Im Zentrum steht die Schlacht bei Bouvines, im nördlichen Frankreich. Am 27. Juli 1214 siegte der französische König Philipp II. August über den römisch-deutschen Kaiser Otto IV. Zunächst klingt der Titel von Georges Dubys Klassiker nach militärischer Ereignisgeschichte aus dem Zeitalter des Historismus: Der Sonntag von Bouvines: 27. Juli 1214: Der Tag, an dem Frankreich entstand. Dieser Eindruck täuscht jedoch. Der einflussreiche französische Historiker veröffentlichte dieses Buch 1973 mit der Absicht, die historische Forschung voranzubringen und der bisher vorherrschenden Ereignisgeschichte eine longue durée-Perspektive gegenüberzustellen. Aus diesem Grund ist das Buch bis heute für die Historiografie wichtig und verteidigt seinen Platz auf der Lektüreliste seit Jahren erfolgreich.
Einen einzelnen Tag, der als Gründungsdatum für den französischen Staat gelten kann, sucht man in Dubys Buch vergebens. Stattdessen wird aufgezeigt, wie der 27. Juli 1214 durch seine Mythologisierung bis heute eine grosse Rolle im kollektiven Gedächtnis Frankreichs spielt. Ironischerweise verfasste Duby das Buch als Auftrag für die Reihe Trente Journées qui ont fait la France für den Verlag Éditions Gallimard. Darin sollten im klassisch historistischen Sinn Ereignisse vorgestellt werden, die langfristig zur Entstehung Frankreichs als Staat geführt haben. Duby umgeht in seinem Buch diesen Auftrag und will mit seiner Herangehensweise den methodischen Horizont seines Fachs erweitern. Der Sonntag von Bouvines avancierte zu einem Standardwerk zum französischen Mittelalter und löste gleichzeitig eine akademische Debatte über die Ausrichtung der modernen Geschichtsschreibung aus.
Mehr Erinnerung als Ereignis
Duby will die Schlacht und ihre Folgen nicht einfach für sich stehen lassen. Stattdessen zeigt er, wie Frankreich von der Erinnerung an das Ereignis mehr geprägt wurde als von der Schlacht selbst. Daher auch der Untertitel des Buches Der Tag, an dem Frankreich entstand.
Im ersten Teil («Das Ereignis») beschreibt Duby den Ablauf der Schlacht. Als Quelle nutzt er die Schrift Gesta Philippi Augusti des Chronisten Guillaume le Breton, welcher die Schlacht detailliert schilderte. Darauf aufbauend und literarisch erweitert, zeichnet Duby ein packendes Bild der Schlacht. Seine Beschreibungen lassen die Leser:innen beinahe selbst mit den Rittern in den Kampf ziehen.
Im zweiten Teil («Kommentar») analysiert Duby die Schlacht historisch und sozialwissenschaftlich. In vier Unterkapiteln erklärt er, was Frieden, Krieg, die Schlacht und der Sieg für die Gesellschaft im Mittelalter bedeuteten. Zum Beispiel zeigt er, dass Adlige dem Tod in einer Schlacht oft entkamen, da sie als Geiseln mehr wert waren. Im letzten Kapitel «Der Sieg» wird ersichtlich, dass der Sieg Philipps II. für die damalige Gesellschaft nicht einfach nur das Resultat seiner militärischen Dominanz gegenüber seinem Widersacher war. Vielmehr interpretierten die Menschen den Sieg als ein von Gott gefälltes Urteil, welches Philipp II. legitimierte. So bringt Duby der Leser:innenschaft geschickt die Lebenswelt einer Gesellschaft näher, die schon längst nicht mehr existiert.
Der dritte Teil («Legendenbildungen») beschäftigt sich mit der eigentlichen These Dubys, nämlich mit der Nachwirkung der Schlacht. Er zeigt, dass der 27. Juli 1214 für viele Zeitgenoss:innen keinen Epochenbruch bedeutete, wie das in der Forschung des 19. Jahrhunderts oft dargestellt wurde. Vielmehr wurde das Datum im Zug einer nationalen Geschichtsschreibung der Neuzeit mit grosser Bedeutung aufgeladen. Philipp II. wurde dabei zum Nationalhelden erklärt. Die Schlacht ist in der kollektiven Erinnerung Frankreichs verbreiteter, als es die Ereignisse und ihre Auswirkungen rechtfertigen würden. Man deutete den Sieg über den römisch-deutschen Kaiser Otto IV. in einen Sieg gegen «die Deutschen» um und interpretiert das Geschehene so, dass die Gründung der Republik auf dieses Ereignis zurückgeführt werden kann.
Die gesellschaftliche Wirkmacht
Obwohl Duby seine These gut belegt, arbeitet er zunächst ein wenig gegen sich selbst. Dass er sich für den ersten Teil («Das Ereignis») selber der unkritischen Quelle von Guillaume le Breton bedient, kann als Widerspruch gelesen werden. Insbesondere wenn er sagt, dass die Folgen der Schlacht und speziell Philipp II. später stark mystifiziert wurden.
Während Duby in den Kapiteln «Der Frieden», «Der Krieg», «Die Schlacht» und «Der Sieg» erklärt, was die Schlacht für Auswirkungen auf die Menschen jener Zeit hatten, versäumt er es, seiner Leser:innenschaft den Kontext der Schlacht näherzubringen. Es entsteht der Eindruck, dass sich Duby mehr für die gesellschaftliche Wirkmacht mittelalterlicher Schlachten interessiert als für den historischen Kontext, der zum Kampf führte. Die Teile über die mittelalterliche Gesellschaft sind deutlich ausführlicher als die Besprechung der eigentlichen These.
Das Buch überzeugt aber mit seiner verständlichen Sprache und der guten Quellenkritik. Speziell für angehende Historiker:innen dürfte es interessant sein, da Duby das historische Handwerk und seine Methodik deutlich und exemplarisch aufzeigt. Dabei verzichtet er auf schwierige Fachsprache und macht die Geschichte erlebbar, so dass das Buch auch für Nicht-Historiker:innen zugänglich und spannend ist. Ein Klassiker, der sich lohnt.
Buch: Duby, Georges: Der Sonntag von Bouvines: 27. Juli 1214: Der Tag, an dem Frankreich entstand, Frankfurt a.M. 1996.