Wäre ich nicht bereits vom neongrünen Titel von Caroline Walker Bynums Buch überzeugt gewesen, dann hätte mich das monochrom-blaue Cover voller nackter Menschen gewonnen. Bynum, eine amerikanische Mittelalterhistorikerin, widmet sich in ihrer erstmals 1991 erschienenen Essaysammlung Fragmentation and Redemption: Essays on Gender and the Human Body in Medieval Religion komplexen Vorstellungen von Körperlichkeit und Spiritualität und deren Verbindungen zu Geschlecht und Identität. Bynum schreibt in ihren sieben Essays zu Körpern, deren Fragmentierung und Erlösung «provisorische» Geschichte. Sie sieht sich dabei als Autorin einer Komödie – dieser Erzählmodus eigne sich besonders, um mit der teils düsteren Materie umzugehen. Diese Art der Geschichtsschreibung biete «a new voice», einen neuen Modus. Sie meint, das sei «not so much a plea for treating history with a sense of humour (though it is that)». Bynum fordert vielmehr Folgendes: «The human condition requires us, both as historians and as human beings, to accept limitation, artifice, compromise and paradox in telling the story.»
Vom Fragment zum Ganzen
Das zentrale Thema des Buches ist die Fragmentierung und das Streben nach Ganzheitlichkeit. Dazu passt die Form des Buches – eine Sammlung von Essays, die unabhängig voneinander entstanden und inhaltlich nur lose miteinander verbunden sind. Fragmente, die zusammen ein Gesamtwerk ergeben. Auch der Erzählmodus, den Bynum hofft einzuhalten, passt dazu. Ein Drama, das schlussendlich doch im Guten (oder im Ganzen) endet. Sie findet sich sachte mit dieser unweigerlichen Unvollständigkeit ab und bietet trotzdem in ihren Texten eine sehr breite Auswahl an Themen.
Jesus ist weiblich
In den ersten drei Essays setzt sie sich mit Theoretikern des 20. Jahrhunderts auseinander. Sie kritisiert Victor Turners Theorie der Liminalität (Konzept des Schwellenzustandes eines Individuums oder einer Gruppe nach ritueller Lösung von geltender Sozialordnung), indem sie Heiligenviten von Frauen betrachtet und dabei eine Asymmetrie feststellt: Für Männer bedeutete die Wendung zu einem spirituell orientierten Leben eine grundlegende Umkehrung – für Frauen änderte sich im Vergleich zum weltlichen Alltag kaum etwas, wenn sie sich für ein spirituelles Leben entschieden. Im zweiten Essay nutzt sie Max Webers und Ernst Troeschels Interpretation von Askese als methodisches Vorgehen, um über das Verhältnis von weiblicher und allgemein christlicher Frömmigkeit zu sprechen. Im nächsten Essay widerspricht Bynum Leo Steinberg, der behauptet, die Genitalien Jesu werden so oft und gerne von den Künstlern des Spätmittelalters und der Renaissance abgebildet, weil seine männliche Sexualität seine Menschlichkeit repräsentieren würde. Bynum erwidert, dass der Körper Jesu mindestens genauso weiblich ist; Christus als Körper der Kirche, als Braut und umsorgende Mutter.
Doing history
Die theoretischen Diskussionen abgehandelt, widmet sich Caroline Walker Bynum mithilfe illustrierender Bilder vielfältigen Geschlechterfragen rund ums mittelalterliche Christentum. Beim Lesen höre ich sie geradezu von den Autorinnen schwärmen, die ihren Weg zu Gott nicht als «Männlichwerdung» bezeichnen, so wie es ihre männlichen Zeitgenossen tun, sondern sich auf ihre eigene Art Gott näherten: «Not by reversing what they were but by sinking more fully into it.» Bynum ist es wichtig, hervorzuheben, dass der weibliche Körper im Christentum mindestens genauso sehr mit Fruchtbarkeit und Vergänglichkeit assoziiert wurde, wie er sexualisiert wurde. Die von ihr und ihren Quellen verwendete Sprache bleibt aber, egal wie blutig und unsexy das Thema sein mag, sehr lustvoll. Die Kreuzigung Christi, der symbolische Kannibalismus eines Bischofs, der scheinbar an Maria Magdalenas Armknochen genagt hat oder der Verzehr des Leib Christi – noch heute in der katholischen Kirche Teil jeder Messe – werden als sehr körperliche und praktisch ekstatische Momente beschrieben.
Caroline Walker Bynum beendet ihr Buch, wie könnte es anders sein, wenn es um Körper geht, mit der Frage nach dem Tod. Sie fragt danach, was darauf mit uns beziehungsweise unseren Körpern passiert und inwiefern wir uns von den im Mittelalter vorherrschenden Vorstellungen gelöst haben. Wie würde der Herr, der sich so unglaubliche Sorgen über die Leichname von Heiligen und die Nabelschnüre von Babys gemacht hat, zu Organspenden stehen und wie stehen wir dazu, Fragmente unserer Liebsten auf andere Körper zu verteilen? Gibt es eine moderne Art der Auferstehung in- und ausserhalb des christlichen Glaubens? Und inwiefern leben Individuen nach dem Tod weiter?
Die Lektüre von Fragmentation and Redemption lohnt sich nicht nur, um sich Bynums Gedanken zu Beziehungen des Einzelnen zum Ganzen, zwischen Geschlechtern, zwischen Fragmenten, Körpern und Denkmustern einzuverleiben, sondern vor allem wegen ihrer Herangehensweise an die Geschichtswissenschaft selbst. Sie bezeichnet ihre Arbeit als «doing history» und sieht sich als Historikerin in einer aktiven Rolle, die nicht nur nacherzählt oder Fragmente sammelt. So lässt sich Bynum in ihrer Methodik von ihren Quellen inspirieren: «Why not take the notion of digesting and regurgitating fragments as a metaphor of the historian’s subject matter?»
Buch: Bynum, Caroline Walker: Fragmentation and Redemption. Essays on Gender and the Human Body in Medieval Religion, New York 1992.