Im Begriff, das Theater zu verlassen

Bildlegende: Buchmalerei aus dem Salzburger Missale: Der Baum des Lebens mit Maria (links) und der Baum des Todes mit Eva, um 1480. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek München
Zwischen dem, was war, und dem, was daraus gemacht wurde, liegt oft ein ganzer Raum an Deutung. Maria und Eva bewegen sich seit Jahrhunderten in diesem Zwischenraum: zwischen biblischer Erzählung und kulturellem Gedächtnis, zwischen Frau und Symbol, zwischen Geschichte und Vorstellung. Dieser Artikel folgt den Spuren zweier Frauenfiguren und der Rollen, die spätere christliche Ausleger aus ihnen formten.

Theater lebt von Rollen. Nicht von den Menschen, sondern von dem, was ihnen zugeschrieben wird. Von Erwartungen. Von Wiederholungen. Von Blicken, die entscheiden, welche Figur glaubwürdig erscheint – und welche nicht. Eine Rolle entsteht nicht einfach von Natur aus. Sie wird geschrieben. Gespielt. Gelesen. Weitergegeben.

Gerade deshalb eignet sich das Theater als Bild für die Geschichte von Maria und Eva. Denn die Bühne, auf der sie einander begegnen, findet sich nicht in den biblischen Erzählungen selbst. Sie entsteht erst in der christlichen Auslegungstradition. Seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. beginnen frühchristliche Kirchenväter, beide Frauenfiguren typologisch gegenüberzustellen. Dabei entsteht ein Spiegel, der jede Figur im Gegenbild der anderen erscheinen lässt: Eva wird zum Antlitz, vor dem Maria lesbar wird, und Maria zur Umkehrung von Eva. So wird aus der einen das Bild des Falls und aus der anderen das der Erlösung. Allerdings haben Geschichten die eigentümliche Angewohnheit, sich zu verändern. Nicht unbedingt in ihrem Wortlaut, wohl aber in dem, was spätere Generationen in ihnen zu erkennen glauben.

Der erste Spiegel

Um zu verstehen, wie dieser Spiegel entstand, lohnt sich ein Blick ins zweite Jahrhundert. Zwei schemenhafte Gestalten teilen sich dieselbe Bühne, voneinander getrennt und doch durch die Blicke derer verbunden, die sie betrachten. Bereits Justin der Märtyrer zeichnet ein solches Spiegelbild. In seinem Dialog mit dem Juden Tryphon wird Maria durch Eva lesbar und Eva durch Maria. Eva und Maria scheinen dabei dieselbe Bewegung zu vollziehen. Beide stehen am Anfang einer neuen Geschichte. Beide empfangen ein Wort. Beide antworten darauf.

Doch erst der Blick, der nach ihnen kommt, entscheidet, welche Bedeutung diese Antwort erhält. Aus Evas Annahme des Wortes der Schlange entsteht das Bild des Falls; aus Marias Empfang der Botschaft des Engels entsteht das Bild des Glaubens. Und doch bleibt dieser Spiegel eigentümlich ungreifbar. Je näher man die beiden Figuren betrachtet, desto deutlicher wird, dass die Verbindung zwischen ihnen nicht in ihnen selbst liegt. Die Parallelen erscheinen, solange man sie betrachtet. Doch sobald man versucht, sie festzuhalten, lösen sie sich wieder auf. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass jede Rolle erst durch den Blick entsteht, der sie hervorbringt – und nicht durch die Gewissheit einer ewigen Gegenüberstellung.

Als aus Bildern Rollen wurden

Spiegel haben die Angewohnheit, Erscheinungen festzuhalten, obwohl sie nichts besitzen. Je häufiger in sie geblickt wird, desto wirklicher erscheint das, was sie zeigen. Aus einer Analogie wird eine Ordnung. Aus zwei Frauen werden zwei Rollen. Bei Hieronymus wird dieser Wandel besonders deutlich. In seinem Brief an die geweihte Jungfrau Eustochium aus dem Jahr 384 n. Chr. wird die Spiegelung zu einer Deutung. Er erzählt die Geschichte der Jungfräulichkeit als eine Geschichte ihrer Wiederkehr. Im Alten Testament, so schreibt er, sei die Tugend der Enthaltsamkeit vor allem Männern zugeschrieben worden, während Eva «in Schmerzen Kinder gebar». Erst mit Maria verschiebt sich diese Ordnung. Durch die Jungfrau, die Christus empfängt, sei der alte Fluch aufgehoben:

«Eva brachte den Tod, Maria das Leben.»

