etü: Was fällt dir ein, wenn du an dein Geschichtsstudium zurückdenkst?
Andreas Russenberger: Der Investiturstreit. Das war meine allererste Vorlesung. Der Saal war voll, denn in den Neunzigern war das Geschichtsstudium sehr populär. Ich bin zu spät gekommen und dann vor allen rückwärts vom Stuhl gefallen. Das Studium habe ich mir als Gymilehrer und Fussballtrainer selbst finanziert. Das war eine aussergewöhnlich dynamische Lebensphase, deshalb ist sie mir noch sehr präsent. Es war eine gute Zeit, alles ist aufgegangen und ich habe das gemacht, was ich machen wollte. Speziell war, dass ich im ersten Semester Vater wurde. Mein Studium habe ich dann ein Jahr pausiert. Insgesamt würde ich es wieder so machen und wieder Geschichte studieren.
Nach dem Studium bist du direkt zur Credit Suisse. Wie kam das?
Ich wollte einfach etwas Neues machen. Das ist mein Naturell. Ich war super gerne an der Universität. Aber nach zwanzig Jahren Schule wollte ich unbedingt etwas anderes machen und mich mit Leuten aus aller Welt messen. Dafür war ein Grosskonzern ideal. Und in Zürich waren dies in den Neunzigern die Banken. Im Studium konnte ich allen Problemen aus dem Weg gehen. Der Umgang war achtsam und verständnisvoll. In einem globalen Finanzkonzern ist das dann ganz anders. Dieses kompetitive Umfeld hat mich angezogen. Als ich nach dem Studium eine Stellenausschreibung bei der CS gelesen habe, musste ich es probieren. Als Historiker hatte ich gegenüber den Ökonom:innen wenig Chancen. Aber weil ich schon Lehrer war, bekam ich einen Job als interner Ausbildner für Anlagefonds.
Der Arbeitsmarkt für Studienabgänger:innen sah in den 80er- und 90er-Jahren anders aus als heute. Unabhängig vom studierten Fach entschieden sich viele Akademiker:innen für die Bankenbranche, weil das sehr attraktiv war. Warst du einer von diesen?
Ja, das war ich. Klar, wenn du Ärzt:in werden willst, dann studiere Medizin. Aber wenn du noch unsicher bist, was du genau machen möchtest, dann studiere das, was dich interessiert. Mach es mit Leidenschaft! Das gibt dir das nötige Selbstvertrauen, den Willen und den Antrieb. Das meiste lernt man sowieso on the job. Es werden motivierte Personen mit Selbstvertrauen gesucht. Selbstbewusste Philosoph:innen, die bereit sind, den nächsten Schritt zu machen, überzeugen viel mehr als jemand, der einfach mal VWL studiert hat und weniger motiviert ist. Mit 25 Jahren ist man in den Augen eines Grosskonzerns noch eine Knetmasse, die man formen kann. Heutzutage verstärkt KI diesen Effekt weiter. Reines Wissen bringt immer weniger. Man braucht Leute mit Problemlösungskompetenzen und das ist es, was man im Geschichtsstudium lernt. Als Historiker:in muss man sich nicht verstecken.
Dann war der Übergang in die Berufswelt gar nicht schwierig für dich?
Doch natürlich, am ersten Tag bei der CS hatte ich die Hosen voll! Aber man muss offen und lernbereit rangehen. Dann explodiert die Lernkurve regelrecht. Das Einzige, was ein:e Historiker:in in der Wirtschaft lernen muss, ist, sich nicht von komplizierten Fachformulierungen einschüchtern zu lassen. Dafür braucht man inhaltliches Wissen, in das man sich erst einarbeiten muss. Ich habe dann noch Management-Weiterbildungen an der HSG und der Universität Stanford gemacht. Mein Glück war, dass der Bankensektor unglaublich boomte. In einer absterbenden Branche Karriere zu machen, wäre viel schwieriger gewesen.
Du hattest kein inhaltliches Wissen im Bereich, den du unterrichtet hast?
Nein, null. Aber Banking-Wissen ist nicht sehr komplex. Wirklich nicht! Wenn du von Top-Leuten umgeben bist, kannst du dieses Wissen sehr schnell aufsaugen. Wenn du dann eine Führungsposition übernimmst, geht es sowieso um andere Sachen.
Für einen Historiker ist der Weg zur Bank aussergewöhnlich. Haben dich die Leute da auch mal schräg angeschaut? Und hast du als Vorgesetzter selbst Historiker:innen angestellt?
