Top down zur «Bibliothek der Zukunft»

Von Nora Scheel, Ausgabe 2018/II

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Die Unileitung plant eine organisatorische Zusammenführung aller Bibliotheken sowie eine Reduktion der Standorte. Sie stösst mit ihrem Projekt aber auf erbitterten Widerstand bei Professorinnen, Studierenden und Bibliotheksmitarbeitern. Ein Widerstand, der nun erste Erfolge zeigt. Der etü hat die Hintergründe recherchiert.

Die Stimmung am Ständetalk Mitte Juni ist aufgeladen. Christian Schwarzenegger und Carmen Koch stellen das Projekt vor – etwas trocken und ohne viel Elan; es scheint, als wären sie solcher Veranstaltungen bereits müde. In einer der hinteren Reihen sitzen Leute aus der «AG Bibliotheken» und geben flüsternd immer wieder abschätzige Kommentare ab. Die abschliessende Diskussion – sie überzieht den Zeitplan bei weitem – ist von hochemotionalen Voten aus der Philosophischen Fakultät und von Bibliotheksmitarbeitenden geprägt. Wenn etwas deutlich wurde am Ende dieser Veranstaltung, dann sind es die verhärteten Fronten. Hier scheint bereits viel Geschirr zerschlagen worden zu sein.

Ein «unbrauchbares» Bibliothekssystem

Am Anfang stand ein Evaluationsbericht über das Bibliothekswesen der Universität Zürich, der 2016 im Rahmen des gewöhnlichen Evaluationszyklus durch «internationale Experten» erstellt wurde. Er geht mit dem Bibliothekswesen hart ins Gericht und diagnostiziert einen «unbrauchbaren Ansatz». Die heutige dezentrale Struktur mit 39 Bibliotheken an 44 Standorten führe zu zahlreichen Doppelspurigkeiten und sei völlig ineffizient. Sie sei von einem «mangelnden Wille zur Kooperation» und «signifikanten Kommunikationsdefiziten auf allen Ebenen» gekennzeichnet.

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«Wir sind bewusst nicht basisdemokratisch vorgegangen.»
Christian Schwarzenegger, Prorektor UZH

Die «Problemzone» liege dabei in der Philosophischen Fakultät, die alleine über 24 Bibliotheken verfügt. Basierend auf dem Evaluationsbericht gleiste die Universitätsleitung das Projekt «Bibliothek der Zukunft» auf. Mit der Durchführung wurde Christian Schwarzenegger beauftragt, der als Prorektor auch für das Bibliothekswesen der Universität zuständig ist. Bis im Oktober 2019 soll im Rahmen eines Vorprojekts das Zielbild definiert werden. Darauf aufbauend folgt die Projektphase, in welcher bis 2026 die Details geklärt und das Vorhaben umgesetzt werden sollen. Derzeit ist der Vorbericht in der Vernehmlassung.

Die «Bibliothek der Zukunft»

Der Kern des Projekts ist eine organisatorische Zusammenführung aller 39 Instituts- und Fakultätsbibliotheken in die Universitätsbibliothek Zürich (UBZH). Sie soll zu freien Kapazitäten führen, welche in derzeit noch unterentwickelte Dienstleistungen wie die Digitalisierung, die Publikationsunterstützung oder das Forschungsdatenmanagement fliessen sollen. Damit zusammen hängt eine mittel- und langfristige Reduktion der Bibliotheksstandorte von heute total 44 auf 18 bis 23. Anlass für letzteres Vorhaben war auch die Immobilienentwicklungsstrategie des Kantons Zürich für die Universität. Im kantonalen Richtplan wurde eine Konzentration auf die zwei zentralen Standorte Zentrum und Irchel (sowie einen dritten, kleineren Standort Lengg) festgelegt. Gleichzeitig sollen Mietobjekte ausserhalb dieser Zonen in die private Nutzung zurückgeführt werden. Beides bedingt verschiedene Ausbauprojekte, wie die Neubauten Wässerwies (2026) und Schanzenberg (2036) im Zentrum sowie den Ausbau des Campus Irchel (2036).

In der Planung schon relativ weit fortgeschritten ist das Bauvorhaben Wässerwies. Wo derzeit die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Rämibühl Sportunterricht haben, wird 2026 voraussichtlich das Forum UZH stehen. Es soll nicht nur der neue Standort der beiden wirtschaftswissenschaftlichen Institute werden und zusätzliche Lern- und Unterrichtsräume zur Verfügung stellen, sondern auch die Institute der neueren Philologien und deren Bibliotheken beherbergen (Deutsches Seminar, Englisches Seminar, Seminar für Computerlinguistik, Institut für vergleichende Sprachwissenschaft). Für die drei Bibliotheken des Historischen Seminars ist 2036 ein Umzug in den Neubau Schanzenberg vorgesehen. In den neuen Gebäuden sollen die einzelnen Fachbibliotheken nicht einfach nebeneinander gestellt, sondern in Fachclustern zusammengelegt werden. Die fachliche Beratung und die Verbindung zwischen Institut, Bibliothek und Studierenden sollen sogenannte liaison librarians sicherstellen. Sie sollen auch den informellen Kontakt aufrechterhalten, der heute durch die räumliche Nähe von Institut und Bibliothek gegeben ist.

