«Idealerweise geht man in die Bibliothek und schwimmen»

Bild: Steffen Jänicke
Prof. Dr. Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum in Berlin, wuchs in Zürich auf und begann hier sein Geschichtsstudium. Bald zog es ihn in die Ferne. Es folgten Auslandaufenthalte und Tätigkeiten für verschiedene Insti­tute und Museen. Dem etü erzählt er, wie er den Einstieg ins Berufsleben erlebte, welche Stationen ihn auf seinem Lebensweg prägten und was Mut und Interesse für das Geschichtsstudium bedeuten.
etü: Herr Gross, wie kamen Sie zu Ihrer Studienwahl?

Raphael Gross: Ich habe zunächst mit Biochemie an der ETH angefangen, aber schnell gemerkt, dass mich Geschichte, Philosophie und Literatur mehr interessieren und habe den Studiengang gewechselt. Insbesondere Geschichte hat mich immer sehr interessiert, weshalb ich es dann als Hauptfach wählte.
Sie sind in Zürich geboren und aufgewachsen, haben aber auch in Berlin, Bielefeld und Cambridge studiert.

Was zog Sie ins Ausland?

Für mich war klar: Wenn man Geschichte studiert, ist es wichtig, auch einmal im Ausland zu studieren. 1988 ging ich zuerst nach Berlin, was mir sehr gut gefiel. Nach einem Jahr begann ich mich für ein Studium in einem englischsprachigen Land zu interessieren. Ich bewarb mich an verschiedenen Unis und wurde schliesslich in Cambridge am Trinity Hall College angenommen. Ich sah es als ein grosses Privileg, an einer

hervorragenden englischen Uni studieren zu können, auch wenn es teils schwierig war.
Inwiefern?

Ich fand es nicht so einfach, eine Geisteswissenschaft in einer Sprache zu studieren, die nicht meine eigene Muttersprache ist. Ich habe mich für Intellectual History (Ideengeschichte) interessiert und dort wird viel Wert auf Vokabular und sprachliche Genauigkeit gelegt. Über solche komplexen Themen in einer fremden Sprache zu schreiben, war für mich schon eine Herausforderung. Überhaupt war die Kultur dort eine ganz andere als an der FU Berlin oder der Uni Zürich. Die Zeit an der FU war eine wilde: Es gab Streiksemester und man konnte durcheinander studieren, was man gerade wollte. Diese ­Offenheit hat mir sehr gut gefallen. England war viel reglementierter.

Lag das auch daran, dass Cambridge eine Eliteuni ist, die viel auf sich hält und dadurch strenger ist?

Cambridge war einerseits unglaublich bereichernd. Ich hatte dort die Möglichkeit, verschiedene Lehrveranstaltungen bei einflussreichen Wissenschaftlern wie zum Beispiel dem Anthropologen Ernest Gellner oder dem Soziologen Anthony Giddens zu besuchen. Andererseits war es verglichen mit dem kontinentalen System stärker reguliert. Insbesondere Geschichte war in Tutorials organisiert, die 1:1 und nicht, wie in der Schweiz üblich, in grösseren Seminargruppen durchgeführt wurden. Das war für mich neu und zunächst auch gewöhnungsbedürftig.

Wo liegen in Ihren Augen die Vorteile an einem Studium im Ausland?

Erst mal beansprucht ein Wechsel viel Zeit: Man muss Geld auftreiben, einen Umzug organisieren, sich in einem neuen sozialen Umfeld einfinden. Aber dieses Neue kann unendlich bereichernd sein. Das heisst nicht, dass man nichts Neues lernt, wenn man am selben Ort bleibt. Aber die Kurve der Wissenserweiterung flacht etwas ab. Man lernt zwar immer noch dazu, aber es eröffnen sich nicht die gleichen Fragen, Kontexte und Herangehensweisen. An der FU, in Cambridge, in Bielefeld und später an der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde ich jeweils mit einer völlig neuen Welt konfrontiert – jedes Mal ein riesiger Gewinn.

Auch im Lebenslauf macht sich ein Auslandstudium sicher gut.

Das kommt noch dazu. Wenn ich jemanden einstellen soll und sehe, dass der- oder diejenige immer am selben Ort war, dann ist das nicht so attraktiv für eine:n Arbeitgebende:n, wie wenn die Person in den USA, in Grossbritannien, in Polen oder woanders war und dadurch einen anderen Horizont hat.
Was sind Eigenschaften, die in Ihren Augen für Historiker:innen unentbehrlich sind?
Das Fach ist so breit und man kann so unterschiedlich damit umgehen, dass ich es schwierig finde, eine einzelne Eigenschaft zu nennen. Es kommt eben darauf an, ob Sie sich auf einen bestimmten nationalen historischen Kontext oder eine Epoche spezialisieren, ob Sie Wissenschaftshistoriker oder Technikhistorikerin werden wollen. Entscheidend ist, dass man sich für Geschichte interessiert. (lacht) Die eigene Motivation ist das Wichtigste.

