In Gender and the Politics of History begründet Scott nicht nur neue Ansätze der Geschlechtergeschichte, sondern bietet auch eine neue Herangehensweise an die Geschichtsschreibung. Scotts Monographie besteht aus mehreren Essays, in denen sie ihre poststrukturalistischen Über-legungen zu Gender, Klasse, Feminismus und Sprache ausformuliert. Über zehn Kapitel hinweg zeigt Scott anhand von Beispielen die Beziehung zwischen Politik und Geschichte im Kontext von Gender auf. Sie bezieht sich unter anderem auf Sigmund Freud und versucht, jene Beziehung durch eine psychoanalytische Linse zu betrachten. Damit will Scott aufzeigen, dass die sozialen Kategorien von «Mann» und «Frau» sich politischen Situationen anpassen und verändern. So macht sie die Formbarkeit und Trivialität der binären Geschlechtervorstellung erkennbar. Dadurch möchte sie verhindern, dass diese Narrative als normativ gedeutet werden.
In ihrem wohl wichtigsten Kapitel Gender: A Useful Category of Historical Analysis beschreibt Scott, was der Einbezug von Frauen in die Geschichtsschreibung bedeuten kann und welche Erkenntnisse dies mit sich bringt. Gender dient als neue Methode beziehungsweise als Fokus der Geschichtswissenschaft.
Im zweiten Teil ihres Buches zieht Scott Parallelen zwischen Gender und Klasse: Beide Kategorien sind gesamtgesellschaftlich relevant. Jeder Aspekt der Geschichte lässt sich unter dem Fokus der Geschlechtergeschichte betrachten und bietet neue Perspektiven.
Die Unterscheidung zwischen Geschlechtergeschichte und Frauengeschichte ist für Scotts Argumentation zentral. Frauengeschichte versucht, weibliche Subjekte in der Geschichte sichtbar zu machen und sie dadurch in die historische Wissenschaft zu integrieren. Eine Männergeschichte ist bis heute kaum etabliert. Ein Beispiel: Wenn ich «Frauengeschichte» in der Suchmaschine eingebe, erklärt mir Wikipedia, dass die Frauengeschichte eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft ist. Wenn ich hingegen «Männergeschichte» suche, erscheint ein Eintrag des Oxford Dictionary, der besagt, dass dies «eine Liebschaft mit einem Mann» sei. Geschlechtergeschichte legt hingegen einen Fokus auf Geschlechterverhältnisse, -normen und -rollen, dies auch mit Einbezug von Männern. Dabei stellt Geschlechtergeschichte das weitverbreitete, binäre Geschlechterverständnis in Frage und rückt stattdessen die Veränderlichkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit in den Vordergrund. So eröffnet diese Disziplin einen neuen Blickwinkel auf historische Ereignisse und Entwicklungen.
Die Macht der sozialen Kategorien
Scott stützt sich auf das Werk Le Deuxième Sexe (1949) von Simone de Beauvoir und zeigt, dass deren Differenzierung zwischen «sex» und «gender», dem biologischen und sozialen Geschlecht, für die geschlechtergeschichtliche Forschung noch immer relevant ist. Gender unterscheidet sich vom biologischen Geschlecht («sex») dadurch, dass die geschlechtsstereotypen Rollenbilder und Abgrenzungen zwischen «Mann» und «Frau» gesellschaftlich konstruiert sind und normativen, zeitgenössischen Auffassungen von Männlichkeit und Weiblichkeit unterliegen.
Scott versucht in ihrer Monographie, die wechselwirkende Beziehung zwischen Geschichte und Politik anhand von Gender aufzuzeigen. Beispielsweise vergleicht sie im zweiten Teil ihres Buches Gender mit der sozialen Kategorie Klasse. Ähnlich wie Geschlechtergeschichte nicht mit Frauengeschichte gleichzusetzen ist,
so ist auch Klassengeschichte nicht mit Arbeiter:innengeschichte gleichzusetzen.
Scott möchte ausserdem aufzeigen, dass Gender nicht nur für die Geschlechtergeschichte, sondern auch für andere Disziplinen relevant sein kann: Als Beispiel nennt sie die Marginalisierung der französischen Arbeiterinnen um 1848, welche erst von einem geschlechtergeschichtlichen Blickwinkel erklärbar wird. Scott sieht in dieser interdisziplinären Anwendbarkeit der sozialen Kategorie Gender eine Chance für die Geschichtswissenschaft: Durch den neuen Blickwinkel könnten verschiedenste Historiker:innen zu Erkenntnissen gelangen, die ihnen bisher entgangen sind.
Keine Geschichte ohne Gender
Scott geht von der Existenz einer Gruppenidentität aus und schreibt, dass es sinnlos sei, diese zu leugnen. Es sei stattdessen sinnvoller zu fragen, wie diese Gruppenidentitäten zustande gekommen sind: Wie werden soziale Unterschiede konstruiert und wie funktionieren jene Prozesse der sozialen Differenzierung? Aus diesen Fragen kristallisiert sich Scotts Fazit heraus: Politik sei die Verhandlung von Identitäten (wie etwa Klasse, Gender oder race) und deren Differenzen.
Gerade für die mündliche Prüfung ist Gender and the Politics of History sehr empfehlenswert. Die knapp 300 Seiten zeichnen sich durch eine klare und gehaltvolle Sprache aus. Scott illustriert ihre Argumentation meist mit historischen Beispielen: Die teilweise komplexen Gedankengänge werden so gut nachvollziehbar. Auch für das weitere Studium sind Scotts Ausführungen wertvoll: So kann Scotts Methodik auch Studierenden helfen,
die in Seminararbeiten einen Fokus auf Geschlechterstrukturen und -verhältnisse legen. Zuletzt lohnt sich die Lektüre auch für Nicht-Historiker:innen. Das Werk eignet sich für die Aneignung von Basiswissen im Bereich Gender sowie seiner historischen Konstruktion.
Buch: Scott, Joan W.: Gender and the Politics of History, New York 1988.