Ja, am Anfang wurde das schon von vielen belächelt, aber da musst du durch. Ich war der einzige Geisteswissenschaftler. Später, als ich dann selbst im Management war, haben sich bei mir keine Historiker:innen beworben. Ich war total offen für untypische CVs, aber es gab nicht sehr viele. Das liegt vielleicht auch daran, dass viele Historiker:innen die Nase rümpfen, wenn sie das Wort «Bank» oder «Karriere» hören.
Wie war die Stimmung in den Neunzigern?
Super! Damals hat man die Welt erobert! Alles war möglich. Es gab zwar viel Konkurrenz, aber im positiven Sinn. Es war unglaublich dynamisch, ich bin als Historiker innert sechs Jahren zum Managing Director aufgestiegen! Das ist heute wohl nicht mehr möglich. Compliance war damals weniger wichtig, man konnte vielfach tun, was man wollte. Mittlerweile ist die Stimmung in der Bankenbranche eher vorsichtig. Für Geisteswissenschaftler:innen ist es schwieriger. Ein:e Historiker:in denkt gern frei und kreativ. Das war für die Bankenbranche in den 90ern ideal. Heute wird alles viel stärker reguliert und industrialisiert. Dieses Gefühl der 90er gibt es heute eher in anderen Branchen. Das ist der Vorteil für Historiker:innen, man kann überall hin!
In den Medien hört man oft, Historiker:innen seien nicht ambitioniert.
Ist da etwas dran?
Nein, das ist völliger Blödsinn! Wo ist die empirische Beweisführung für so etwas? Aber sehen wir es doch positiv: Als Historiker:in hat man Gegenwind, aber das stärkt die Rückenmuskulatur. Man darf sich nicht unterkriegen lassen.
Wie blickst du als Historiker auf den Untergang der Credit Suisse ?
Der Untergang der Credit Suisse vor zwei Jahren hatte vor allem zwei Gründe: Einerseits waren das Management und der Verwaltungsrat schlecht. Andererseits gab es das Problem der path dependency. Der Wirtschaftshistoriker Hansjörg Siegenthaler hat dieses Konzept auch verwendet. Es sagt, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt sehr schwierig ist, von eingeschlagenen Wegen abzukommen, auch wenn sie sich als suboptimal herausstellen. Die CS kam viel besser aus der Finanzkrise als andere Banken. Man dachte, ihr Geschäftsmodell sei überlegen. Die Leute hatten nicht dieses historisch geschulte Denken, um zu erkennen, dass sich die Welt verändert hat. Die CS hat krampfhaft an ihrem Geschäftsmodell des globalen one bank approach festgehalten, während die Gewinne zurückgingen. Wenn ein Unternehmen da zu tief drin ist, kann man das Mindset und die Strukturen fast nicht mehr aufbrechen. Nach der Finanzkrise war es das Glück der UBS, dass sie so am Boden war. Im Gegensatz zur CS hat sie deshalb die Kosten reduziert, das Compliance verbessert und sich strategischer ausgerichtet. Sie hat überlebt, die CS nicht. Um die CS zu retten, hätte es einen grundlegenden Wandel gebraucht. Aber ein Erfolgsmodell rechtzeitig umzustellen ist viel schwieriger, als sich in der Krise neu zu erfinden. Die grössten Fehler passieren in diesen Phasen des Erfolgs. Krisen hingegen geben neue Chancen für Wachstum. Diesen Effekt sieht man auch in der Geschichte oft.
Hast du dem Paradeplatz auch aus Frust über die ausbleibenden
Veränderungen bei der Credit Suisse den Rücken gekehrt?
Nein, ich habe die Bank in einem guten Zustand verlassen, das galt auch für mich persönlich. Nicht dass es anschliessend wegen mir bergab ging, das war ein Zufall. Aber ich merkte, dass ich den «Pfupf» nicht mehr hatte, ein bisschen wie am Ende des Studiums. Ich brannte nicht mehr dafür und brauchte etwas Neues. Und wenn man die Freude verliert, dann muss man gehen. Natürlich nicht nach ein paar schwierigen Tagen, aber man tut sich und seinem Umfeld keinen Gefallen, wenn man in einer unbefriedigenden Situation verharrt.
Das braucht Mut.
