etü: Hier im Antiquariat sieht es noch fast so aus wie vor ein paar Monaten, nur ohne die Büchertürme. Was geschieht nun mit all den Büchern?
Heiniger: Unser Ziel ist, dass so wenig Bücher wie möglich entsorgt werden. Das Sortiment des Antiquariats ist bereits um 30 % heruntergesetzt. In der Buchhandlug warten wir noch bis im August mit Rabatten. Nach Verkaufsende kommen noch Brockenhäuser und Antiquariate vorbei und nehmen, was sie brauchen können. Sie zahlen nichts für die Bücher und wir nichts für die Entsorgung. Zudem schicken wir einen Teil des Sortiments an die Lieferanten zurück. Wie man sehen kann, ist vieles bereits weg. Zuvor standen die Bücher bis zur Decke (schmunzelt).
Mit den Büchern verschwindet auch die Klio Buchhandlung: Ende August schliessen Sie definitiv. Warum tun Sie uns Geschichtsstudis das an?
Heiniger: Der Grund ist ganz einfach: Uns wurde das Mietverhältnis für beide Läden gekündigt. Das Antiquariat und die Buchhandlung sind ins Hotel Rütli integriert, das der Genossenschaft ZFV-Unternehmungen (früher Zürcher Frauenverein für alkoholfreie Wirtschaften) gehört. Das Hotel wird nun während zwei Jahren umfassend saniert und öffnet danach wieder. Da wir beide über dem Pensionsalter sind, war für uns klar: Wir hören auf.
Sie wären also auch ohne die Kündigung in Rente gegangen?
Heiniger: Nein, wir hätten gerne noch ein paar Jahre weitergemacht. Dass uns diese Entscheidung nun abgenommen wurde, ist für uns jedoch nichts Schlechtes. Wir nehmen den ZFV-Unternehmungen die Kündigung auch nicht übel.
Eine Nachfolge zu suchen war für Sie keine Option?
Heiniger: Leider ist es so, dass niemand eine Buchhandlung ohne ein dazugehöriges Ladenlokal übernehmen möchte. Aber, wenn Sie das Thema Nachfolge schon ansprechen: Wie Sie fragte mich letztens auch eine Germanistikstudentin in der Buchhandlung, ob es denn wirklich keine Möglichkeit gebe, das Angebot fortzusetzen. Ich habe ihr dann geantwortet: Wenn ihr Lust habt, eine neue Buchhandlung zu gründen: Noch so gern! (lacht) Das gilt natürlich auch für euch Geschichtsstudis.
Von der Crone: Beim Antiquariat sieht es hingegen schwieriger aus…
Was stimmt Sie skeptisch?
Von der Crone: Eine Überlebenschance haben nur die bibliophilen Antiquariate, also solche, die auf seltene, wertvolle Werke setzen. Der Typ des wissenschaftlichen Antiquariats, wie ich es hier geführt habe, befindet sich in seiner Endphase. Lange hat dieses Modell sehr gut funktioniert. Doch diese Zeiten sind vorbei. Auch in finanzieller Hinsicht ist es somit vernünftig, jetzt aufzuhören.
Heiniger: Die Zahlen sind tatsächlich eindrücklich: Letztes Jahr lag unser Umsatz sogar unter jenem der Anfangszeiten, und zwar Antiquariat und Buchhandlung zusammengerechnet. Dabei konnten wir lange gut von dem Geschäft leben.
Wenn niemand mehr Bücher ausleiht, gibt es für die Bibliotheken auch keinen Grund mehr, diese von Buchhandlungen zu kaufen.
Christine Heiniger, Mitbegründerin der Klio Buchhandlung und Antiquariat
Würden die Einnahmen heute noch reichen, um Ihren Lebensunterhalt finanzieren?
Von Der Crone: Nein, heute könnten wir nicht mehr vom Umsatz leben.
Heiniger: Wir hätten weitergearbeitet, weil wir Freude an der Arbeit haben. Da wir Rente beziehen, hätten wir es uns auch leisten können.
Wo sehen Sie die Gründe für diesen Rückgang?
Von der Crone: Die älteren wissenschaftlichen Bücher werden von den Bibliotheken digitalisiert und so der breiten Masse zugänglich gemacht. Die Geschäftsgrundlage für wissenschaftliche Antiquariate fällt folglich weg.
