Die Nation – Bedingung oder Erfindung der Moderne?

Roman Brauchli, Ausgabe 2014/I

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KLASSIKER DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT

In Das Europa der Nationen ergründet der tschechische Historiker Miroslav Hroch das Phänomen der Nationenbildung in Europa. Dass es verschiedene Formen von Nationen gibt und ihre Entstehungsbedingungen und -geschichten sehr unterschiedlich ausfallen, zeigt er in seinem Werk, das eine Sythese der bisherigen Forschung beinhaltet.

Für ein Mitglied einer Gemeinschaft, die sich als Willensnation versteht, liegt die doppeldeutige Bedeutung des Begriffs «Nation» auf der Hand. Während im «Willen» der aufgeklärte Bürger angesprochen wird, kann in letzterem Teil jene existentielle Bedeutung der eigenen Identität suggeriert sein, die vielleicht bloss das trügerische Konstrukt nationalistischer Agitation ist. Gerade von dieser Zweideutigkeit ist der historische Nationsbildungsprozess gekennzeichnet, der allenfalls nur die ambivalenten Errungenschaften der Moderne überhaupt widerspiegelt. Diesen spezifischen Zusammenhang des 19. Jahrhunderts herauszuarbeiten hat sich Miroslav Hroch zum Ziel gesetzt. Im Sinne einer synthetischen Darstellung des Phänomens Nationsbildung ist dann die Dialektik der Moderne vorgezeichnet, die Hroch für den Nationsbildungsprozess eindrücklich darzustellen weiss. Es gibt eben nicht nur jenes eine Narrativ der Grande Nation, sondern auch antimoderne Motive der nationalen Agitation: Insbesondere Nationalbewegungen, die sich von einer die Moderne bejahenden Staatsnation abgrenzen wollten, nahmen daher zuweilen antimodernistische Züge an.

Dem Hintergrundgedanken der Reihe Synthesen entsprechend versucht Hroch eine Synthese der bisherigen Forschung zu liefern und die europäische Nationsbildung vergleichend zu überblicken. In diesem Sinn ist Hrochs Buch eine lesenswerte Einführung ins Thema, der es ob der Allgemeinheit der Perspektive manchmal vielleicht an Tiefe fehlt. Das ist im Sinne eines Überblicks selbstverständlich kein Mangel, doch angesichts der Tatsache, dass die wichtigsten Erkenntnisse auf den ersten hundert Seiten (Kapitel 1 und 2) enthalten und mit der in der Einleitung eingeführten Unterscheidung zwischen Staatsnation und Nationalbewegung die weiteren Ausführungen im Wesentlichen angedeutet sind, ist das dritte und längste Kapitel doch etwas enttäuschend. Das dritte und letzte Kapitel fragt nach den Akteuren des Nationsbildungsprozesses und deren Interessen, die sie zur Bekennung zum nationalen Prinzip bewegten. Während das erste Kapitel eine abstrakte Diskussion des Forschungsgegenstandes bietet, fragt das zweite Kapitel nach den historischen Bedingungen, die jene eigentümliche Verknüpfung zwischen Moderne und Nationsbildung herstellten. Damit sind dann aber auch die wesentlichen Koordinaten für das letzte Kapitel vorgegeben, die das Handeln der Akteure gemäss der in den vorigen Kapiteln bereits behandelten unterschiedlichen historischen Ausgangslagen vorausahnen lassen.

Verschiedene Ausgangsbedingungen der Nationsbildung

Hrochs Blickwinkel wendet sich gegen ein starres Schema des Nationsbildungsprozesses, dem Frankreich oder England als Vorbild dienen. Diese beiden Nationen entwickelten sich aus bereits bestehenden staatlichen Einrichtungen, verfügten über eine komplexe soziale Struktur mit einer politischen wie akademischen Elite und ein differenziertes System sozialer Kommunikation durch bürokratisierte Formen politischen Handelns, staatliche Schulen und eine intensive Pressetätigkeit, die eine politische Öffentlichkeit wie ein alphabetisiertes Publikum voraussetzten.

Demgegenüber hatten sich Nationen nicht herrschender Ethnien gegen eine politische Elite erst zu formieren. In solchen Gemeinschaften existierte meist eine geringere Intensität der sozialen Kommunikation wie auch oftmals das Bewusstsein, Angehöriger einer Nation zu sein, erst geschaffen werden musste. Der Zusammenhang zwischen nationalem Bewusstsein und dem Bestehen einer informierten politischen Öffentlichkeit macht den grundsätzlichen Zusammenhang des Nationsbildungs- und des Modernisierungsprozesses deutlich. Das Einfordern der Bürgerrechte und das Bestehen auf der politischen Gleichheit setzte ein grundlegendes Mass an politischer und historischer Bildung voraus, das nur durch intensivierte Formen der sozialen Kommunikation zu erreichen war. Solche Formen waren aber auch eng verknüpft mit dem Industrialisierungsprozess, im Zuge dessen intensivere Marktbeziehungen zwischen Stadt und Land entstanden, dazu ein ausgebautes Eisenbahnnetz wie auch schnelle Postverbindungen, die einen schnelleren Personen- und Schriftverkehr ermöglichten. Gegen eine monokausale Erklärung, die den Nationsbildungs- prozess bloss als Folge der Industrialisierung versteht, gibt es jedoch empirische Belege. So entstand auch dort nationales Bewusstsein, wo die Wirtschaft keine industrialisierte Form annahm, wie etwa in Litauen, Finnland oder Serbien.

