Du arbeitest hauptberuflich als Lokaljournalist bei der Basler Zeitung. Wie bist du zum Journalismus gekommen?
Nach der Matura habe ich ein halbjähriges Praktikum bei der Basellandschaftlichen Zeitung (bz) in Liestal gemacht. Und war danach eher abgeschreckt. Ich war 19 Jahre alt, frisch aus der Schule, und kam plötzlich in eine 40-Stunden-Woche rein. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Von Tag eins an hiess es: «Schreib was!» Ich hatte ja gar keine Vorstellung davon, wie das gehen soll. Nach diesem ersten Praktikum war ich nicht sicher, ob das journalistische Arbeiten wirklich etwas für mich ist. Das Tempo ist hoch: Man muss konstant liefern und sich jeden Tag in ein neues Thema einarbeiten. Auch die Intensität und die Ansprüche sind hoch.
Aber dennoch hast du nach dem Praktikum weitergemacht.
In meinen ersten Semesterferien habe ich wieder bei der bz angeklopft. Ich weiss noch: Mein erster Artikel bestand aus einer Reportage über einen Handorgel-Wettbewerb irgendwo im Baselbiet. Danach hat eins zum anderen geführt. Während des Studiums habe ich für verschiedene Blätter als freier Journalist gearbeitet, auch für die Basler Zeitung. So habe ich zum grossen Teil mein Studium finanziert. Dadurch wurde ich auch routinierter. Ich denke, Journalismus braucht etwas Anlauf- und Erfahrungszeit und nach ein paar Jahren zieht es dich richtig rein. So war es zumindest bei mir.
Wie sieht ein Arbeitstag bei dir aus?
Um neun Uhr haben wir Redaktionssitzung. Wenn man da ein aktuelles Thema erhält, das man bearbeiten muss, ist der Zeitdruck relativ hoch. Man recherchiert, macht Telefonate, verfasst viele Mails. Manchmal gehe ich raus für Interviews. Tage auf der Redaktion sind oft schwierig abzuwägen. Plötzlich kommt etwas Dringendes rein, dann musst du alles umstellen und bleibst vielleicht bis 21 Uhr da. Es ist ein sehr dynamischer Job im Gegensatz zu einer nine to five-Arbeit.
Ressortleitung und Doktorat – da kommt einiges an Arbeit zusammen.
Es sind schon deutlich mehr als hundert Prozent, wenn man beides zusammenrechnet. Ich versuche, jede freie Minute für die Dissertation aufzuwenden, teils auch am Wochenende und in den Ferien. Das Spezielle an meiner Situation ist, dass ich keine Anstellung an der Uni habe: Ich bin weder Assistent noch ein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Das heisst, wenn ich zum Beispiel auf Archivreise gehen will, muss ich einen Teil meiner Ferien opfern.
Wieso dissertierst du eigentlich? Und wovon handelt deine Dissertation?
Es macht mir Spass, Arbeiten zu schreiben. Ich hatte nach der Masterarbeit das Gefühl, dass ich gerne weiterhin wissenschaftlich arbeiten würde. Zum Thema der Disser-tation: Es ist schwierig, das in ein paar Sätzen zu erklären (lacht). Es geht um Auslandskulturpolitik im Kalten Krieg. Ich schaue mir ein österreichisches Kulturmagazin an, das blockübergreifend produziert wurde. Österreichische Journalist:innen haben dort mit ungarischen, polnischen und sowjetischen Autor:innen zusammengearbeitet. Die Arbeit ordnet sich in einen neueren Forschungstrend ein, der zeigt, dass der Eiserne Vorhang – anders als wir es in der Schule gelernt haben – gar nicht so eisern war. Gerade in den Bereichen Kultur und Sport gab es viele Ost-/Westkontakte. Ich betrachte diese Verflechtungen anhand dieses Kulturmagazins.
Welche Skills aus dem Studium nützen dir im Beruf als Journalist?
Die vielen Arbeiten, die wir geschrieben haben, helfen sehr: Man muss texten, prägnant schreiben, wesentliche Informationen schnell erfassen können. Eine gewisse Lesekompetenz braucht man auch. Ich muss täglich mehr oder weniger alle Basler Lokalmedien lesen und natürlich auch sonstige News. Hier kommen mir auch meine Fremdsprachenkenntnisse zugute. Ich habe im Studium Russisch gelernt, das bringt mir viel, sogar auf einer Lokalredaktion. Wenn es beispielsweise darum geht, mit ukrainischen Flüchtlingen ein Interview zu machen, bin ich der Go-to-Guy. Auch mein Englisch ist im Studium sehr viel besser geworden: Man liest Fachtexte, geht vielleicht auf Konferenzen. Dadurch fällt es mir jetzt leichter, die internationale Presse zu lesen. Wovon ich besonders profitiert habe, sind die Erfahrungen, die man links und rechts vom Vorlesungssaal sammelt, zum Beispiel während Auslandsaufenthalten. Ich war ein Semester in Krakau und eines in Heidelberg. Die Möglichkeit, diese Erfahrungen zu machen, bekommt man an der Universität quasi auf dem Silbertablett serviert. Ich lege allen ans Herz, das breite Angebot zu nutzen. So eine Chance bekommt man später im Leben nicht mehr, oder es ist mit mehr Aufwand verbunden.