Heiniger: Dasselbe gilt auch für die Buchhandlung. Zu guten Zeiten war das Semestergeschäft, also die Einkäufe der Studierenden, für uns wie Weihnachten. Doch seit zehn, fünfzehn Jahren sind die Zahlen markant rückläufig. Heute ist das Semestergeschäft – man kann es nicht anders sagen – inexistent. Und zwar nicht, weil die Studis faul sind und nicht mehr lesen. Die Anforderungen haben sich schlicht geändert: Wir hören, dass viele Studierende heute gezielt einzelne Kapitel lesen müssen, die ihnen digitalisiert zur Verfügung gestellt werden. Natürlich kaufen sie dann keine ganzen Bücher mehr ein.
Wie setzen sich Ihre Einkünfte heute zusammen?
Heiniger: Heute machen die Einkäufe der Gymnasien sowie jene der Bibliotheken, etwa dem Sozialarchiv, der Zentralbibliothek oder den Universitätsbibliotheken, im Vergleich zum Semestergeschäft einen grösseren Anteil unseres Absatzes aus als früher. Die Bibliotheken kaufen uns Bücher ab und machen diese der breiten Bevölkerung zugänglich. Aber auch hier zeichnet sich eine beunruhigende Trendwende ab.
Welcher Art?
Heiniger: Die Ausleihzahlen von gedruckten Büchern sind eingebrochen. Das wirkt sich auch auf die Anschaffungen der Bibliotheken aus. Sie kaufen mittlerweile viel weniger gedruckte als digitale Titel ein. Nur dort, wo die Bibliotheken ihren Auftrag zu erfüllen haben, sprich im Bereich der Archivierung, läuft das Geschäft.
Und wie wirkt sich diese Entwicklung auf Buchhandlungen wie Ihre aus?
Heiniger: Wenn niemand mehr Bücher ausleiht, gibt es für die Bibliotheken auch keinen Grund mehr, diese von Buchhandlungen wie uns abzukaufen. Gewisse Bibliothekare, besonders solche von naturwissenschaftlichen Bibliotheken wie der ETH-Bibliothek, finden es mittlerweile hinfällig, überhaupt noch gedruckte Bücher einzukaufen. Wird dies zur Norm, funktioniert unser Geschäft nicht mehr.
Unabhängige Buchhandlungen setzen vermehrt auch auf unkonventionelle Angebote wie Bücherclubs oder Cafés, um profitabel zu bleiben. Haben Sie solche alternative Geschäftsmodelle in Erwägung gezogen?
Heiniger: Klar, kann man noch ein Café oder einen Leseclub machen. Nur lohnt sich das in den wenigsten Fällen. Nehmen wir das ehemalige Kulturhaus Kosmos mit seinem wunderschön eingerichteten Büchersalon. Dort sassen die Leute dann einfach stundenlang am Laptop, tranken Kaffee und stöberten, wenn es gut kommt, in ein paar Büchern. Es ist bedauernswert, aber so ein Angebot konnte nicht rentieren.
Von der Crone: Einmal abgesehen davon, wollte ich sowieso nie ein Café auftun. Schliesslich bin ich Buchhändler und kein Beizer (lacht).

Wann entstand die Idee, eine Buchhandlung zu gründen?
Heiniger: Bei einem Abendessen kurz nachdem ich meine Lehre abgeschlossen hatte. Wir wollten eine Buchhandlung eröffnen, die im Gebiet der Geschichte und Philosophie noch besser ist als die Buchhandlung Rohr, wo Christoph und ich gearbeitet hatten. Nach einem kurzen Gespräch entschlossen wir: Wir versuchen es, nach dem Prinzip, wenn’s geht, dann geht’s und wenn nicht, dann eben nicht.
Wie gross war das Gründerteam?
Heiniger: Wir waren zu viert: Christoph von der Crone, mein Mann Klaus Linow, Jürg Zbinden, der Geschichte am Gymnasium Rämibühl unterrichtete, und ich. Klaus und Jürg kannte ich vom Geschichtsstudium. Christoph und ich haben uns beim Rohr kennengelernt. Er arbeitete bereits als Buchhändler, ich befand mich in der Lehre als Buchhändlerin. Klaus und ich waren in den Dreissigern, Jürg noch ein bisschen jünger. Wir waren alles Idealisten.
Ihr Standort war seit Beginn an der Zähringerstrasse?
Heiniger: Ja, hier fing alles an. Am Anfang waren beide Geschäfte im heutigen Antiquariatslokal einquartiert: Unten die neuen Bücher, oben die antiquarischen. Es war sehr eng (lacht). Daher siedelten wir das Antiquariat an die Weinbergstrasse um. Als 1996 der Coiffeur, der in den Räumlichkeiten der heutigen Buchhandlung arbeitete, zuging, nutzten wir die Chance und verlegten das Antiquariat wieder zurück an die Zähringerstrasse.
