«Wenn Frau will, steht alles still» – Der Frauenstreik 1991

Tamara Hanimann, Juni 13, 2019

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Die Forderungen des morgigen Frauen*streiks sind klar: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, mehr Teilzeitstellen, bessere Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Es sind unter anderem dieselben Forderungen, die bereits 1991 von 500’000 Frauen gestellt wurden. Der Frauenstreik 1991 war die grösste politische Bewegung des Landes und doch sind die kollektiven Erinnerungen – wie es scheint – verblasst. Was war eigentlich 1991 an der Uni und speziell im Historischen Seminar los? Eine kleine Retrospektive.

 

Der Frauenstreik 1991 entstand nicht im luftleeren Raum. Er war das Ergebnis eines intensiven Engagements, dessen Grundstein am 19. Oktober 1990 gelegt worden war. An diesem Tag entschied der Kongress des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes in Interlaken, dem Antrag für einen landesweiten Frauenstreik stattzugeben. Damit kamen die Vorbereitungen ins Rollen. Die Frauen forderten, den 1981 erlassenen Gleichstellungsartikel endlich in die Realität umzusetzen. Die von der nationalen und kantonalen Politik versprochenen Massnahmen zur Frauenförderung hatten bis zu diesem Zeitpunkt wenig Wirkung gezeigt, gerade auch an den Hochschulen. Im Jahr 1990 waren nur 3.6 % der Professuren in der Schweiz von Frauen besetzt.

Dies hatte auch an der Universität Zürich und an der ETH schon seit Jahren zu lauthalsen Protesten der Studierenden geführt. Vor allem die Studentinnen organisierten sich seit den frühen 1980er-Jahren in verschiedenen Gremien wie der Frauenkommission (FRAUKO) oder der AG Frauen. Sie stiessen in Auseinandersetzung mit der Uni- und ETH-Leitung immer wieder auf taube Ohren und sahen ihre Vorschläge zum Beispiel in der offiziellen universitären «Entwicklungsplanung 1991-95» nicht ausreichend umgesetzt

14. Juni 1991: «Wir haben Platz genommen»

Die Frauen an der Uni und ETH wurden also unter anderem durch fehlende Massnahmen von Seiten der Hochschulen politisiert. So hatte sich denn auch im Vorfeld des Streiks an der UZH und ETH einiges getan. Als Reaktion auf einen Brief des ETH-Rektors an den VSETH mit dem Vorschlag, Beratungsstellen für Studentinnen einzurichten, bildete sich die Vereinigung der ETH-Studentinnen, -Assistentinnen, -Dozentinnen und -Absolventinnen (VESADA). Sie vermuteten hinter dem Vorschlag weniger die Idee der Frauenförderung, sondern eine Zweckliaison zwischen der ETH und der Industrie, die um ihren Nachwuchs besorgt waren. Anfang der 1990er-Jahre kamen nämlich viele Hochschulmitarbeitende ins Pensionsalter, eine Emeritierungs-Welle stand bevor und junge Fachkräfte wurden gesucht.

Am Historischen Seminar, das zu diesem Zeitpunkt noch nie einen weiblich besetzten Lehrstuhl hatte, äusserte sich der Unmut unter anderem mit dem Ruf «Her mit den Professorinnen!», wie der etü im April 1989 titelte. Es wurde nach mehr Dozentinnen und Professorinnen verlangt, weil es an weiblichen Vorbildern fehlte. Gleichzeitig sollte die Frauen- und Geschlechtergeschichte ins Lehrangebot aufgenommen und grundsätzlich die universitären Strukturen verändert werden. In diesem Zusammenhang empfahlen die Assistierenden, Leitbilder für die Berufungskommissionen zu entwerfen, um der Unterrepräsentanz der Frauen entgegenzuwirken. Zudem änderte sich unipolitisch etwas. Eine neue Studentinnenpartei namens Amazora wurde gegründet. Die Gründerin und die Mehrheit der Mitglieder waren Historikerinnen. Amazora war die erste Gruppe, die sich explizit auch an lesbische Frauen richtete und diese zu repräsentieren suchte – zum Beispiel durch ihre Wahlliste 1991 für den Erweiterten Grossen Studentenrat.

Die Meinungen wurden vor dem Frauenstreik schliesslich auch medial kundgetan. In einer Sonderausgabe der Studierendenzeitung Zürcher Student/in (ZS) vom 10. Juni 1991 machten die verschiedenen Gruppierungen von der VESADA, der FRAUKO bis hin zum Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) ihre Position deutlich. Die Frauen an der ETH formulierten ihre Forderungen in einer Resolution mit dem Titel «ETH-Frauen wollen Taten sehen». Die Kernanliegen: Geschlechterparität in den Berufungskommissionen, erhöhte Vergabe von Lehraufträgen an Frauen und Erweiterung der Betreuungseinrichtungen für Kinder. Der Tenor an der Uni war derselbe: Die Hochschulen sollten endlich zu frauenfreundlicheren Orten werden.