Auf wackligen Füssen

Alles paletti also? Nicht wirklich, findet Mira Imhof, Geschichtsstudentin an der Universität Zürich. Das beginne bereits beim Expertenbericht, auf dessen Grundlage das Projekt UBZH initiiert wurde. «Für Aussenstehende ist nicht nachvollziehbar, wer diese Expertinnen und Experten waren, nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurden und wie sie vorgegangen sind. Das Evaluationsverfahren bleibt somit für einen Grossteil der Personen, die an der UZH studieren, lehren und arbeiten, im Dunkeln.» Tatsächlich nennt der Bericht an keiner Stelle, durch wen und in welchem Vorgehen er verfasst wurde – eigentlich notwendige Informationen, um die Aussagekraft einer Evaluation beurteilen zu können.

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«Die Partizipation wurde angepriesen, hat aber nicht stattgefunden.»
Barbara Höhn, Leiterin HS-Bibliothek

Auch auf Nachfrage bei der Evaluationsstelle werden «aus Gründen des Daten- und Personenschutzes» kaum weitere Informationen preisgegeben. Es habe sich um «renommierte Expertinnen und Experten gehandelt, welche grosse Erfahrungen mit verschiedenen Bibliotheksorganisationen im In- und Ausland aufweisen». Sie hätten einige der Instituts- und Seminarbibliotheken besucht und während rund zwei Tagen Gespräche mit den für das Bibliothekswesen zuständigen Personen geführt. Darauf basierend, sowie auf umfangreichen Unterlagen, welche ihnen zur Verfügung gestellt worden seien, hätten sie schliesslich den Bericht verfasst.

Imhofs Hauptkritik betrifft aber den mangelnden Einbezug der Studierenden im Projekt. Sie ist Mitglied der «AG Bibliotheken», einem inoffiziellen Zusammenschluss engagierter Studierender und Fachvereine der Philosophischen und Theologischen Fakultät, die sich für eine stärkere studentische Partizipation im Projekt einsetzen. «Die einzige Konsultation der Studierenden war eine Online-Umfrage im Oktober 2017, die aber überhaupt nicht kontextualisiert war. Dadurch wussten viele Studierende gar nicht, um was es überhaupt geht.» Mit einer Rücklaufquote von 4.8% bei den Bachelor- und 6.1% bei den Masterstudierenden sei sie zudem nicht repräsentativ und dadurch eigentlich unbrauchbar – was im Übrigen auch die Projektleitung zugibt. Die AG habe darum im Mai eine eigene Umfrage lanciert, deren Rücklauf deutlich höher war. Sie wurde von 3’210 Studierenden ausgefüllt – drei Mal mehr als bei der Umfrage der Projektleitung. Darin hätten viele Studierende Bedenken gegenüber dem Projekt geäussert, insbesondere aus der Philosophischen Fakultät. So wünscht sich etwa eine klare Mehrheit mehr studentische Partizipation.

Betroffene aussen vor

Wieso aber braucht es neben dem Verband der Studierenden der Uni Zürich (VSUZH) eine AG, um die Interessen der Studierenden zu vertreten? Imhof: «Der VSUZH verlässt sich auf die Einflussnahme im Rahmen der Vernehmlassung. Da die Projektleitung bisher zu keinem Zeitpunkt wirkliches Interesse signalisiert hat, sich studentischer Bedürfnisse anzunehmen, möchte ich mich lieber nicht darauf verlassen, dass sich das in der Vernehmlassung ändern wird. Die AG hat daher früher angesetzt und fordert eine breitere studentische Repräsentation.»

Auch Barbara Höhn, Leiterin der Bibliothek des Historischen Seminars, kritisiert den mangelnden Einbezug der Betroffenen. «Die Partizipation wurde angepriesen, hat aber nicht stattgefunden. Natürlich können nicht alle mitdiskutieren. Aber derzeit ist die Mitbestimmung einem sehr kleinen Kreis vorbehalten.» Das Projektteam informiere zudem sehr restriktiv. Dem pflichtet auch Nada Boškovska bei, Professorin für Osteuropäische Geschichte und Co-Vorsteherin des Historischen Seminars. «Die Projektleitung hat leider ein topdown-Vorgehen gewählt und das Projekt aufgegleist, ohne die Bedürfnisse der Nutzenden wirklich abzuklären. Ein solches Projekt sollte nicht von oben aufgezwungen, sondern im Dialog erarbeitet werden.»