Von der Crone: Das war natürlich sehr praktisch. Einerseits, da meine Mittagsablösung von der Buchhandlung kam und der Weg sich damit verkürzte. Andererseits erleichterte es die Bezahlung. Die Kunden des Antiquariats bezahlen die Bücher heute wie damals in der Buchhandlung.
Heiniger: Ja, weil du bis heute kein Kartengerät hast (lacht). Aber für das Geschäft war es gar nicht mal so schlecht. Denn so gingen die Leute jeweils in beide Geschäfte. Bestenfalls kauften sie noch etwas ein.
Wie Sie bereits erwähnt haben, lief die Klio Buchhandlung lange gut…
Heiniger: Ja, absolut. Wir fassten sehr schnell Fuss in diesem Geschäft. Die Zahlen gingen von Beginn weg steil nach oben.
Von der Crone: Zu unseren besten Zeiten machten wir mehr als die Hälfte des Umsatzes der renommierten Rohrbuchhandlung. Dort arbeiteten 30 Angestellte. Wir waren sieben.
Mit dem Ende der Klio Buchhandlung bleibt der Stadt Zürich nur noch eine wissenschaftliche Buchhandlung erhalten.
Christoph von der Crone, Antiquar und Klio-Mitbegründer
Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?
Von der Crone: Wir waren schlank organisiert. Unser Prinzip war: Wenn jemand einen Auftrag in die Hand bekommt, schliesst er oder sie diesen auch ab. Bei der Rohrbuchhandlung war das anders. Dort ging jeder Auftrag durch mehrere Hände. Jemand telefonierte, ein anderer büschelte die Rechnungen, ein dritter übernahm die treuhänderischen Aufgaben. Ich denke, man arbeitet besser, wenn einem bei der Arbeit nicht ständig über die Schulter geschaut wird.
Heiniger: Gleichzeitig markierten wir früh Kompetenz. Zum Beispiel konnten wir der Kundschaft und den Bibliotheken bereits bei der Ladeneröffnung einen Neuerscheinungskatalog präsentieren. In diesen Katalogen stellten wir bis 2014 zweimal im Jahr Titel aus unserem Fachgebiet zusammen. Das war aufwendig und teuer, wirkte sich aber positiv auf unser Image aus. Wir haben auch mit einem professionellen Grafiker zusammengearbeitet, der das Signet sowie unsere legendären Plastiksäcke entwarf (lacht).
Von der Crone: Das Design ist bis heute das gleiche geblieben!
Heiniger: Um die Eröffnung herum schalteten wir auch Tramwerbungen und die Zeitungen schrieben über uns. Ja, es war ein Erfolg. Dafür arbeiteten wir phasenweise sehr viel.
Die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen schrumpft seit Jahren. Wie divers war die Landschaft damals?
Von der Crone: Als wir 1989 angefangen haben, gab es 23 wissenschaftliche Buchhandlungen in Zürich. Bis auf die juristische Fachbuchhandlung Schulthess gleich neben dem Grossmünster sind alle verschwunden! Mit dem Ende der Klio Buchhandlung bleibt Zürich also nur noch eine wissenschaftliche Buchhandlung erhalten.
Heiniger: Auch in den Geisteswissenschaften war die Konkurrenz gross. Man denke an die Buchhandlungen Rohr oder das Antiquariat und die Buchhandlung Pinkus. Das sagt Ihnen natürlich alles nichts mehr (lacht), aber das waren grosse Namen.
Sie schwärmen von diesen Buchhandlungen. Gleichzeitig konkurrierten diese mit Ihnen um Kundschaft. War es damit nicht schwieriger, sich zu behaupten?
Von der Crone: In unserem Kerngebiet, der geisteswissenschaftlichen Fachliteratur, spürten wir die Konkurrenz schon. Gleichzeitig muss Konkurrenz nicht zwangsläufig negativ sein. Das gilt besonders fürs Antiquariat. Von den vier Antiquariaten in der nahen Umgebung sind alle eingegangen. Damit ging auch uns Kundschaft verloren, denn Quartiere mit vielen Antiquariaten wirken auf Sammler:innen wie Magnete. Bei einer hohen Ladendichte lohnt es sich für diese, hier vorbeizuschauen.
Heiniger: Die örtliche Konzentration der Antiquariate erleichterte Sammler:innen ihre Arbeit. Sie wussten: Wenn ich die Zähringerstrasse entlanglaufe, werde ich fündig. Bis in die späten 2000er kamen übrigens auch mehr ausländische Kunden.
