Doch sie ist auf ihre Weise auch sehr egalitär. Das politische System, mit dem sie unzertrennlich verbunden ist, ist die liberale Demokratie – in Diktaturen gibt es sie nicht.

Die Boulevardpresse testet manchmal die Grenzen des ethisch und rechtlich Zulässigen aus, tut dies aber oft zuzumindest teilweise mit dem Zweck, hinter die Fassade des öffentlichen Lebens zu blicken. Enthüllungen – zuweilen auch geschmacklose – sind ihr Geschäft. Sie bricht die Barrieren zwischen sozialen Eliten und dem Volk. In ihren Sternstunden ist sie die Stimme der zu kurz Gekommenen, die sonst kein Gehör
finden. Aber auch dann ist sie es nicht aus idealistischem Streben, sondern aus wirtschaftlichem Kalkül.

 


Titelbild: Titelseite der ersten «Blick»-Ausgabe vom 14. Oktober 1959. Quelle: Blick.

Literatur

  • Dulinski, Ulrike: Sensationsjournalismus in Deutschland,
    Dissertation Universität Mainz, Mainz 2002.
  • Ganguin, Sonja (Hg.): Sensation, Skurrilität und Tabus in
    den Medien, Wiesbaden 2006.
  • Höke, Susanne: Sun vs. Bild. Boulevardpresse in Grossbritannien
    und Deutschland, Saarbrücken 2007.
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