Kaum haben wir die fünf Stockwerke zu Moreno Casasolas Wohnung in Basel erklommen und uns zum Gespräch hingesetzt, verschwindet Casasola kurz. Er kehrt mit einem Testatheft der Universität Fribourg zurück. Es scheint echt zu sein. Wir gehen davon aus, dass er unsere erste Frage vorausgeahnt hat und jegliche Zweifel aus dem Weg räumen wollte…
etü: Die Weltwoche schrieb 2013 in der Rubrik «Personenkontrolle», einer öffentlichen Prangerliste, dass du «einst Geschichte studiert haben willst». Du warst damals Geschäftsführer der Asylrechtsorganisation Solidarité sans frontières (SOSF), die sich für eine offenere Asylpolitik einsetzt. Wie hast du es geschafft, dass die Weltwoche dir dein Studium absprechen wollte?
Moreno Casasola: Wir waren im Abstimmungskampf zum Asylgesetz und Margaret Thatcher war gerade gestorben. Da wir bei Abstimmungen auf Facebook immer mit Testimonials von bekannten Leuten gearbeitet haben, habe ich aus Spass eines von Thatcher erstellt. Das lautete ungefähr so: «Ich habe tausende Menschen umgebracht und trotzdem finden mich nach meinem Tod alle toll.» Jemand von der Weltwoche hatte das mitgekriegt und mich deswegen angerufen. Ich war wirklich überrascht, dass das die Leser:innenschaft der Weltwoche interessieren sollte. Man muss bloss irgendeinen Müll fabrizieren und die Weltwoche ruft an. Aber die «Personenkontrolle» in der Weltwoche war immer schon ein Format, in dem höchstens die Hälfte des Geschriebenen stimmte. Für linke Politiker:innen und Aktivist:innen war es wie ein Ritterschlag, wenn du dort erschienen bist.
Das Beispiel zeigt ja, dass die Debatten zu Migration stark aufgeladen sind und von den extremen Positionen der SVP dominiert werden. Wie setzt man sich in der Schweiz erfolgreich für die Rechte von Geflüchteten ein?
Wenn die Leute merken, dass es Hand und Fuss hat, was du erzählst. Wenn sie erkennen, dass hinter unseren Positionen eine fundierte Expertise steht, die sich aus dem direkten Kontakt mit Betroffenen speist. Und vor allem, wenn die Anderen auf dich reagieren müssen. Wenn du nur Fakten erzählst, bist du langweilig. Deshalb muss man einen Mittelweg finden, um einerseits als kompetent wahrgenommen zu werden und die Leute andererseits trotzdem genug zu nerven – semipopulistisch eben. Mit diesem Vorgehen wollten wir Inhalte mittels Skandalisierung an die Öffentlichkeit bringen. Und das ist uns auch gelungen. Zum Beispiel bei der Asyl- und Ausländergesetzrevision von 2008, die eine krasse Verschärfung bedeutete und die das Nothilferegime einführte. Da haben wir viel Lärm gemacht und konnten so zumindest in der Berichterstattung ein Gegengewicht zur SVP setzen.
Jetzt bist du in der Leitung der Freiplatzaktion Basel, einer Beratungsstelle für Migrant:innen. Wie sieht da dein Arbeitsalltag aus?
Genau, jetzt arbeite ich ja in der «Integration» (lacht). Unser Ziel bei der Freiplatzaktion ist es, mit der Einzelfallarbeit unmittelbar Menschen zu helfen und diese Erfahrungen durch Öffentlichkeitsarbeit in die Gesellschaft zu tragen. Mein Arbeitsalltag beinhaltet idealerweise beide Komponenten: Einzelberatungen und zugleich Öffentlichkeitsarbeit. «Integration» ist mittlerweile ein politischer Kampfbegriff. Wir benutzen den nicht. Wir gehen nicht davon aus, dass jemand so integriert werden muss, wie die Schweizer Gesetzgebung das vorsieht. Als ich angefangen habe, hiessen wir noch «Freiplatzaktion Basel. Beratungsstelle Asyl und Integration». Ich wusste dabei gar nie, was mit «Integration» genau gemeint sein sollte. De facto machen wir Arbeitsintegration, das heisst, wir bieten Unterstützung bei der Jobsuche. Wir würden unseren Klient:innen aber niemals sagen, dass sie einen Schwimmkurs machen oder Deutsch lernen müssen. Natürlich sind solche Dinge hilfreich und wichtig. Aber so wie «Integration» heute verwendet wird, meint es das, was früher mit «Assimilation» bezeichnet wurde.
Dass eine Beratungsstelle auch Öffentlichkeitsarbeit macht, ist nicht selbstverständlich. Was beinhaltet diese Öffentlichkeitsarbeit?