Weshalb kommen diese heute nicht mehr?
Von der Crone: Der Euro entsprach bei dessen Einführung 1999 etwa 1 Franken und 60 Rappen. Mit der Talfahrt des Euros nach der Wirtschaftskrise 2008 und der Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizer Nationalbank 2015 lohnte es sich für die deutsche Kundschaft nicht mehr, hierherzukommen: Nicht nur die Bücher, sondern auch der Aufenthalt im Hotel wurde für sie mit der Entwertung des Euros gegenüber dem Franken viel teurer. Zudem wurde dadurch mein ganzes Lager entwertet, da ich die Bücher noch zu einem höheren Preis eingekauft habe, als ich sie später verkaufen konnte.
Lukrativ für Antiquariate ist besonders der Handel mit seltenen Büchern, etwa Erstausgaben, richtig?
Von der Crone: Heute ist das das Fall, ja. Dabei war die lange Zeit anders. Früher konnte ich mit dem Verkauf von 10-Franken-Büchern die teuren Perlen finanzieren. Die günstigen Bücher waren somit ein wichtiges Standbein. Heute bringt man letztere fast nicht mehr weg. Somit fehlt das Geld für die seltenen Werke. Aber klar: Wenn ich wählen konnte, nahm ich auch früher lieber die Kant Erstausgabe für 1500 Franken als das stw-Taschenbuch.

Wie kommt man eigentlich an solch seltene Ausgaben?
Von der Crone: Zum Teil über persönliche Netzwerke, zum Teil über Kunden. Immer wieder hatten Professoren mit umfassenden Gelehrtenbibliotheken testamentarisch festgelegt, dass die Erben mir die Sammlungen zum Kauf anbieten mussten. Eine exzellente Mathebibliothek bekam ich zum Beispiel, weil mein Gymi-Deutschlehrer den Besitzer kannte. Ein anderes Mal konnte ich den Nachlass eines Professors kaufen, der aus dem Exil zurückgekommen war. Der besass ganz viele Erstausgaben: Sogar solche von Kafka.
Ihre Arbeit dreht sich seit Jahren um Bücher. Waren Sie eines dieser Kinder, die nachts unter der Decke mit der Taschenlampe in der Hand gelesen haben?
Heiniger: Ich nicht. Ich las in der Kindheit wenig und heute lese ich mehr Sachbücher als Belletristik.
Von der Crone: Ich war eine Leseratte: Zu meinen besten Zeiten im Gymnasium las ich fast jeden Tag ein Buch. Ich mochte zum Beispiel die Reihe Rowohlts Deutsche Enzyklopädie. Die waren um die 120 Seiten lang. Das ging noch.
Wann haben Sie die gelesen: nicht etwa während den Schulstunden?
Von der Crone: Nein, höchstens im Religionsunterricht (lacht).
Gehört das Lesen zu den Pflichten des Buchhändlers?
Heiniger: Das denken die meisten. Auch die Lernenden, die wir bei uns ausgebildet haben. In ihren Bewerbungsschreiben betonten die meisten, dass Bücher für sie das Wichtigste im Leben sind, wie passioniert sie lesen und sie sich mit Büchern umgeben müssen, um glücklich zu sein. Das ist schön und gut. Wichtiger sind jedoch andere Eigenschaften.
Welche?
Heiniger: Buchhändler:innen von Fachbuchhandlungen sollten sich in verschiedenen Wissensgebieten auskennen. Wenn jemand die Buchhandlung betritt und nach Literatur zum Punischen Krieg fragt, sollte man eine grobe Vorstellung von diesem historischen Ereignis haben. Auch ein wissenschaftstheoretisches Fundament ist wichtig.
Von der Crone: Übrigens ist auch die Vorstellung, dass Buchhändler den ganzen Tag nichts anderes machen als hinter der Kasse zu sitzen und lesen, falsch. Ich habe hier im Antiquariat in meiner ganzen Zeit in der Klio Buchhandlung während der Arbeit noch nie ein Buch gelesen.
Wie reagierte die Kundschaft auf die Schliessung?
Heiniger: Ich gebe zu, ich habe viele Reaktionen erwartet und es war mir klar, dass das Bedauern gross sein wird. Aber dass es so gross ist, hätte ich nie gedacht. Die Leute kommen wieder und wieder vorbei und fragen ‹Stimmt es wirklich, dass ihr zugeht› oder sie sagen ‹das könnt ihr uns doch nicht antun›. Es ist sehr berührend.
Von der Crone: Ja, ich verbringe seit Monaten viel Zeit damit, Kunden zu trösten.