Es ist ja Fluch und Segen zugleich, dass das Studium ein so breites Berufsfeld eröffnet. Das kann sowohl inspirierend als auch angsteinflössend sein.

Ja, eine gewisse Angst diesbezüglich hatte ich im Studium auch. Das änderte sich erst mit meiner ersten Stelle. Vielleicht hilft einem die Angst aber auch. Sie zeigt einem, dass man besonders gut sein muss, um sich durchzusetzen, dass man darum kämpfen muss, sich mit Geschichte beschäftigen zu können. Geschichte ist ein Studium, in dem man wahnsinnig viel lesen muss und oft auf sich allein gestellt ist – das benötigt viel Selbstdisziplin. Dazu kommt, dass sich der Lernerfolg im Geschichtsstudium schlecht messen lässt: Ob man gestern weitergelesen hat oder schwimmen gegangen ist, ist nicht immer spürbar. Wichtig ist, dass man dranbleibt. Idealerweise geht man in die Bibliothek und schwimmen. (lacht)

Fiel es Ihnen jeweils schwer, den nächsten Schritt in Ihrer beruflichen Laufbahn einzuschlagen?

Manchmal ja und manchmal nein. Als ich das Angebot erhielt, das Jüdische Museum zu leiten, fiel mir der Wechsel von London nach Frankfurt unglaublich schwer. Durch ein Gespräch mit einer damaligen Doktorandin am Leo Baeck Institut kam ich dann aber auf die Idee, beides zu kombinieren. So habe ich zehn Jahre lang das Londoner Institut und das Jüdische Museum gleichzeitig geleitet. Andere Male fiel es mir weniger schwer zu gehen. Der Schritt von der Assistenzstelle in Bochum nach London ans Leo Baeck Institut ist mir zum Beispiel leichter gefallen. Es überwog die Vorfreude, ein Institut leiten zu können.

Was hat London und das Institut für Sie so besonders gemacht?

Die Menschen, die in London dieses Institut geprägt haben, wie Dr. Arnold Paucker, Professor Peter Pulzer, Professor John Grenville. Das waren alles Leute, die ja auch biografisch mit dem Thema der deutsch-jüdischen Geschichte eng verbunden waren. Und diese existenzielle Verbundenheit mit dem Thema, über das man forscht, das war besonders. Mit diesen Wissenschaflern gemeinsam zu arbeiten, das war schon eine sehr spezielle Situation. Das bedeutete mir viel. Ich fühlte mich ihnen sehr verbunden. Es fiel mir daher auch gar nicht leicht, wegzugehen. Insgesamt habe ich sehr gerne in Großbritannien gelebt und mich hat beeindruckt, wie man mit Konflikten umgeht. Die Annual Board Meetings waren fast die lustigsten Stunden, die ich am Institut verbracht habe. Diese Verbindung von Arbeit und Humor ist Teil der Brillanz, der Tiefe und Wahrhaftigkeit des Forschens. Das klingt vielleicht wie ein Klischee, doch so habe ich es erlebt an englischen Universitäten und das hat mich beeindruckt.

Welche Erfahrungen prägten Sie auf Ihrem beruflichen Werdegang am meisten?

Ich denke da an die Zeit, als ich ab 2001 Direktor am Leo Baeck Institut in London war und zum ersten Mal ein Institut leiten konnte. Aber eigentlich habe ich an allen Stationen Prägendes erlebt: Am Jüdischen Museum in Frankfurt nach 2006, am Fritz Bauer Institut und am Simon-Dubnow-Institut in Leipzig. Meine Tätigkeit hier am Deutschen Historischen Museum (DHM), wo ich schon seit acht Jahren Stiftungspräsident bin, ist insofern besonders, weil es für Historiker:innen nur wenige Stellen gibt, bei denen man mit einem derart grossen ­Themenspektrum zu tun hat: Ausstellungen, Objekte, Forschung, Mitarbeitende. Aber auch das Verhältnis von Geschichte zu Politik, von Ausstellungen zu Politik, zur Gesellschaft, zur Öffentlichkeit, zu Medien – meine Tätigkeit hier ist sehr herausfordernd und spannend. Rück­blickend kann ich sagen: Überall wo ich war, war es besonders für mich.

Was macht die Arbeit an Ausstellungen für Sie aus?