Ja, das stimmt. Aber mehr Mut brauchte es, um mein erstes Buch zu veröffentlichen. Da steht nur dein Name drauf, nicht «Universität Zürich» oder «Credit Suisse». Wenn es den Leuten nicht gefällt, dann liegt’s an dir. Das ist knallhart. Was ich aber unbedingt wieder wollte, war dieses Gefühl des Neuanfangs. Wie beim ersten Studientag. Diese Energie, das Adrenalin. Man weiss nichts, aber die ganze Welt steht einem offen. Dieses Gefühl wollte ich mit dem Schreiben wieder erleben. Es war ein Schuss ins Blaue: Ich kannte keine anderen Autor:innen, hatte keine Ahnung, wie das Verlagswesen funktioniert. Die Leute dachten wahrscheinlich: Der spinnt. Aber ich hatte mich schon immer für Literatur interessiert. Ich wollte nur nicht der Banker sein, der sich noch ein bisschen literaturaffin gibt. Für Aussenstehende mag es eine Überraschung gewesen sein, dass ich zu schreiben begann, für mich selbst war es keine.
Für unsere Leser:innen klingt diese Entscheidung als Historiker wohl
etwas naheliegender als deine «erste» Karriere bei der CS.
Man könnte meine Zeit bei der Bank als Ausnahme bezeichnen. Trotzdem: Wer nach der Matur oder nach dem Studium direkt Schriftsteller:in werden will, steht vor grossen finanziellen Herausforderungen. Insbesondere wenn man Familie hat, vielleicht mal Urlaub machen möchte. Die meisten Schriftsteller:innen schreiben und arbeiten daher gleichzeitig noch in einem anderen Job. Oder man arbeitet bis Mitte 40 und beginnt dann zu schreiben, wie ich. Alles andere ist echt hart. Ich will nicht sagen, dass es unmöglich ist, aber der Markt ist klein und umkämpft. Vielleicht fehlte es mir an Mut oder Talent, um mir schon früher eine Karriere als Schriftsteller aufzubauen. Auch wenn ich schon immer von Literatur fasziniert war, nach dem Studium war für mich nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Nach dem Banking las ich dann viel Zeitung und fragte mich dabei: Was begeistert mich so sehr, dass ich es auch will? Zwei Themen taten dies: Interviews mit Bestsellerautor:innen und Berichte über Iron Man-Wettkämpfe.
Beides keine einfachen Ziele.
Ich kann nicht sagen warum, aber da spürte ich diesen tiefen Drang zu Schreiben und diese Wettkämpfe zu bestreiten. Die Autor:innen und Athlet:innen über die ich las, bewunderte ich und wollte unbedingt erreichen, was ihnen gelang. Und wenn man das spürt, dann muss man es machen. Wenn man dabei auf die Nase fällt, dann ist das halt eine Enttäuschung, aber dann hat man es wenigstens versucht. Lieber lerne ich zu einem Zeitpunkt, dass ein Wunsch unrealistisch ist, kann ihn beiseitelegen und etwas Neues probieren, als ihn ewig mit mir herumzutragen. Ich hatte Glück und konnte beides machen.
Geschichte studieren und Geschichten schreiben. Gibt es da Ähnlichkeiten im Arbeitsprozess? Hast du dich da mal zurückerinnert an dein Studium?
Ja, auf jeden Fall. Man lernt zu schreiben. Obwohl das Verfassen von Seminararbeiten methodisch wohl eher mit dem Schreiben eines Sachbuchs vergleichbar ist. Aber auch ein wissenschaftliches Werk kann gut geschrieben sein. Tobias Straumann oder Yuval Noah Harari machen das vor. In der Schweizer Geschichte gibt es Episoden, die man sogar in Romanform veröffentlichen könnte. So etwas würde ich eigentlich gerne mal machen. Sollte ich je ein historisches Buch schreiben, dann wird es humorvoll und die Fakten stimmen trotzdem. Ich glaube, es gibt eine Überschneidung zwischen wissenschaftlicher Literatur und Romanen. Natürlich ist ein fiktiver Roman nicht das Gleiche wie ein historisches Sachbuch. Trotzdem kann ein Roman auf Tatsachen basieren und eine geschichtswissenschaftliche Arbeit darf gut geschrieben sein oder mit einer Metapher veranschaulicht werden.
Informationen scheinen eher zugänglich, wenn sie in Geschichten verpackt sind.