Eigentlich sollte jede Beratungsstelle in allen gesellschaftlichen Bereichen ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag systematisch in die Öffentlichkeit tragen und eine gesellschaftspolitische Position vertreten. Gerade im Migrationsbereich passiert dies aber sehr selten. Deshalb haben wir mit dem Trotzdem unsere eigene Publikation. Darin berichten wir, welche Menschen mit welchen Problemen zu uns kommen und was passieren muss, damit sich ihre Situation verbessert. Der zweite Teil ist klassische Meinungsmache. Dazu führen wir Gespräche mit Behörden, Politiker:innen und Journalist:innen. Vor allem für letztere gelten wir im Migrationsbereich mittlerweile als Referenz. Oft werden wir um Einschätzungen gewisser Entwicklungen gebeten, wie zuletzt etwa beim Abgang von Elisabeth Baume-Schneider als Justizministerin und der Übernahme durch Beat Jans.
In verschiedenen politischen Bewegungen oder Kampagnen zur Asylpolitik wird immer mehr versucht, Betroffene stärker miteinzubeziehen. Äussern eure Klient:innen auch politische Ansprüche oder Themen, von denen sie sich wünschten, dass sie mehr Aufmerksamkeit erhielten?
Ja, das kommt vor. Meist sind dies Leute, die schon länger bei uns vorbeikommen. Einige kenne ich mittlerweile besser. Mit denen führe ich immer wieder Diskussionen zu solchen Themen. Letzten Endes sind die Betroffenen im Asylbereich aber meistens in so prekärer Lage, dass es schlicht zu viel verlangt ist, wenn sie selber zu Träger:innen von politischen Ansprüchen werden sollen. Wer hierherkommt und ein Asylgesuch stellt, ist für etwa drei Monate im Asylprozess und muss danach in der Regel die Schweiz wieder verlassen. Diese Forderung, «die Betroffenen müssen sich selber organisieren», habe ich nie wirklich verstanden. Das ist viel zu viel verlangt! Es beginnt bei sprachlichen Hürden, doch abgesehen davon hat man in dieser Situation einfach andere, existentiellere Probleme. Deshalb müssen wir Stellvertreterpolitik machen.
Die juristische Einzelfallberatung verlangt Fachwissen über das Migrationsrecht. Du hingegen hast – anders als die Weltwoche behauptet – Geschichte studiert. Bist du im Migrationsbereich mit diesem Bildungsweg eine Ausnahme?
Mittlerweile haben die meisten Menschen, die in der Schweiz im Migrationsbereich arbeiten, einen juristischen Hintergrund – eine Entwicklung, die meiner Meinung nach falsch ist. Je nach Ausbildung tendieren die Leute dazu, Probleme im Rahmen ihres Fachwissens zu betrachten. Das ist per se kein Fehler. Nur versuchen die meisten Jurist:innen, die Probleme ihrer Klient:innen entsprechend juristisch zu lösen, obwohl es da kaum etwas juristisch zu lösen gibt. Die Asylgesetzgebung ist sehr rigid und gibt kaum Spielraum. Anders gesagt: Wenn jemand mit einem negativen Asylentscheid kommt, dann braucht diese Person oftmals keine Beschwerde, sondern weiterführende Unterstützung. Er oder sie braucht Geld, Seelsorge und Beistand. Beschwerden oder weitere rechtliche Eingaben sind selbstverständlich keine völlig sinnlosen Tools. Aber dadurch, dass der Migrationsbereich verrechtlicht worden ist, entstand die Illusion, dass den Migrant:innen mit juristischen Mitteln am besten geholfen sei.
In den ausgeschriebenen Stellen ist ein Jus-Studium in der Regel eine Bedingung. Hin und wieder werden auch Leute mit Abschlüssen in Sozialer Arbeit gesucht, aber dann – überspitzt gesagt – nur als «niedere Zudiener:innen für den Gottstatus Jus». Eigentlich bräuchte man Länderkenntnisse, Sprachkenntnisse und vor allem Verständnis für die Situation, in der sich die Leute befinden. Überall, wo gesellschaftspolitische Mängellagen bestehen – und Migration ist genau ein solcher Bereich –, kommt es zu einer Verrechtlichung, als Versuch, der Lage Herr zu werden. Viel besser wäre es, den asylsuchenden Personen statt einer Rechtsvertretung eine Sozialarbeiter:in zur Seite zu stellen. Da kämen viel wesentlichere Dinge zur Sprache.
Und wie hilft dir das Geschichtsstudium bei dieser Arbeit?
