Verhexter Kapitalismus

Wie aktivistisch darf Geschichte sein? In Caliban und die Hexe stellt Silvia Federici die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen in Zu­sammenhang mit dem aufkommenden Kapitalismus.

Seit dem letzten Frühlingssemester befindet sich das Werk der politischen Philosophin auf der Leseliste für die mündliche Prüfung im Bachelor. Der Titel verweist auf William Shakespeares Theaterstück The Tempest von 1611, in dem es um zeitgenössische Spannungen zwischen europäischen Unterdrücker:innen und rebellischen Indigenen und Hexen geht: Caliban – Canibal ist ein Anagramm davon – ist der Sohn einer Hexe und wird vom Zauberer Prospero versklavt. Er rechtfertigt Calibans Unterdrückung damit, dass «das Wilde» gebändigt und kultiviert werden müsse. Dieses klassische Argument kolonialer Unterdrückung, welches in der Renaissance seinen Ursprung hat, bildet den Ausgangspunkt von Federicis Analyse.

Kapitalismus als Gegenreaktion

Silvia Federici – Marxistin, Philosophin und Aktivistin – skizziert einen grundlegenden Überblick von Europa im 16. Jahrhundert: Es ist eine Zeit voller Krisen und sozialen Umwälzungen, inklusive einer heftigen Pestwelle, die die Bevölkerung dezimierte und die Machtverhältnisse auf den Kopf stellte. Die Bäuer:innenschaft sass zunächst am längeren Hebel, da die Elite abhängig von ihrer Arbeitskraft war, jedoch rissen die höheren Stände die Macht bald an sich. So schreibt Federici: «Wenn [die Proletari­er:innen] besiegt wurden, dann weil die feudalen Mächte – Adel, Kirche und Bürgertum – geschlossen gegen sie vorgingen, trotz aller traditionellen Zwistigkeiten. Was die feudalen Mächte einte, war die Furcht vor einer proletarischen Rebellion.» Das unterdrückte, verarmte Proletariat lehnte sich verzweifelt auf, meist waren die Aufstände von Frauen angeführt, bis es mühsam gelang, das Feudalsystem zu stürzen. Die Grossgrundbesitzer wandelten teilweise kollektiv genutzte Ländereien zu Privatbesitz um, um daraus auf Kosten der Unterschicht möglichst viel Kapital zu schlagen – für Federici die Geburtsstunde des Kapitalismus.

Repression und Rebellion

Federici beschreibt weiter, wie sich die Stellung der Frau in jener Periode massiv verschlechterte. Um die kapitalistische Produktion aufrechterhalten zu können, war Nachwuchs dringend nötig. Und die weiblichen Körper sollten diesen produzieren: «Nun wurde ihre Gebärmutter ein öffentlicher Ort, von Männern und dem Staat kontrolliert, und die Zeugung wurde unmittelbar in den Dienst der kapitalistischen Akkumulation gestellt.» Die Frau wurde entmenschlicht, ins Feld der Reproduktionsarbeit gewiesen und mehr als je zuvor als Besitz der patriarchalen Gesellschaft verstanden. Widerständige Frauen wurden als Hexen zum Tode verurteilt. Jeglicher Widerstand von Frauen gegen die ihnen zugewiesene Rolle als «Gebärmaschinen», beispielsweise durch Verhütung oder Abtreibung, stellte eine Bedrohung für das patriarchale Machtgefüge dar. Auch wurde die proletarische, weibliche Solidarität, so Federici, durch die institutionelle Verfolgung von Frauen als Hexen gespalten. Kirche und Machthaber machten das männliche Proletariat so zu ihren Komplizen. Mit dem Kolonialismus verbreitete sich die Hexenverfolgung auch in der «Neuen Welt». Auch hier wurden Frauen, die sich dem gewaltvollen europäischen Regime entgegenstellten, der Hexerei beschuldigt.

Kritik und Inspiration

In ihrem Werk erweitert die Aktivistin die Wahrnehmung des kapitalistischen Systems durch eine feministische Perspektive. Federici erklärt den Kapitalismus zur organisierten Unterdrückung marginalisierter Gruppen und bewertet diesen Vorgang als unmoralisch und ungerecht. Sie kritisiert etablierte Theorien, wie die von Marx und Foucault, weil diese die Situation der Frauen nicht berücksichtigen. Durch ihre interdisziplinäre Forschung und enge Arbeit an historischen Quellen stützt sie ihre These überzeugend: Die Entstehung des Kapitalismus war nur möglich durch die Unterdrückung der Frauen. Die Ausbeutung der reproduktiven Arbeit der Frauen ist bis heute ein zentraler und überlebensnotwendiger Bestandteil des Kapitalismus.

Die Autorin verheimlicht ihre politische Bewertung der Geschichte keineswegs. Dieser Aspekt stört das Gesamtwerk nicht, denn die Leser:innenschaft kann sich aufgrund von Federicis wissenschaftlicher Analyse eine eigene Meinung bilden. So spannend Federicis teils sehr steilen Thesen auch sind, bei der Lektüre irritiert des Öfteren ihre unscharfe, sprunghafte und teilweise schlicht ahistorische Handhabung von Begrifflichkeiten wie «Arbeiterschaft», «Bauernschaft», «Feudalsystem», «Proletariat» oder «Nation». Andererseits vereinfachen solche Begriffe das Verständnis von Federicis These durch bekannte Konzepte und Definitionen. Trotz der anspruchsvollen Sprache kann man das Buch kaum aus der Hand legen, da Federici neue Perspektiven liefert. Ihr ist es wichtig, klarzustellen, dass die Misogynie trotz des Endes der Hexenjagd fortlebt: «Die Hexenjagd ging im späten 17. Jahrhundert zu Ende, weil sich die herrschende Klasse ihrer Macht sicherer war, nicht weil sich eine aufgeklärtere Weitsicht herausgebildet hatte.» Caliban und die Hexe inspiriert
zu einer allumfassenden feministischen Lesart der Geschichte.

Buch: Federici, Silvia: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Wien 2017.