Staatsnation und Nationalbewegung

Die Unterscheidung zwischen Staatsnationen und Nationalbewegungen, die Hroch im ersten Kapitel zunächst abstrakt einführt, bezieht sich auf diese unterschiedliche Ausgangslage des Nationsbildungsprozesses. Während sich in Frankreich das klassische Beispiel einer Staatsnation findet – andere Beispiele sind England, Spanien, Portugal, Dänemark –, unterscheidet sich der Nationsbildungsprozess zum Beispiel der Tschechen – oder der Letten, Esten, Finnen, Serben, Rumänen und Bulgaren – fundamental. Die Tschechen hatten sich nämlich erst gegen bestehende staatliche Institutionen, eine «fremde» Herrscherdynastie – in diesem Fall die Habsburgermonarchie – und eine deutsche Elite durchzusetzen. Als demonstrativer Protest gegen den dynastisch legitimierten Herrschaftsanspruch Österreich-Ungarns organisierten tschechische Patrioten während des Besuchs Kaisers Franz Josephs in Prag 1868 Ausflüge aufs Land ausserhalb Prags. Dagegen verlief der Nationsbildungsprozess in Frankreich entscheidend durch die Agitation einer neuen bürgerlichen Elite gewissermassen «von oben». Sie brachte das nationale Prinzip erstmals in der Französischen Revolution gegen die traditionale Herrschaft des Ancien Régime in Stellung.

Die Nation als Ergebnis des Nationalismus?

Die Unterscheidung zwischen Staatsnation und Nationalbewegung bildet den Leitfaden des ganzen Buchs, durch sie bleiben unterschiedliche historische Phänomene und Prozesse auf den gemeinsamen Gegenstand der nationalen Identität und deren Herausbildung beziehbar. Hroch wendet sich mit dieser Unterscheidung auch gegen eine verbreitete These, die die Herausbildung der modernen Nation bloss als Folge des Nationalismus verstehen will, der die Gemeinschaft und Identität der Nation imaginierte. Gegen diese Interpretation des Nationsbildungsprozesses hat Hroch mindestens zwei Einwände. Zum einen spiele die Unterscheidung zwischen Konstruktion und Realität von Identität insofern keine Rolle, als dass die Identifizierung mit der Nation reale historische Konsequenzen zeitigte. Zum anderen – und das ist freilich der entscheidende Einwand – sollte vom historischen Standpunkt aus nach den spezifischen Bedingungen gefragt werden, die gerade bei Anbruch der Moderne jene allgemeine europäische Entwicklung der Nationsbildung ermöglichten.

Realität und Imagination

Keine blosse Imagination waren bestehende Sprachgemeinschaften. Gerade die Sprache entfaltete dort aber auch ein politisches Potenzial, wo eine ethnische Minderheitenelite über Angehörige einer anderen Sprachgemeinschaft und einer niedrigeren sozialen Schicht herrschte, beispielsweise die Schweden in Finnland. Aber auch in Staatsnationen übernahm die Sprache im Rahmen der Schulbildung und der Kodifizierung der Sprache und im Zuge der Einführung der Schulpflicht eine politische Rolle für die soziale Disziplinierung. Stellt man allerdings die Frage, inwieweit selbst die einheitliche Sprachgemeinschaft erst das Ergebnis nationalistischer Agitation war, wird nach der Historizität des Gegebenen selbst gefragt. Eine gemeinsame Geschichte zu haben und diese zu kennen, ist denn gemäss Hroch auch eine zweite Bedingung der Nationsbildung.

Wenn Mythos und Geschichtsschreibung allerdings ineinanderfliessen, wird die imaginative Dimension des Gegebenen offenbar. Das soll nicht heissen, dass Geschichte «blosse» Konstruktion ist. Doch der doppeldeutige Begriff der Nation hätte es angeboten, einen differenzierteren Begriff des Kultu- rellen anzuwenden, der jenen Raum zwischen Ausgangslage und Agitation genauer bestimmt hätte. Dann wäre nämlich das dritte Kapitel auch interessanter ausgefallen.

 


 

Literatur

• Hroch, Miroslav: Das Europa der Nationen. Die moderne Nationsbildung im europäischen Vergleich, aus dem Tschechischen von Eližka und Ralph Melville, Göttingen 2005, (Synthesen. Probleme europäischer Geschichte 2).

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