Ob mir der Inhalt des Studiums an sich heute hilft, weiss ich nicht. Aber das Geschichtsstudium als Ganzes hilft auf jeden Fall. Wenn ich das Denken, zu dem ich im Geschichtsstudium angehalten wurde, mit dem in Umweltwissenschaften oder in physischer Geographie vergleiche, dann habe ich bei der Geschichte deutlich mehr mitgenommen. Die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Sachverhalten hat mich sicher stärker geprägt als das Wissen, wie ich einen Stab in den Gletscher stecke und dabei Daten ablese. Ob ich von meinem damaligen Umfeld, in dem ich aktiv war, mehr mitgenommen habe oder von der Uni an sich, weiss ich nicht. Sicher ist aber, dass die Uni damals diese Art von Umfeld gefördert hat.
Hat dich dein Geschichtsstudium dahin geführt, wo du jetzt tätig bist, oder wie landet man als Historiker sonst bei der Freiplatzaktion Basel?
Purer Zufall! Dass ich überhaupt Geschichte studiert habe, war nur eine Aneinanderreihung unglücklicher Zufälle (lacht). Und dass ich etwas mit Migration mache, hat wohl mehr mit meiner Lebensgeschichte zu tun als mit meinem Studium. Mein Studium hat mich sicher auf dem Weg dahin gestützt, war aber nicht der Auslöser für mein politisches Engagement. Meine Grosseltern arbeiteten als Saisonniers in der Schweiz. Meinen Vater holten sie später illegal aus Italien, er war eines der sogenannten «Schrankkinder», die man verstecken musste. Nach zwei Jahren wurde es aber zu viel und er musste zurück nach Italien. Dort ist er später als 13- oder 14-jähriger Junge wieder ausgebüxt und mit dem Töffli in die Schweiz zurückgeflohen.
Die Geschichte meines Vaters ist auch Teil meines Hintergrundes. So bin ich «bildungsfremd» aufgewachsen, das meine ich gar nicht als Understatement. Ich habe erst in der dritten Sek erfahren, dass es das Gymnasium gibt. Als ich am Gymnasium war, habe ich wiederum erstmals von der Existenz der Universitäten gehört. Danach hatte ich mich zuerst – fragt mich nicht warum – für Slawistik in Basel eingeschrieben, bin aber nach Fribourg gewechselt und habe mit Soziologie und Ethnologie begonnen. Am allerersten Tag an der Uni habe ich schliesslich erfahren, dass man für ein Geschichtsstudium gar kein grosses Latinum mehr braucht. Da kam Geschichte für mich überhaupt zum ersten Mal in Frage. Dies und der überzeugende Auftritt des Professors Volker Reinhardt an einer Informationsveranstaltung hat dazu geführt, dass ich schliesslich Geschichte als Hauptfach gewählt habe. In der Summe war das alles ziemlich planlos. Und ich wusste da auch nicht wirklich, was ich arbeiten will.
In deinem Berufsalltag bist du bei den Beratungen und der Jobsuche ständig mit äusserst prekären Lebenssituationen konfrontiert. Das ist sicherlich zuweilen ernüchternd und auch psychisch nicht ohne. Wie resigniert man da nicht?
Ganz einfach, indem man unglaublich lustig ist, so wie ich. Nein ernsthaft: Zynismus hilft sicherlich. Und für mich ist es objektiv betrachtet richtig, was ich mache, mich so gegen Ungerechtigkeiten zu positionieren. Das gibt mir das Durchhaltevermögen und den Schnauf, den es einfach braucht. Hinzu kommt der Ärger: Da sind die jenseitigen Erfahrungen, von denen uns die Leute in den Beratungen berichten. Und von dem, was die Behörden tagtäglich abliefern, will ich gar nicht erst anfangen. Das kannst du alles leicht in Antrieb verwandeln.
Zum Abschluss: Was sind die schönen Momente in deinem Berufsalltag?
Wir haben gute Arbeitszeiten! Nein Spass beiseite – wir können unseren Inhalt fast vollständig so gestalten, wie wir es für richtig halten. Dass du auf organisatorischer und inhaltlicher Ebene so viel Gestaltungsraum hast, gibt es selten. Dafür gibt es einige Abstriche: Der Lohn ist nicht grossartig und der Arbeitsalltag kann psychisch manchmal sehr belastend sein. Aber grundsätzlich finde ich meinen Beruf super. Hätte ich mit 18 oder 20 schon gewusst, dass es Orte wie diesen zum Arbeiten gibt, dann hätte ich wohl gesagt, dass ich das gerne machen würde. Dass ich jetzt per Zufall hier gelandet bin, ist eigentlich pures Glück.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person
Moreno Casasola ist seit 2015 in der Geschäftsleitung der Freiplatzaktion Basel, einer Beratungsstelle für Migrant:innen. Davor war er Geschäftsführer der Asylrechtsorganisation Solidarité sans frontières, die sich politisch für die Rechte von Geflüchteten einsetzt. Moreno Casasola hat Geschichte und Umweltwissenschaften in Fribourg studiert.