«Meinen Job kann man nur machen, wenn man Geschichte studiert hat»

Interview von Sebastian Leitner und Leonie Rohner, Ausgabe 2019/I

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Sie glaubt an das gedruckte Buch – auch in Zeiten der Digitalisierung: Denise Schmid, die einen der wichtigsten Schweizer Verlage für Geschichtsbücher mitleitet: Hier und Jetzt. Sie erzählt, wie man von der Geschichtsstudentin zur Verlegerin wird – und warum sie dank einer Midlife-Crisis begann, auch selbst Bücher zu schreiben.

etü: Frau Schmid, lesen Sie alle Bücher, die der Hier und Jetzt-Verlag publiziert?

Denise Schmid: (Lacht) Ich bin jetzt seit gut zwei Jahren dabei und habe von den 450 Büchern, die in den letzten zwanzig Jahren erschienen sind, nur einen Bruchteil von vorne bis hinten gelesen. Ich lese aber natürlich alle Bücher, die ich selbst betreue. 

Was heisst das, «ein Buch betreuen»? Was muss alles passieren bis ein Buch veröffentlicht wird? 

In der Regel macht uns eine Autorin oder ein Autor einen Vorschlag. Wir bekommen ein Konzept, eine Idee, selten auch schon ein Manuskript. Wenn uns das Projekt interessiert und es zu unserem Verlag passt, laden wir die Person zu uns ein und besprechen, wie das Buchprojekt ablaufen könnte. Dann begleiten entweder mein Co-Verlagsleiter Bruno Meier oder ich den Prozess, bis das Buch veröffentlicht wird. Die Projektleitung ist der Kern unserer Arbeit. Man steht im Austausch mit den AutorInnen, sie schicken immer wieder etwas, das sie geschrieben haben und wir geben eine Rückmeldung. Wenn das Buch dann gedruckt vorliegt, ist PR-Arbeit gefragt – Vernissagen organisieren, Medienarbeit, Marketing-Aktivitäten. Wenn nicht über das Buch gesprochen wird, kauft es schliesslich auch niemand. 

Haben Sie inhaltlich überhaupt noch mit Geschichte zu tun, wenn sie vor allem Projektleitung und PR-Arbeit machen?

In der Begleitung der Bücher ist dieses Wissen sehr gefragt. Vor allem für die Beurteilung des Inhalts – «verhebet» das, was die Autorin oder der Autor schreibt? Ich würde sagen, meinen Job beim Hier und Jetzt-Verlag kann man nicht machen, wenn man nicht Geschichte studiert hat. 

Sie haben gesagt, die Autoren kommen auf Sie zu…

Meistens. Ab und zu entwickeln wir auch selbst Themen, wenn wir den Eindruck haben, dass im Programm noch etwas fehlt. Zum Beispiel waren «Schweizer Migrationsgeschichte» oder die «Schweiz im Kalten Krieg» Initiativen aus dem Verlag. 

«Geschichtsbücher für ein breites Publikum sind eine gute Nische»

Wollen Sie durch Ihre Themenwahl ein bestimmtes Geschichtsbild der Schweiz vermitteln?  

Politisch sind wir nicht festgelegt. Das sieht man auch an unserer Autorenschaft: Dort sind Leute aus einem breiten politischen Spektrum vertreten. Da haben wir eine relativ offene, liberale Haltung. Bei der Frage, was für eine Art der Geschichte wir vermitteln wollen, ist uns ganz wichtig, dass wir primär Bücher für den Buchhandel machen. Wir publizieren fast keine «Wissenschaft» mehr. Wir haben zwar noch eine Dissertationsreihe, aber die verkauft sich praktisch nicht mehr. Unser Anliegen ist es, Geschichte einem breiten Publikum nahezubringen. 

Das heisst, Sie verzichten weitgehend auf wissenschaftliche Publikationen, weil die sich schlecht verkaufen. Als Verlegerin sind Sie also auch Unternehmerin? 