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Am Streiktag selber war an der der Uni und ETH einiges los: Am Vormittag wurde mit violetten Ballonen der Unterricht gestört, es wurden Cüplis verteilt und Kundgebungen abgehalten. Kurz vor 12 Uhr bildeten die Frauen eine riesige Menschenkette zwischen Uni, ETH und Universitätsspital quer über die ganze Rämistrasse. Sie verbanden wortwörtlich die verschiedenen Institutionen miteinander. Weitere Aktionen sorgten für Schlagzeilen. Das Dozentenfoyer wurde besetzt, indem an sämtlichen Tischen streikende Frauen sassen. Auf einem riesigen Banner stand «Wir haben Platz genommen» in Anlehnung an die umgangssprachliche Wendung «Nehmen sie Platz, Madame». Es muss ein reges Treiben an diesem Tag geherrscht haben. Am Mittag gab es Picknick auf der Polyterrasse, während öffentlich die Resolution der ETH-Frauen verlesen wurde. Diese wurde hochfeierlich mit 1400 Unterschriften der ETH-Leitung übergeben, bevor sich die streikenden Frauen dem Sternmarsch zum Helvetiaplatz anschlossen. Gut übrigens, dass frau bereits gegessen hatte: Die von den Gewerkschaftsmännern eingerichtete Streikküche auf dem Kasernenareal hatte nämlich nur mit Suppe für etwa 700 Personen gerechnet – gekommen waren 15’000. Das übertraf sämtliche Erwartungen: Der Streik war gelungen.

2019: Und jetzt?

Seit dem Frauenstreik 1991 hat sich an den Hochschulen in Zürich einiges verändert. Es wurden Gleichstellungskommissionen eingerichtet und inzwischen sind über die Hälfte der Doktorierenden Frauen. In der oberen Hierarchiestufe sieht es aber immer noch anders aus: Nur 20.7% der Professuren sind an der UZH von Frauen besetzt.

Die Schwierigkeiten für eine Gleichstellung der Geschlechter im Uni-System sind also dieselben geblieben. Das hat auch eine aktuelle Diskussionsrunde im Rahmen der feministischen Aktionswoche am Deutschen Seminar im Mai 2019 gezeigt. Im Podiumsgespräch zu Frauen in der Wissenschaft wurden die Probleme deutlich. Nach wie vor sind die unsicheren Arbeitsbedingungen in den Postdoc-Phasen und die Selektionskriterien der Berufungskommissionen an den Hochschulen entscheidend für die Frage, warum es so wenige Professorinnen gibt. Gleichzeitig ist eine umfassende politische Einflussnahme schwierig: Zum einen, weil die Universitäten den Kantonen unterstehen; zum anderen, weil die einzelnen Hochschulen ihre Autonomie erhalten wollen: Man(n) will selbst bestimmen, wer auf eine Professur berufen wird.

Die Schauplätze sind die gleichen wie 1991, aber die Akteur*innen haben sich verändert. Inzwischen kämpfen professionalisierte und institutionalisierte Abteilungen an den Hochschulen um Veränderungen und um Ressourcen. Das generelle Engagement der Studentinnen* für Gleichberechtigung scheint hingegen abgenommen zu haben. Vielleicht auch, weil eine offensichtliche Diskriminierung durch Kommiliton*innen und Dozierende deutlich zurückgegangen ist. Dennoch planen zahlreiche Frauen* im Hochschulkollektiv und in anderen Organisationsformen eifrig mit. Denn: Das Ziel ist noch lange nicht erreicht, die Zahlen beweisen es.

In diesem Sinne: Wir sehen uns morgen – heraus zum Frauen*streik!

 


Bilder

Titelbild: Ausschnitt aus dem Programm des Frauenstreik-Komitees der UZH/ETH. Andere Bilder: Flyer des Aktionskomitees der ETH Frauen sowie: Ausschnitt aus der ZS-Titelseite vom 10.6.1991. Sozialarchiv: QS 04.6 C *Str, sowie: Staatsarchiv: III EEf 32: 12 Jg. 69 (1991).

Links zum aktuellen Streik:

Offizielle Homepage: https://frauenstreik2019.ch

Akademisches Manifest: https://www.feminist-academic-manifesto.org

Hochschulkollektiv Zürich: https://frauenstreikzuerich.ch/mitmachen/zuercher-kollektive/vernetzung-an-den-hochschulen/

 

Literatur:

Hetzer, Vita Alix: ‚Männeruni – Frauenfragen!‘. Die Auseinandersetzungen um die Gleichstellung an zwei Hochschulen, Zürich 2015.

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