Zurück auf die Redaktion. Was fasziniert dich am Lokaljournalismus?
Man ist sehr nahe am Geschehen. Was ich schreibe, wird wahrgenommen und ich kann etwas verändern – das klingt pathetisch, aber wenn wir zum Beispiel in der Verwaltung, der Regierung oder der Politik einen Missstand aufdecken, hat das im Optimalfall unmittelbare Folgen. Die Sache wird zum Politikum, es gibt einen Vorstoss im Parlament, es wird diskutiert. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein:e Politiker:in wegen einer Recherche zurücktreten müsste. Das kommt nur im Lokaljournalismus vor. Ich glaube, bei Leuten, die neu im Journalismus sind, überwiegt die Vorstellung, dass der Auslandsjournalismus die Königsdisziplin sei. Wenn ich aber von Basel aus einen Kommentar zu Putin oder Trump schreibe, bewirkt das gar nichts. Und selbst als Washington-Korrespondent kann ich kein Interview mit dem US-Präsidenten machen, höchstens vielleicht mit einem Kongressmitglied. Du hast viel mehr Distanz. Wenn ich hier hingegen Politiker:innen treffe, sprechen sie mich auf Artikel an. Ich merke, ich habe einen impact.
Wenn du so nah dran bist, lassen es dich die Leute vielleicht auch spüren, wenn ihnen nicht passt, was du geschrieben hast. Wie gehst du damit um?
Ich glaube, das ist eine Frage des Charakters – ob man genug Selbstvertrauen hat und darüber stehen kann. Aber es passiert eigentlich selten. Der Basler Lokaljournalismus ist eine kleine Bubble, irgendwann kennst du alle Politiker:innen, alle Mediensprecher:innen. Schnell ist man per Du und vielleicht sogar befreundet. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass es immer noch ein Arbeitsverhältnis gibt. Wenn ich jemanden in der Politik kritisiere, habe ich nichts gegen den Menschen als Privatperson. Die Medien als Vierte Gewalt müssen auf Probleme oder Missstände hinweisen. Ich denke, es kommt auch darauf an, auf welchem Medienplatz man sich bewegt. Basel hat eine kritische Medienlandschaft, weil es viel Konkurrenz gibt. Der langen Rede kurzer Sinn: Man muss souverän genug und sich seiner Aufgabe als Journalist:in bewusst sein. Und diejenigen, die kritisiert werden, müssen sich bewusst sein, dass sie öffentliche Personen sind und Kritik auch ertragen müssen. Wer das nicht kann, ist sowohl in der Politik als auch im Journalismus am falschen Ort. Wichtig ist, fair zu bleiben. Wir hauen niemanden einfach so in die Pfanne, sondern geben Zitate zum Gegenlesen und informieren transparent.
Gibt es Seiten, die dir weniger gut gefallen an deinem Job?
Herausfordernd sind die unverbindlichen Arbeitszeiten – dass man «seggle» muss, wenn etwas ansteht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Journalist:innen mehr arbeiten als sie müssten. Gerade in einer Partner:innenschaft oder mit Familie kann das anstrengend sein. Das andere ist das hohe Tempo: Du kannst nie chillen. Beispiel CS-Debakel: Am Sonntagabend kam raus, dass die Bank bachab geht. Plötzlich werden alle Pläne über den Haufen geworfen. Am Montagmorgen ist Krisensitzung: Was heisst das für Basel, wie viele Leute werden entlassen? Du musst dich im Tram einlesen, um an der Sitzung ready zu sein. So etwas passiert nicht jeden Tag, aber oft. Ich lese auch in den Ferien jeden Tag Zeitung. Einerseits interessiert es mich, andererseits weiss ich: Wenn ich zwei Wochen keine (Lokal-)News konsumiere, habe ich ein riesiges Informationsdefizit. Ich muss gerade als Mitglied der Ressortleitung immer auf dem Laufenden sein. In neunzig Prozent der Fälle macht mir das Spass. Aber es gibt auch die Momente, in denen es zu einem Müssen wird. So gern ich den Job mache, sehe ich auch das Risiko, dass diese Arbeit, diese Intensität, kaputt machen kann. Gewisse sind süchtig danach und arbeiten 24/7.
Gäbe es denn andere Jobs, die dich interessieren?
Der Journalismus gefällt mir so gut, dass ich mir fast nichts Anderes vorstellen kann. Die Freiheiten, die ich als Journalist geniesse, sind einzigartig. In 90 Prozent der Fälle entscheide ich, was ich mache. Bei einer Firma oder einer Verwaltung bist du viel eingebundener in Hierarchien sowie interne Vorgänge. Im Hinblick auf einen allfälligen Jobwechsel mache ich mir aber keinen Druck: Wenn man sich im Journalismus einen Namen gemacht hat, gibt es viele Optionen, denke ich. Irgendwann kann man auf ein riesiges Netzwerk in Wirtschaft, Politik und Kultur zurückgreifen. Da ergibt sich schnell etwas.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person
Der 30-jährige Oliver Sterchi hat an der Universität Basel Geschichte und Germanistik studiert und
2020 seinen Master abgeschlossen. Zurzeit ist er stellvertretender Leiter des Ressorts Region bei der Basler Zeitung. Daneben schreibt Oliver seine
Dissertation im Bereich Osteuropäische Geschichte.