Anders als ein Aufsatz oder eine Monografie sind Museen dreidimensionale, visuelle Medien, die auch sinnliche und räumliche Eindruck hinterlassen. Das macht das Erzählen von Geschichte zu einer ganz eigenen Herausforderung. Vermeintliche Details – die Farbwahl, Begleittexte, wie viel Raum einem Objekt eingeräumt wird – haben einen riesigen Einfluss auf die Ausstellung. Die Wahl des Titels hat oft grosse Bedeutung für die Rezeption. Ein Beispiel: Als ich an das Deutsche Historische Museum kam, gab es bereits einen Arbeitstitel für eine Ausstellung: 200 Jahre Deutsche Sparkassen. Das war zu der Zeit, als die Eurokrise (und Wolfgang Schäubles Sparpolitik) sehr präsent war. Wir haben die Ausstellung dann Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend genannt. Sofort wurde die Ausstellung auch von The Economist und vielen internationalen Medien aufgegriffen, weil wir uns getraut haben, eine heikle Frage zum Thema zu machen: Ob es quasi nationale Prägungen gibt, die zu einem bestimmten Umgang mit Geld führen. Damit will ich sagen: Titel können eine Ausstellung und ihre öffentliche Wahrnehmung entscheidend präge. Zum Schluss möchte ich betonen, dass die Kuration von Ausstellungen immer Teamwork ist. Ohne die fantastischen Teams in allen Abteilungen des DHMs wäre keine dieser Ausstellungen möglich.

Als Historiker:in muss man sich stets auch mit der eigenen Voreingenommenheit und den daraus entstehenden Konflikten auseinandersetzen. Wie sollten Geschichtswissenschaftler:innen damit umgehen?

Geschichte ist insofern weit weg von den Naturwissenschaften, als dass die eigene Perspektive und Autor:innenschaft eine sehr dominante Rolle spielt. Das Subjektive ist natürlich davon geprägt, wo man herkommt, was man erlebt hat und wofür man Empathie empfindet und wofür nicht. Welche Themen findet man relevant? Welche Quellen wählt man aus? Insofern haben wir als Historiker:innen fast nur das sogenannte Vetorecht der Quellen, das uns davon abhält, einfach irgendeine Geschichte zu erzählen. Das Sich-Hinterfragen, ob man sich der Aufklärung genügend verpflichtet hat, um im weitesten Sinne die Wahrheit zu finden, ist eine besonders wichtige Aufgabe. Vielleicht ist das die intellektuelle Red­lichkeit. Da wir die Quellen nicht selbst reden lassen, sondern sie nutzen, um eine Erzählung zu formulieren, könnte man Geschichte irgendwo zwischen Kunst und Wissenschaft ansiedeln.

Würden Sie sagen, dass man zu einem soliden Ergebnis kommt, wenn man sich bewusst mit der eigenen Subjektivität auseinandersetzt?

Wenn Sie nicht eine reine Dokumentensammlung publizieren – und selbst da stellt sich die Frage, welche Dokumente Sie publizieren – interpretieren, bewerten und gewichten Sie immer. Da spielen subjektive Perspektiven immer eine Rolle: Wie viele Frauen kommen vor? Wie viele Alte, wie viele Arme, Reiche, Mächtige, Machtlose? Wie viele Personen, die nicht zu einer bestimmten Mehrheit gehören? Im Gespräch mit anderen Historiker:innen kann man gewisse eigene Voreingenommenheiten noch einmal revidieren, aber letztendlich werden Sie sich immer entscheiden müssen. Insofern wird sich das Subjektive nie ganz auflösen. Und das ist vielleicht auch das Schöne daran.

Zum Abschluss: Was raten Sie Geschichtsstudierenden, die den Einstieg ins Berufsleben wagen möchten?

Sie können als Historiker:in journalistisch arbeiten, in der Verwaltung oder bei der Regierung. Sie können ein Museum leiten, Kurator:in werden oder an der Uni bleiben, um Assistent:in zu werden. Sie können in Archive, Bibliotheken oder die Medienwelt gehen. Überall, wo es um die Erarbeitung von Hintergründen geht, sind Sie dafür ausgebildet. Das Berufsfeld ist breit und die entscheidende Frage ist aus meiner Sicht, was Sie interessiert. Insofern würde ich sagen, seien Sie nicht zögerlich, Ihre Interessen ernst zu nehmen und sie zu verfolgen.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Zur Person

Prof. Dr. Raphael Gross (*1966) wuchs in Zürich auf und ist Historiker, Stiftungspräsident und Museumsdirektor. Sein Forschungsschwerpunkt ist die deutsch-jüdische Geschichte, er promovierte 1997 in Essen mit seiner Arbeit Carl Schmitt und die Juden. Geschichte einer deutschen Rechtslehre. Von 2001 bis 2015 leitete er das Leo Baeck Institut, eine unabhängige Forschungsstelle für die Geschichte des deutschsprachigen Judentums und parallel dazu auch das Jüdische Museum in Frankfurt. Seit 2017 ist er Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum in Berlin.