Die beiden Frauen stehen damit nicht mehr nur am Anfang zweier Geschichten. Sie werden zu zwei Bildern, durch die Weiblichkeit lesbar wird. Eva verkörpert die alte Ordnung: verbunden mit Geburt, Schmerz und dem Verlust des Paradieses. Maria eröffnet eine neue Ordnung, die mit Jungfräulichkeit, Reinheit und Erlösung verbunden ist. Doch gerade in diesem Moment zeigt sich die eigentliche Macht des Spiegels. Maria wird zum Vorbild, und aus ihrem Bild entsteht ein Ideal. Die Jungfräulichkeit erscheint als eine besondere Form weiblicher Nachfolge Christi. Der Spiegel, der einst zwei Figuren miteinander verband, richtet sich nun auf alle, die nach ihnen kommen. Frauen werden lesbar zwischen diesen beiden Bildern. Zwischen Eva und Maria. Zwischen dem, was überwunden werden soll, und dem, was nachgeahmt werden kann.

Zwischen neuen Gegensätzen

Doch auch Spiegel altern. Nicht weil sie verschwinden, sondern weil sich der Raum verändert, in dem in sie geblickt wird. Eine direkte Linie von Hieronymus in die Gegenwart zu ziehen, wäre historisch unzulässig. Vorstellungen wandeln sich, religiöse Deutungen verlieren an Selbstverständlichkeit, gesellschaftliche Ordnungen verändern sich. Und doch drängt sich eine Beobachtung auf. Nämlich der Mechanismus, Weiblichkeit über Gegensätze lesbar zu machen.

Vermutlich stimmt es, dass wir Menschen das Bedürfnis haben, die Welt durch Kategorien verständlich zu machen. Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit – beziehungsweise Versuchung – sind weniger Eigenschaften der Dinge als vielmehr Ausdruck kultureller Ordnungssysteme. Vor diesem Hintergrund erscheint auch Weiblichkeit nicht länger als naturgegebene Tatsache. Vielleicht lässt sich Weiblichkeit tatsächlich weniger als Natur denn als kulturelle Praxis verstehen. Und vielleicht stimmt es schliesslich, dass Rollen gerade dadurch etabliert werden, dass sie performativ wiederholt werden. Sie werden so selbstverständlich, dass wir vergessen, dass sie überhaupt aufgeführt werden. Der religiöse Unterton mag heute in den Hintergrund gerückt sein. An seine Stelle treten neue Begriffe, neue Erwartungen, neue Ideale. Doch auch sie ordnen Weiblichkeit häufig zwischen zwei Polen. Zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung. Zwischen Reinheit und Begehren. Zwischen der Frau, die Anerkennung verdient, und jener, die sich ihr entzieht. Nicht dieselben Rollen, aber eine ähnliche Dramaturgie.

Wenn der Vorhang fällt

Am Ende leert sich die Bühne. Maria und Eva treten ab. Der Spiegel bleibt noch einen Augenblick stehen. Dann verliert auch er sein Gegenüber. Was bleibt, ist eine Beobachtung. Der historische Vorhang ist gefallen. Die Logik, Weiblichkeit durch Gegenüberstellungen lesbar zu machen, scheint jedoch geblieben zu sein.

Literatur

Butler, Judith: Performative Acts and Gender Constitution: An Essay in Phenomenology and Feminist Theory: In: Theatre Journal 40 (4), 1988, S. 519–531.

Hieronymus: Brief 22: An Eustochium. In: Bibliothek der Kirchenväter (BKV). Online: <https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-620/versions/briefe-bkv-2/divisions/111> (Stand: 31.07.2026).

Justinus der Märtyrer: Dialog mit dem Juden Tryphon, Kap. 100. In: Bibliothek der Kirchenväter (BKV). Online: <https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-1076/versions/dialog-mit-dem-juden-trypho-bkv/divisions/101> (Stand: 31.07.2026).