Ja sicher. Unser Verlag muss selbsttragend sein. Wir suchen zwar für die meisten Bücher Drittmittel – das Budget eines Buches besteht meistens etwa zu einem Drittel aus Geldern von Stiftungen, Kantonen, Lotteriefonds und so weiter. Ohne sie könnte sich der Verlag nicht halten. Aber abgesehen davon versuchen wir schon, den Verlag ökonomisch zu führen. Wenn wir zu viel Minus schreiben, müssen wir den Laden zumachen.

Man hört ja immer wieder, dass der Buchmarkt in der Krise sei. Spüren Sie diesen Druck auch – zum Beispiel durch die Digitalisierung? 

Mit Geschichtsbüchern für ein breites Publikum haben wir eigentlich eine gute Nische. Und wir legen grossen Wert auf schöne Gestaltung. Wir spüren nicht wirklich einen Rückgang. Zwar haben wir das Programm in den letzten Jahren von 35 auf 25 Bücher jährlich verkleinert – im Moment läuft es aber zum Beispiel wieder besser als im letzten Jahr. Für wissenschaftliche Publikationen macht die Digitalisierung Sinn. Aber wir bedienen ein anderes Feld. In einem Buch kann man versinken, man ist im Dialog mit sich – das hat man mit dem Bildschirm nicht. Es ist eine andere Form des Lesens als in der Wissenschaft. Dort pickt man sich meistens heraus, was man will. Es sind verschiedene Ansprüche an das Geschriebene. Das Buch wird überleben.

«Wir hatten damals viel mehr Freiheit als heute. Wir mussten in keine Vorlesungen, es gab keine Punkte»

Vor ein paar Jahren haben Sie selbst angefangen, Bücher zu schreiben. Woher kam das Bedürfnis dazu? 

Schreiben war ja sozusagen schon immer mein Kerngeschäft. Bei der Winterthur-Versicherung habe ich als Redaktorin des Kundenmagazins gearbeitet und lange Zeit Fachartikel im Bereich Vorsorge und Gesundheit geschrieben. Auch später als Selbstständige habe ich Corporate Publishing für Geschäftsberichte oder für Mitarbeiterzeitungen gemacht. Das mit dem Bücherschreiben kam im Zug der Midlife-Crisis, so Mitte Vierzig. Da dachte ich auf einmal: Jetzt bin ich so weit in die Wirtschaft reingeraten, irgendwie habe ich doch einmal Geschichte und Literatur studiert (lacht). Ich habe dann gemerkt, dass ich das kann: diese lange Textform durchhalten. 

Sie haben ein Buch über Käsebauern und eines über die erste Herzanästhesistin der Schweiz, aber auch über das Opernhaus geschrieben. Was interessiert Sie an all diesen Themen? 

Das Buch über die Oper habe ich aus meinem persönlichen Interesse an klassischer Musik geschrieben. Am besten hat mir aber das Schreiben an der Biographie über Ruth Gattiker, der ersten Herzanästhesistin, gefallen. Das ist wirklich die Form von Geschichte, die wir auch hier im Haus leben – so geschrieben, dass es die Leute gerne lesen. Es ist eine persönliche Geschichte, verbunden mit Schweizer Geschichte, Medizingeschichte und Frauengeschichte. Dieses Buch brachte mich auch zu Hier und Jetzt. 

«Ich habe nicht ganz daran geglaubt, dass man mit Geschichte viel machen kann»

Vor der Arbeit im Verlag waren Sie ja unter anderem bei Grossfirmen wie eben der Winterthur oder auch Siemens und als Selbstständige tätig. Erfinden Sie sich gerne neu?

