Extreme Zeiten

Valentin Rubin, Ausgabe 2016/I

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KLASSIKER DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT

Das «Zeitalter der Extreme» – der grösste Teil des 20. Jahrhunderts – hat nie dagewesene Verwüstun- gen in weiten Teilen der Erde hervorgebracht, gleichzeitig aber auch enorme technische Innovationen gefördert. Als Kind dieses Jahrhunderts geht Eric J. Hobsbawm den Ereignissen des 20. Jahrhunderts auf den Grund. Er will erklären, weshalb die Dinge jenen Lauf genommen haben, den sie nahmen.

 

Nur von wenigen Historikern kann man behaupten, dass sie so scharfe Kritiker und zugleich Chronisten der eigenen Zeit gewesen sind, wie von Eric Hobsbawm. Der britische, marxistisch orientierte Historiker setzt mit seinem Werk Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts ein Zeichen gegen die von ihm am Ende des Jahrhunderts wahrgenommene, fehlende historische Erinnerung. Symbolträchtige Daten wie der 28. Juni, der 1914 den Beginn des Ersten Weltkrieges markierte, würden nicht mehr beachtet. Selbst Studierende der Geschichtswissenschaft seien sich teilweise der Existenz eines Ersten Weltkrieges nicht mehr bewusst: «Die Historische Erinnerung war [1992] nicht mehr lebendig. […] Das lässt Historiker – deren Aufgabe es ist, in Erinnerung zu rufen, was andere vergessen haben – am Ende des Jahrhunderts noch wichtiger werden als je zuvor.»

Seine Mitgliedschaft bei der britischen Kommunistischen Partei bis zu deren Auflösung 1991; die Prägung durch seine ereignisreiche Jugend in Wien und Berlin, wo er aus nächster Nähe Hitlers Machtergreifung miterlebte; seine überzeugte Arbeit als Marxist und Historiker, durch die er Geschichtswissenschaft jahrzehntelang von links aufmischte – all das geht auch aus dem Zeitalter der Extreme hervor, wobei Hobsbawm stets einen nüchternen Standpunkt über die Ereignisse beibehalten kann.

Kritik am Jahrhundert des Kapitalismus

Hobsbawms 20. Jahrhundert beginnt 1914 mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges und endet 1991 mit dem Niedergang der Sowjetunion. Historische Ereignisse halten sich, so Hobsbawm, nicht strikt an Jahreszahlen, sondern vielmehr an zusammenhängende Zeitperioden mit grundlegenden Einschnitten in gesellschaftliche Entwicklungen als Eckpunkte. Deshalb diese Eingrenzung des «Jahrhunderts». Er unterteilt das 20. Jahrhundert ferner in drei prägende Zeitperioden: das «Katastrophenzeitalter» (1914-1945), darauffolgend das «Goldene Zeitalter» (1945 bis zur Mitte der 1970er-Jahre), und schliesslich der «Erdrutsch», der den schleichenden Auflösungsprozess der UdSSR sowie das Ende des «Zeitalters der Extreme» im Jahr 1991 beschreibt. Durch diese Gliederung schafft es Hobsbawm zwar, das Jahrhundert in weitgehend sinnvolle Zeitabschnitte zu fassen, seine Unterteilung greift aber stellenweise auch etwas zu kurz. So waren die 50er- und 60er-Jahre keineswegs ein durchgehend goldenes Zeitalter, fanden doch beispielsweise der Krieg in Korea oder derjenige in Vietnam in diesen Jahren statt. Zudem waren unter Stalins und Maos Herrschaft unzählige Tote zu beklagen; Hungersnöte sowie politische und wirtschaftliche Krisen plagten weite Teile Asiens, Afrikas und Südamerikas.

