Amerika nach Athen tragen

Warum sprechen wir noch heute vom antiken Griechenland als Klassik? Dieser Frage widmet sich Josiah Ober in The Rise and Fall of Classical Greece. Mit viel mentaler Gymnastik will er zeigen, dass Dezentralisierung und faire Regeln grossen Wohlstand und hohe Kulturproduktion erzeugt haben.

Die Zielsetzung von The Rise and Fall of Classical Greece ist ambitioniert. In rund 300 Seiten will Josiah Ober sowohl die Akademie wie auch die breite (amerikanische) Öffentlichkeit ansprechen. Er bestreitet nicht nur die These, antike Wirtschaft sei primitiv-vormodern gewesen, sondern sieht auch die klassisch-griechische Wirtschaft als eine bis ins 17. Jahrhundert gültige Ausnahme. Denn sie soll sich von der Subsistenzwirtschaft, in der man noch knapp über die Runden kam (oder eben auch nicht), hin zu einer spezialisierten Wirtschaft gewendet haben. Diese am American exceptionalism angelehnte These begründet er mit dem dezentralisierten Stadtstaatensystem, fairen Regeln und Demokratie. Damit schufen die Griechen ausgezeichnete Bedingungen, um einen breit verteilten, unglaublichen Reichtum zu erlangen. Dieser Wohlstand wiederum sorgte laut Ober für eine «Effloreszenz», einen «steilen Anstieg der kulturellen Produktion».

Das Kartenhaus der Effloreszenz

Die These der Effloreszenz verbindet Ober mit weiteren Ideen: grossem Bevölkerungswachstum, einem hohen Grad an Urbanisierung bei hoch bleibender Lebensqualität, einem starken Anstieg der Wirtschaftsleistung pro Kopf sowie einer gerechten Vermögensverteilung – fast schon sozialistisch! Da in der Antike noch kein Bundesamt für Statistik existierte, welches das jährliche Wirtschaftswachstum und die Produktivität erfasst hätte, musste der Autor die dafür erforderlichen Daten selbst zusammenstellen. Denn er glaubt, dass über die uns bekannten Daten die Wirtschaftsleistung approximiert werden kann.

Diese steile Ansage zerbricht bei näherer Betrachtung. Eine Analyse verschiedener Indikatoren lag scheinbar nicht drin. Stattdessen bedient er sich jeweils eines einzigen, wenig aussagekräftigen Indizes, um seine Thesen zu «beweisen»: das Wachstum des griechischen Wohlstands misst er auf Basis der durchschnittlichen Wohnfläche von Häusern, die Vermögensverteilung hingegen anhand des Landbesitzes der männlichen athenischen Bürger. Diese Berechnungen aus dem Wirtschaftszentrum Athen gelten seiner Einschätzung nach in einer kaum abgeschwächten Form auch für die abgelegenste Peripherie, wofür man dem Experten einfach vertrauen müsse. Das resultierende Gesamtbild ist zu schön, um wahr zu sein: ein historisch unübertroffenes Wachstum in einer angeblich ungemein gerechten Gesellschaft – wahrlich ein klassisch-griechischer Exzeptionalismus! Diese wild zusammengesetzte These gleicht einem Kartenhaus, das schon bei kleinster Berührung droht, in sich zusammenzubrechen.

Die Effloreszenz-These für sich selbst bestätigt, wendet sich Ober ab der Mitte des Buchs dem chronologischen Durchrattern der klassischen Ereignisgeschichte zu – von der Gründung der griechischen Stadtstaaten bis hin zum Tod Alexanders des Grossen. Mit dem Hammer seiner Thesen in der Hand haut er auf jede Schraube ein, die noch so wenig einem Nagel gleicht. Überall entdeckt er Entwicklungen, die sich positiv auf die Effloreszenz ausgewirkt haben sollen. Nach der ober’schen Methode darf sich auch der Landwirtschaftssklave Spartas, der von der Hand in den Mund lebte, zum «hyperspezialisierten Subsistenzbauern» hochstilisieren. Ein loser Staatenbund, der keine vier Jahre bestand, bevor die Hälfte seiner Mitgliedsstaaten ihn wieder verliess, hat «erfolgreich mit Föderalismus experimentiert». Eine noch so oligarchische Bürgerversammlung zeugt von Demokratie. Ja, sogar in der spartanischen Bürger-Aristokratie und sizilianischen Tyrannei muss Ober egalitäre oder pluralistische Elemente hervorheben.

Die Kultur bleibt aussen vor

Es ist unglücklich, dass weitere Analysen der Effloreszenz der politischen Ereignisgeschichte weichen mussten, die seiner Argumentation nur bedingt dienlich ist. Dadurch enthält das Werk in seiner Konzeption einen kleinen Schönheitsfehler. Denn obwohl sich das gesamte Buch um die Frage der Effloreszenz dreht, hielt es Ober offenbar für überflüssig, sich der Frage der Kultur zu widmen. Unklar bleiben sowohl der angebliche kausale Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleistung und Kulturproduktion als auch, welche Aspekte der griechischen Kultur der Autor als Produkt dieser «klassischen Effloreszenz» versteht. Offenbar hält er dies für selbsterklärend. Es wäre daher manch ein:er Leser:in verziehen, der oder die nach der Lektüre glaubt, Homer gehöre in die Klassik.

The Rise and Fall of Classical Greece wirft mit seinen theoretischen und methodischen Ansätzen interessante neue Perspektiven auf, kann aber mit seinen sensationalistisch-absurden Resultaten nicht überzeugen. Positiv zu bewerten ist, dass das Buch leicht zugänglich geschrieben ist. Als Einstiegsliteratur eignet es sich aber nicht. Überhaupt ist es fraglich, wem dieses Buch dienen soll. Wer Obers Methoden kritisch betrachtet, wird auch nach der Lektüre nicht umgestimmt worden sein. Gleichermassen macht er dem fachfremden Publikum keinen Gefallen, wenn er es von seiner Aussenseitertheorie überzeugt. Wenigstens dürfte es den Studierenden im Bachelor viel Diskussionsstoff im Rahmen der mündlichen Prüfung liefern.

Buch: Ober, Josiah: The Rise and Fall of Classical Greece, Princeton 2015 (The Princeton History of the Ancient World).