Kann man das so sagen? Die Wendungen in meinem Lebensweg waren eigentlich nicht so bewusst. In den Grossfirmen hatte ich zwar spannende Aufgaben und habe gut verdient – darüber sollten sich Historikerinnen und Historiker übrigens auch ab und zu Gedanken machen (lacht). Aber in diesen Strukturen habe ich als Person etwas gelitten. Ich habe gemerkt, dass ich Freiheit und Unabhängigkeit brauche. Also habe ich 15 Jahre lang selbstständig gearbeitet. Ich konnte ein breites Netzwerk mitbringen. Und mit den Kindern liess sich diese Arbeit auch gut vereinen. Das mit der Wendung zum Verlag kam erst, als ich die ersten Bücher schrieb. Ich bin sozusagen meiner Passion gefolgt, und die hat mich hierhergeführt. 

Sie sind also über Umwege zum Verlag gekommen. Wie wird man sonst als Historikerin zur Verlegerin?

Der klassische Weg läuft über das Lektorat. Unsere Lektorinnen und Lektoren haben in der Regel Geschichte studiert und kommen über die Arbeit am Text zum Verlag. Dass sich dann daraus mehr ergibt, hat mit der einzelnen Person zu tun. Es gibt auch Lektoren, die wollen nur mit ihrem Text zu tun haben und nicht noch Vernissagen organisieren oder Budgets erstellen. Um Verlegerin zu werden, braucht es sicher auch noch etwas Zusätzliches – zum Beispiel eine Ausbildung im Bereich Kulturmanagement. Ich habe eine Weiterbildung in Public Relations und Journalismus und auch mal ein halbes BWL-Studium gemacht – also kann ich eine Bilanz lesen.

Was heisst das, ein halbes BWL-Studium? 

Ich hatte während des Studiums immer etwas Panik, was aus mir werden soll und habe nicht ganz daran geglaubt, dass man mit Geschichte viel machen kann. Darum habe ich daneben noch BWL gemacht. 

Hat sich das ausgezahlt?

Nein, irgendwann habe ich aufgehört. Ich fand Geschichte viel spannender. 

«Die Vorstellung, dass das Studium heute mit ECTS-Punkten abläuft, ist für mich ein Horror!»

Finden Sie, Geschichtsstudierende machen sich zu wenig Gedanken um ihren beruflichen Werdegang? 

Ich denke, es ist schon wichtig, sich zu überlegen, wo man hinmöchte und Praktika zu machen. In der Regel ist auch eine Zusatzqualifikation nach dem Studium eine gute Idee. Das Geschichtsstudium befähigt einen, sich in einem grossen Berg von Material zurechtzufinden und auf den Punkt zu bringen, was wichtig ist. Das hat mir immer genützt. Aber es gibt natürlich auch viel Anderes, das man dann in der Arbeitswelt auch braucht und im Studium nicht lernt. 

Wenn Sie an Ihr eigenes Geschichtsstudium zurückdenken – was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders geblieben?

Ich ging sehr gerne in die osteuropäische Geschichte zu Carsten Goehrke. Das war die geistige Nahrung, die mich angeregt hat. Er ging an Fragen anders heran und hat sich manchmal Sachen getraut, die sich andere nicht getraut hätten. Zum Beispiel fragte er einmal: Gibt es einen Volkscharakter? Und kann man als Historiker eine solche Frage aufgrund der Quellen irgendwie beantworten? 

Was war damals anders als heute?

Ich glaube wir hatten damals viel mehr Freiheit als heute. Diese Freiheit und das grosse Vertrauen in die Studierenden hat mich fasziniert – dass wir nicht studieren mussten, sondern durften. Wir mussten in keine Vorlesungen, es gab keine Punkte. Die Vorstellung, dass alles heute mit Punkten abläuft, ist für mich ein Horror!


Zur Person

Denise Schmid ist seit 2016 Verlegerin bei Hier und Jetzt, einem Schweizer Verlag für Kultur und Geschichte. Zuvor war sie lange selbständig im PR-Bereich tätig. Bis 1994 studierte sie Geschichte und Anglistik in Zürich und Berlin, danach absolvierte sie in München ein Nachdiplomstudium in Public Relations und Journalismus. (Bild: zvg.)

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