Heiniger: Ich denke, das hat nicht nur damit zu tun, dass wir unsere Arbeit gut gemacht haben, sondern auch mit der Tatsache, dass ein Angebot verloren geht, das es künftig nicht mehr gibt.
Klio und etü – eine lange Partner:innenschaft
1989 entschlossen vier Idealist:innen bei einem Abendessen, eine wissenschaftliche Buchhandlung mit integriertem Antiquariat zu gründen. Dies mit dem Ziel, ein Angebot zu schaffen, das in den Sozial- und Geisteswissenschaften unschlagbar war. Diesem Anspruch wurde die nach der Muse der Geschichtsschreibung benannte Buchhandlung gerecht. Schnell etablierte sie sich als fixe Anlaufstelle für Lehrpersonen, Studis und Sammler:innen. Das Geschäft florierte, die Klio war nicht mehr wegzudenken.
Seit der ersten Stunde war die Klio eine Partnerin des etü. Ich habe Christine Heiniger im Gespräch gefragt, seit wann die Buchhandlung im etü inseriert. «Seit es uns gibt», antwortete sie. Ob frühere etü-Generationen die Inserat-Anfragen damals noch per Fax verschickten? Man weiss es nicht. Die Antwort lautete zu meinen Zeiten jedenfalls immer «Gerne inserieren wir in der nächsten Nummer wie gewohnt.»
So zuverlässig lief dieser Mailverkehr, dass diejenigen im Inserateämtli sich irgendwann fragten, ob man denn nicht einen Dauerauftrag für die nächsten hundert Jahren einrichten konnte. Doch das wäre unangebracht gewesen. Stattdessen schrieb man weiter Mails. Heute wünscht man, dass aus dem hundertjährigen Dauerauftrag etwas geworden wäre. Der etü wird die Klio vermissen.
Was antworten Sie den Leuten, die fragen, wo sie jetzt Bücher kaufen sollen?
Heiniger: Eines steht fest: Es gibt viel mehr als nur den Orell Füssli. In Zürich finden sich immer noch einige unabhängige Buchhandlungen, die auf der Website Zueribuch.ch aufgeführt sind. In der Buchhandlung Caligramme in der Nähe findet man beispielsweise viel Philosophie und Literatur. Auch das Volkshaus hat ein grosses Sortiment an Geschichtsbüchern. Aber ja, unser Angebot war in dieser Form einzigartig.
37 Jahre arbeiten Sie nun zusammen. Haben Sie sich immer vertragen?
Von der Crone: Ja, immer. In diesen 37 Jahren hatten wir nie eine Auseinandersetzung.
Heiniger: Das glaubt uns niemand, aber es stimmt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir uns gegenseitig immer in Ruhe liessen. So stellte sich bereits sehr früh heraus, dass Christoph im Antiquariat und ich im Sortiment arbeite. Die Sitzungen hielten wir zwischen Tür und Angel ab.
Von der Crone: Sitzungen im herkömmlichen Sinn hatten wir zum Glück keine. Bevor ich Buchhändler wurde, arbeitete ich bei einer Gemeindebehörde und hatte Einsitz in vielen Kommissionen. Seither kann ich Sitzungen nicht mehr so gut ertragen.
Stellen Sie sich vor, Sie wandern auf einer einsamen Insel aus: Welche drei Bücher (aus der Klio Buchhandlung) würden Sie mitnehmen und weshalb?
Von der Crone: Da bin ich überfragt.
Nur drei Titel bräuchte ich, nicht mehr…
Von der Crone: Nun gut, vielleicht englische Krimis aus der Zeit 1920 bis 1970, und dann ein philosophisches Werk: Sagen wir Kant. Es müsste wohl das Dickste sein: Kritik der reinen Vernunft. Das habe ich zwar schon mal gelesen, aber es gibt immer wieder neue Sachen zu entdecken.
Heiniger: Bei mir wären es ausschliesslich Sachbücher: Es gibt da das wunderbare Buch Der Nil. Fluss der Geschichte des skandinavischen Autors Terje Tvedt. Dann King Cotton von Sven Beckert; ein unglaublich gutes Sachbuch, das die Geschichte des Kapitalismus anhand der Geschichte der Baumwolle erzählt. Zuletzt würde ich vielleicht noch Hannah Arendts Totalitäre Herrschaft mitnehmen. Obwohl, wenn ich jetzt darüber nachdenke, weiss ich nicht, ob das eine gute Idee ist… So oder so finde ich es eine schreckliche Vorstellung, allein auf einer Insel zu leben.