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«Die Bedürfnisse sind in jeder Fakultät anders. Man muss situativ Lösungen finden.»
Mira Imhof, AG Bibliotheken

Ein undemokratisches Vorgehen also? Christian Schwarzenegger meint dazu: «Wir sind bewusst nicht basisdemokratisch vorgegangen, weil wir befürchtet haben, dass dann die Einzelinteressen Überhand nehmen.» Auf den Vorwurf, das Projektteam kommuniziere restriktiv, erwidert er: «Wir haben zahlreiche Informationsveranstaltungen organisiert. Gerade die Professorinnen und Professoren der Philosophischen Fakultät haben diese aber – mit wenigen Ausnahmen – nicht besucht.» Und er gibt zu bedenken: «Es ist schwierig, alle Universitätsangehörigen zu erreichen.»

Es steht viel auf dem Spiel

Und wie sehen die Betroffenen das Projekt inhaltlich? Barbara Höhn: «Meine Haltung ist ambivalent, wie diejenige der meisten meiner Kolleginnen und Kollegen.» Gerade im digitalen Bereich und im Forschungsdatenmanagement sei eine Kooperation nötig und sinnvoll. Auch seien einheitliche Leitlinien für die Institutsbibliotheken zu begrüssen. «Allerdings befürchte ich, dass mit dem Projekt die derzeit gut funktionierenden Strukturen zerschlagen werden. Der Evaluationsbericht anerkennt nicht, dass die Bibliotheken der Philosophischen Fakultät professionell arbeiten.»

Dem pflichtet auch Nada Boškovska bei: «Es macht Sinn, neue Formen der Dienstleistung zentral zu übernehmen.» Sie habe aber Angst, dass die bestehenden, gut funktionierenden Strukturen zerstört würden. «Gravierend wäre insbesondere, wenn die Institute nicht mehr selbst entscheiden können, welche Bücher angeschafft werden.» Das könne weitreichende Konsequenzen für die Forschung und die Attraktivität des Forschungsstandortes haben. Und auch die Umfrage der AG zeigt: Eine eigene, selbstbestimmte Institutsbibliothek mit Präsenzbestand ist für die meisten Studierenden sehr wichtig. Gleichzeitig ist aber aber auch das Bedürfnis nach Lernplätzen und digitalen Buchexemplaren gross, wovon es in der UBZH ja mehr geben soll.

Die Philosophische Fakultät stellt sich quer

Es wird also offensichtlich, dass Bücher in der Philosophischen Fakultät einen höheren Stellenwert haben als in anderen Fakultäten. Bedingt durch den grossen Anteil an Selbststudium haben Bibliotheken zudem eine wichtige soziale Funktion als Treffpunkt von Studierenden. Die harsche Kritik am Bibliothekssystem der Philosophischen Fakultät stösst daher sauer auf. Deren Fakultätsversammlung hat am 1. Juni einen Antrag verabschiedet, in welchem sie sich klar gegen das Projekt in seiner jetztigen Form ausspricht.

Man missbillige das Projekt UBZH und bitte die Universitätsleitung, «die Ausgestaltung der geplanten UBZH und die Organisation der Willensbildungsprozesse noch einmal zu überdenken». Man anerkenne zwar die Notwendigkeit, bestimmte bibliothekarische Aufgaben zentral zu koordinieren, neben der mangelnden Einbindung der Forschenden kritisiere man aber die geplante massive Reduktion der Standorte, die damit zusammenhängende Ausscheidung von Mehrfachbeständen und den Verlust der Beschaffungs-, Budget- und Personalhoheit der Fakultäten über ihre Bibliotheken. Mira Imhof kommentiert: «Die Bedürfnisse sind in jeder Fakultät anders. Man muss situativ Lösungen finden, und nicht einfach mit einer Schablone daran herangehen.»

Konzessionen der Unileitung

Das Projekt UBZH mag in den Grundzügen seine Berechtigung haben. Das bisherige Vorgehen der Projektleitung scheint aber bei zahlreichen Betroffenen starke Ablehnung hervorgerufen zu haben. Dabei wäre das wichtigste für das zukünftige Bibliothekssystem, dass es von allen Beteiligten mitgetragen wird. Ob das zerbrochene Geschirr in diesem Zwist noch repariert werden kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Ein erster Schritt ist bereits getan: Prorektor Schwarzenegger hat sich unterdessen bereit erklärt, VertreterInnen aller Stände im Steuerungsausschuss des Projekts Einsitz zu gewähren. Auch die Vertretung der Philosophischen Fakultät soll ausgebaut werden, wie der etü aus sicherer Quelle weiss.

Es ist ein Anfang.

 


Mehr Informationen zum Projekt:

 

Bild: Soll es so nicht mehr geben – die Bibliothek des Historischen Seminars. (Quelle: Michael D. Schmid)

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