Mut zur Lücke – eine andere ­Geschichte Afrikas im Mittelalter

In 34 Kurzessays widmet sich François-­Xavier Fauvelle in Le Rhinocéros d’or: Hi­stoires du Moyen Âge africain einem bisher vernachlässigten Zeitalter eines weitgehend übersehenen Kontinents.

Nimmt man die 2017 ins Deutsche übertragene Schmuckausgabe in die Hand, sticht einem sofort das goldene Nashorn auf petrolgrünem Hintergrund ins Auge. Dieses ist titelgebend für das 2013 erstmals erschienene Werk. Wie der Autor François-Xavier Fauvelle aufzeigt, galt das Goldene Nashorn von Mapungubwe – ein hölzernes, vergoldetes Grabrelikt – lange als einzigartiger Schatz. Innerhalb von Fauvelles fragmentierter Erzählung erscheint es jedoch nur als kleiner Bestandteil eines grösseren Narratives.

Goldene Jahrhunderte

So schreibt der Historiker von den «goldenen Jahrhunderten» Afrikas, die mit dem Aufstieg muslimischer Reiche im 8. Jahrhundert begannen und mit der Kolonialpolitik europäischer Seefahrer im 15. Jahrhundert ein Ende fanden. Verwendet Fauvelle den Begriff «Mittelalter», lehnt er sich zwar an das europäische Pendant an, begreift dieses aber als eine eigenständige, afrikanische Epoche.

Im Mittelpunkt des Werks stehen die weitreichenden transsaharischen Handelsnetzwerke, deren Beziehungen bis an die Küsten Chinas reichten. Zur Blütezeit dieses Handels war der Goldreichtum der Königreiche aus der Sahelzone sagenumwoben. So heisst es in einer Überlieferung aus dem 10. Jahrhundert: «[in Ghana] wächst das Gold wie Pflanzen im Sand, so wie Karotten wachsen. Man erntet es bei Sonnenaufgang.»

Aufgrund der lückenhaften Quellen, die in der europäischen Forschung lange vernachlässigt wurden, gilt das Afrikanische Mittelalter als schwer zugänglich. Die schriftlichen Quellen, sofern überhaupt vorhanden, stammen meist aus einer arabischen Aussenperspektive, etwa aus den Berichten reisender Händler. Auch archäologische Funde liefern nur begrenzt Aufschluss. Insbesondere dann, wenn sie von europäischen Grabräubern aus ihrem historischen und archäologischen Kontext gerissen wurden. So verhielt es sich auch im Fall des Goldenen Nashorns. Während andere Artefakte aus derselben Fundstelle eingeschmolzen oder verscherbelt wurden, blieb das Nashorn der Nachwelt erhalten. Durch die Entwendung aus dem Fundkontext wurde ­jedoch die historische Rekonstruktion erheblich erschwert. Dies zeigt, wie herausfordernd die Erforschung vieler afrikanischer Quellen ist. Gepaart mit eurozentrischen Sichtweisen ergab sich so die Annahme des geschichtslosen afrikanischen Kontinents. Die europäische Geschichtsforschung schenk­te Afrika lange kaum Beachtung oder integrierte es lediglich in grössere, europäische Erzählungen, in denen afrikanischen Gesellschaften ihre historische Autonomie abgesprochen wurde.

Mosaik der Geschichte(n)

Eine besondere Stärke von Fauvelles Werk liegt in seinem Umgang mit unterschiedlichsten Quellentypen, die er einer kritischen Neubewertung unterzog. Sein Repertoire reicht von Landkarten über Ruinen bis hin zu Funden von Kaurimuscheln – ein weitverbreitetes Naturalgeld. Gekonnt verbindet Fauvelle dabei archäologische und historischen Methoden.

Mit seinen 34 wissenschaftlichen Kurzessays versucht sich Fauvelle nicht an einer Gesamtgeschichte des Kontinents. Bereits zu Beginn wird deutlich, dass es «das eine Afrika» nicht gibt. Der im französischen Untertitel verwendete Plural «histoires» ist daher eine bewusste Wahl, der die deutsche Übersetzung «Afrika im Mittelalter» nur bedingt gerecht wird. Mit jedem neuen Kapitel erfolgt ein Wechsel von Ort und Zeit. Zwar versucht Fauvelle, die einzelnen Kapitel miteinander zu verknüpfen, doch lässt das vorhandene Quellenmaterial keine stringente Erzählstruktur zu, sondern gibt lediglich vereinzelte Einblicke. Er vergleicht sein Vorgehen dementsprechend mit einem Mosaik.

Besonders an der gewählten Erzählinstanz ist, dass Fauvelle innerhalb seines Buches eine zentrale Rolle einnimmt: Durch das Aufwerfen kritischer Fragen übernimmt seine Erzählung die Funktion eines Korrektivs. Diese Fragen strukturieren zugleich die einzelnen Kapitel. Nicht alle Fragen werden beantwortet, was stellenweise frustrieren mag. Dies spricht jedoch für die Ehrlichkeit des Autors, der offene Fragen stehen lässt, anstatt vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Sein Ansatz lässt sich entsprechend als dekonstruktiv beschreiben. Primär geht es ihm darum, bestehende Annahmen zu hinterfragen und sie auf den tatsächlichen Aussagegehalt der Quellen zu reduzieren.

Gerade in dieser bewussten Fragmentierung liegt die Stärke des Werkes. Es wird damit der Quellenlage und der historischen Realität des Kontinents gerecht. Fauvelle gelingt es, eurozentrische Geschichtsbilder zu hinterfragen und afrikanische Geschichte als eigenständig, dynamisch und global verflochten aufzuzeigen. Die uns überlieferten Quellen sind nur ein Bruchteil dessen, was das afrikanische Mittelalter zu bieten hat. Die Aufgabe der Historiker:innen ist es, aus diesen Bruchteilen die historischen Erkenntnisse zu bergen. In den Worten Fauvelles: «Der ‹Schatz› ist das, was übrigbleibt, wenn alles andere verschwunden ist.»

Buch
Fauvelle, François-Xavier: Das goldene Rhinozeros. Afrika im Mittelalter, München 2017.