Ist Geschichte Fakt oder Fiktion, Wissenschaft oder Kunst? Auf was bezieht sich die Geschichtsschreibung? Woran kann man sie messen? Diese Fragen sind aufgrund unterschiedlicher philosophischer Ansätze, die man gemeinhin als postmodern bezeichnet, ins Zentrum der geschichtstheoretischen Diskussion gerückt. Die damit verbundenen Namen Hayden White und Michel Foucault versetzen Geschichtsforschende aller Zeitbereiche regelmässig in Furcht und Schrecken. Ihre Ansätze sind der Kritik ausgesetzt, die historische Referentialität gänzlich aufgegeben und Geschichtsschreibung der reinen Willkür ausgeliefert zu haben. Doch ist dem wirklich so? Dieser Frage geht Hans-Jürgen Goertz in seinem Buch Unsichere Geschichte: Zur Theorie Historischer Referentialität aus dem Jahr 2001 nach.
Goertz untersucht in Unsichere Geschichte vier postmoderne Ansätze, neben den schon genannten von Foucault und White auch diejenigen von weniger bekannten Autoren. Im Zentrum von Goertz’ Schrift steht die Frage nach dem historischen Referenten: Damit meint Goertz den Gegenstand, auf den Geschichtsschreibung sich bezieht. Im klassischen, positivistischen Geschichtskonzept des Historismus war dieser klar: Der historische Referent ist die vergangene Wirklichkeit, die Geschichtsschreibung soll «blos [sic!] zeigen, wie es eigentlich gewesen [ist]», wie Leopold von Ranke schreibt. Doch die Ansätze der postmodernen Denker lassen diese Gewissheit ins Wanken geraten.
Die Macht der Sprache
Hayden White, der im ersten Kapitel besprochen wird, richtet sein Augenmerk auf die vermittelnde Rolle der Sprache zwischen Subjekt und Objekt. Ohne Sprache lässt sich nichts über die Realität aussagen. In Bezug auf die Geschichte geht White auf die Unterscheidung zwischen Tatsache und Narrativ ein. Historische Tatsachen sind gegeben, doch diese lassen sich nicht verstehen oder vermitteln, ohne einen grösseren Kontext im Zusammenhang mit anderen Tatsachen aufzubereiten. Erst indem Historiker:innen den Tatsachen einen literarischen Zusammenhang geben, kann eine Erkenntnis daraus gezogen werden.
Geschichtswissenschaft analysiert demnach nicht einfach die Vergangenheit an sich, sondern deren Erzählung. Goertz führt dies weiter und zeigt auf, dass auch Tatsachen nicht ohne Interpretation existieren. Wir können uns der Vergangenheit nur durch das trennende Medium der Sprache, welches immer durch die Gegenwart definiert wird, nähern. So findet Goertz auch den historischen Referenten in Whites Theorie: Nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Gegenwart ist wegweisend für die Geschichtsschreibung.
Darauf folgt eine kurze Auseinandersetzung mit den Theorien von Frank Ankersmit und weiteren Geschichtsforschenden in der Tradition von White. Deren Ansätze versuchen, White abzuschwächen und einen historischen Referenten in der Vergangenheit zu retten. Diese Theorien lehnt Goertz jedoch ab, da sie sowohl die Einsichten Whites als auch das klassische Geschichtsbild des Historismus zusammenzuführen versuchen, was laut Goertz nicht möglich sei.
In einem weiteren Teil setzt sich Goertz mit Ansätzen von Michel Foucault auseinander. Eine zentrale Erkenntnis von Foucault ist, dass der Objektivitätsanspruch der modernen Wissenschaftlichkeit eine Illusion ist, da der Mensch nicht ausserhalb des Beobachteten steht und immer den Regeln des Diskurses folgen muss. Wichtig ist hier, dass die Geschichtsschreibung nicht ausserhalb der Geschichte steht, sondern nur aus der Geschichte heraus die Geschichte betrachten kann. Unsere Sicht auf die Vergangenheit ist immer geprägt durch die Diskursregeln der Gegenwart. Die historische Referentialität muss sich konstant verändern, da sich die Gegenwart konstant verändert.
Noch abstrakter wird es im folgenden Kapitel, in dem Goertz sich mit dem radikalen Konstruktivismus auseinandersetzt, der von einer kognitiv-sozialen Konstruktion der Wirklichkeit ausgeht. Aufgrund dieser kann man keine definitiven Aussagen über die Realität machen, sondern nur darüber, wie wir sie wahrnehmen. Alle kognitiven Prozesse, auch die Erinnerung, sind aus den Bedürfnissen der Gegenwart konstruiert. Wir finden mit historischer Hermeneutik also keinen vorhandenen Sinn in den Quellen, sondern wir geben ihnen einen, um gegenwärtigem Handeln Sinn zu verleihen. Somit ist Geschichtsschreibung vielmehr ein Versuch, eine künstliche Beziehung zur Vergangenheit herzustellen.
Ein neues Geschichtsbild?
Unsichere Geschichte ist ein kompliziertes Werk. Es ist sehr abstrakt und theoretisch, was sich durch die verschiedenen intertextuellen Referenzen zu komplexen Ansätzen nochmals verstärkt. Goertz gibt sich durchaus Mühe, diese verständlich zusammenzufassen. Es kann trotzdem schwierig sein, ihm zu folgen, wenn man die Autoren, auf die er sich bezieht, nicht kennt. Darum ist dieses Buch für die mündliche Prüfung im Bachelorstudium Geschichte vielleicht nicht ideal. Dennoch ist es wichtig, sich mit den Ideen von White, Foucault und dem radikalen Konstruktivismus auseinanderzusetzen. Goertz beschreibt diese Ideen ausgewogen und analysiert ihre Nützlichkeit für die Geschichtsschreibung sehr treffend. Auch wenn man die Schlüsse von Goertz nicht teilt, lohnt es sich, mit diesen Ideen zu ringen. So ist es zentral für Geschichtsstudierende, sich immer wieder die Limitationen einer objektiven Rekonstruktion der Vergangenheit vor Augen zu führen und zu fragen, wie wir die Geschichte heute sprechen lassen. Goertz’ Buch ist ein perfekter Einstieg für solche Überlegungen.
Buch: Goertz, Hans-Jürgen: Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität, Stuttgart 2001.