Doch Hobsbawm argumentiert nicht vorwiegend in politischer Hinsicht. Vielmehr interessieren ihn wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge. So macht er im 20. Jahrhundert drei grundlegende gesellschaftliche Transformationen aus. Einerseits sei die Welt nach 1918 nicht mehr eurozentriert gewesen. Zweitens habe die zunehmende Globalisierung den gesamten Globus mehr und mehr zu einer Funktionseinheit gemacht. Drittens konnte einer Auflösung der alten sozialen Beziehungsstrukturen nicht mehr Einhalt geboten werden. Der immer stärker aufkommende Individualismus habe die Welt zu einer «unzusammenhängenden Ansammlung von egozentrischen, der Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse nachjagenden Individuen» gemacht. Dass Hobsbawm an dieser Stelle auf eine Kritik am Kapitalismus abzielt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dieser habe nämlich die Weltwirtschaftskrise von 1929 erst möglich gemacht und in der Folge die noch bedrohlichere politische Krise hervorgebracht, die in der Machtübernahme des Faschismus gipfelte.

Das sozialistische Gesellschafts- und Wirtschaftssystem – mit der Russischen Oktoberrevolution als für Hobsbawm wirkungsmächtigstes Ereignis des 20. Jahrhunderts – habe es hingegen dem Westen erst möglich gemacht, den Zweiten Weltkrieg gegen Hitlers Deutschland zu gewinnen. Und «weil sich die Sowjetunion paradoxerweise gegen die Grosse Depression immun zeigte, sollte sie auch den Anstoss dazu geben, den orthodoxen Glauben an die freie Marktwirtschaft zu revidieren.» Das dominierende kapitalistische Wirtschaftssystem – dasjenige System, das sich trotz seiner Probleme das ganze Jahrhundert hindurch gehalten hatte –, sollte gemäss Hobsbawms Argumentation nämlich grundlegend geändert werden: «Wenn die Menschheit eine Zukunft haben soll, kann der Kapitalismus der Krisenjahrzehnte keine haben.»

Dass der «real existierende Sozialismus» aber ebenfalls keine Zukunft hatte, ist bekannt. Dennoch schreibt Hobsbawm das Versagen des sozialistischen Modells der Sowjetunion weniger eigenen Systemmängeln zu, sondern er konstatiert, «dass die realsozialistischen Wirtschaften […] die wirklichen Opfer der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise werden sollten.» Nicht aber weil sie unmittelbar davon betroffen gewesen seien, sondern vielmehr weil sie sich vor allem gegen Ende des Jahrhunderts vermehrt in das westliche, kapitalistische Markt- system integriert hätten. Dies habe letztlich der eigenen wirtschaftlichen Grundlage jegliches Weiterleben verunmöglicht.

Einen Schritt weiter geht Hobsbawm mit der These, dass erst der Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Russische Revolution möglich gemacht habe. Und «ohne die Oktoberrevolution bestünde die Welt (ausserhalb der USA) heute [1994] wahrscheinlich eher aus einer Reihe von autoritären und faschistischen Varianten.» Folglich lässt es sich nicht abstreiten, dass Hobsbawm seine Ideale des Kommunismus offen in seinem Werk darlegt. Dennoch setzt er sich über die Gräueltaten Stalins und Maos hinweg und kritisiert ihre Schandtaten und Vorgehensweisen, ohne aber selbst mit dem Kommunismus zu brechen.

Hobsbawm setzt einiges an Wissen über das 20. Jahrhundert voraus. Er argumentiert auf der Basis dieses Wissens in historischer, wirtschaftlicher, soziologischer, psychologischer, politischer und kultureller Hinsicht, wieso sich die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts so zugetragen haben, wie sie es taten. Dabei zeigt er gewaltige Fortschritte auf, nicht zuletzt den Innovationsschub in Wissenschaft und Technik. Dennoch sind für ihn der «Abbau des zivilen Fortschritts des 19. Jahrhunderts und [die] Renaissance der Barbarei, die sich wie ein schwarzer Faden durch das Buch [ziehen]», nicht zu vernachlässigen. Kurzum: enorme Fortschritte und massive Krisen lassen keinen anderen Begri zu als den eines «Zeitalters der Extreme».

 


Literatur

  • Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 2014. (Orig. engl. 1994)

 

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