Das Leben ist nur mit Geschichten verständlich. Das sieht man auch in Kriegen wie jenem in der Ukraine. Jede Seite will eine möglichst glaubwürdige Story erzählen. Kein Wunder ist in den Medien oft vom Schlagwort des «Narrativs» die Rede. In 20 Jahren, wenn sich der politische Lärm etwas gelegt hat, wird dieses Material dann von Historiker:innen untersucht. Aber auch in einer literarischen Geschichte kann das Geschehene vermittelt werden. Ein:e Schriftsteller:in würde sich dem Thema dann vielleicht über eine Liebesgeschichte zwischen einer Ukrainerin und einem Russen im Donbass nähern und so von den Gräueln erzählen. In meinen Büchern widme ich mich eher den dürrenmattschen Themen. Der innere Kampf zwischen Gut und Böse, das geht in eine psychologische Richtung. Der dünne Vorhang zwischen Wahrheit und Lüge, das ist fast schon theologisch. Eitelkeit und Gier, das gehört zum prototypischen Banker. Oder auch dem Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Diese Themen interessieren mich und ich verarbeite sie in fiktiven Geschichten, die an Orten spielen, die ich kenne.
Bisher war die Businesswelt oft Schauplatz deiner Krimis. In deinem neusten Buch Bellevue hast du die Eitelkeit an der Universität angesiedelt. Hast du das aus deiner Studienzeit so in Erinnerung?
Nein, aber solche Dinge gibt es überall. Da sind Banker:innen und Akademiker:innen nicht sehr verschieden. Im Banking ist vielleicht das Geld Zeichen von Erfolg. Bei Autor:innen sind es die verkauften Bücher oder das mediale Interesse. Schlussendlich geht es immer um das Streben nach Anerkennung und das kann in allen Bereichen ins Verderben führen. In Bellevue will ich zeigen, wie die Eitelkeit Einzelner zu einem Desaster führen kann.
Hast du beim Schreiben heute eine andere Art von Spass oder Freude an deiner Arbeit, verglichen zu deinem früheren Job?
Nein, bei der Veröffentlichung eines Buches verspüre ich heute die gleiche Freude, wie damals bei einem grossen Erfolg im Geschäft. Das Adrenalin und die Glücksgefühle überwältigen einen, genauso, wie wenn ich nach einem Triathlon ins Ziel komme. Aber die Freude ist natürlich nicht immer da. Auf dem Weg dahin kann es auch anstrengend sein. Wenn ich nicht schreiben kann, dann mache ich anderes. Hier in Arosa gehe ich dann zum Beispiel auf eine Skitour. Es kommt auch vor, dass ich wochenlang nichts schreibe und dann wieder sehr viel in kurzer Zeit. Aber auch wenn ich nicht schreibe, bin ich Schriftsteller. Oft denke ich über meine Arbeit nach, entwickle die Story weiter. Manchmal muss man sich dann auch wieder zum Schreiben zwingen. Das kann brutal sein, aber nur so erzeugt man das nächste Ergebnis. Ich brauche diese Wellenbewegung. Aber auch hier ist die Freude an der Arbeit zentral und vielleicht höre ich dann irgendwann auch wieder auf zu schreiben. Zumindest vier oder fünf weitere Bücher habe ich aber noch geplant.
Zum Schluss noch: Erfolgreiche Karrieren wie deine wirken oft sehr geradlinig und durchdacht. Kann ein Lebenslauf so geplant werden?
Im Nachhinein hat man oft selbst das Gefühl, dass sich ein roter Faden durch alles zieht, was man getan hat. Natürlich hätte alles auch ganz anders kommen können. Den ersten Job bei der CS hätte ich auch nicht bekommen können. Als ich dann mit dem Schreiben anfing, sagte ich mir, dass ich zu einem guten deutschen Verlag will. Das klappte am Anfang nicht, ich erhielt viele Absagen. Davon darf man sich nicht einschüchtern lassen, das muss man akzeptieren. Nach erfolgreicher Karriere und mit knapp 50 Jahren war das nicht ganz einfach für mich. Aber ich glaube, wenn man überzeugt ist von seiner Arbeit und auch Spass daran hat, dann kann man aus der Ablehnung auch Kraft schöpfen. Der rote Faden bei mir ist also eher: sich eine Chance geben, keine Angst vor Misserfolg haben und die Freude bewahren.
Zur Person
Andreas Russenberger (*1968) studierte Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Zürich. Nach 20 Jahren in einem globalen Finanzkonzern ist er 2017 Schriftsteller geworden. Seine Krimis spielen in Zürich, zuletzt erschien Bellevue. Russenberger lebt heute in Arosa.