Die Geschichte einer Hassliebe – Russische Revolutionäre und die Schweiz

Sven Bonnard, April 7, 2017

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Russen in der Schweiz. Die meisten denken da wohl an Pelzmäntel in St.Moritz oder von Oligarchen gesponserte Grossprojekte. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts reichten die schweizerisch-russischen Verbindungen aber viel tiefer.

Die Ausstellung «1917 Revolution. Russland und die Schweiz» im Landesmuseum in Zürich ist nichts für Leute mit wenig Zeit. Alleine in den Teilen, welche sich explizit mit den Verknüpfungen und Streitereien zwischen Russland und der Schweiz beschäftigen, kann man sich leicht verlieren. Und das ist erst knapp ein Drittel der Ausstellung. Gut, dass die Ausstellung immer wieder Sitzgelegenheiten bietet, um die Füsse hochzulegen, ohne sich dabei von den vielen Informationen abwenden zu müssen. Aber beginnen wir von vorne.

Den Start der Ausstellung könnte man auf den ersten Blick mit einer Kunstausstellung verwechseln. Es werden Bilder der russischen Avantgarde zur Jahrhundertwende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert gezeigt. Die Bilder sind mit Texten zu Veränderungen in der russischen Gesellschaft dieser Zeit umrahmt. Neben den Bildern sind Schriftstücke und Bücher aus der selben Zeit ausgestellt. Das Kunstschaffen wird hier als ein Abbild einer Gesellschaft präsentiert, welche zunehmend mehr freiheitliche und individualistische Ideologien in ihr Weltverständnis aufnahm.

Fast noch mehr Eindruck als die Kunstwerke im ersten Raum machen die Prunkstücke russischer Adelsfamilien – darunter auch der Zarenfamilie – welche sich im nächsten Ausstellungsteil befinden. Die russischen Adeligen, ein kleiner aber überaus wichtiger und mächtiger Teil der Russischen Gesellschaft in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, werden hier präsentiert. Informationstafeln an den Wänden und auf digitalen Geräten neben den Ausstellungsstücken beschreiben den Lebensstil und den Pomp dieser Bevölkerungsschicht. Mit Filmen und Tonaufnahmen wird das Ganze lebendig gestaltet. Leider wird Nikolaus II als letzte Zar, welcher für die kurz darauffolgende Revolution eine zentrale Figur ist, etwas gar knapp abgehandelt: mit nur einem kurzen Lebenslauf und einem Filmausschnitt.

Neben dem vielen Gold und den glänzenden Farben der Adeligen geht der nächste Ausstellungsteil etwas unter: er beschäftigt sich mit der kleinen Bürgerschicht und der riesigen und oft verarmten Bauernschicht im russischen Imperium. Das scheint auf den ersten Moment schade, ist aber doch passend für die russische Gesellschaft vor der Revolution. Mittels Bilder und einer Karte wird in diesem Teil nicht nur die Armut gezeigt, sondern auch das russische Imperium als Vielvölkerreich verbildlicht.

Nach einer riesigen Zeittafel, welche die Ereignisse rund um den Petersburger «Blutsonntag» von 1905 und weiter bis vor den Beginn der Revolution aufzeigen, führt die Ausstellung zum ersten Mal in die Schweiz. «Die Schweiz war für viele Russen ein attraktives Exilland: einerseits dank ihrer Neutralität, andererseits auch landschaftlich», sagt Kuratorin Pascale Meyer gegenüber dem etü. Das galt nicht nur für die bekannten Revolutionäre rund um Lenin. Es studierten auch viele Russinnen in der Schweiz, da hier Frauen weltweit als erstes als Studentinnen an den Universitäten zugelassen waren. Verschiedenste Veranstaltungen der internationalen Kommunisten fanden in der Schweiz statt. Lenins Rückkehr nach Russland während dem Ersten Weltkrieg war überhaupt nur möglich dank Geheimverhandlungen mit der deutschen Regierung. Diese Verhandlungen waren von Schweizer Politikern eingefädelt worden – zum Missfallen der Schweizer Regierung, die befürchtete, dass dies als Neutralitätsbruch angesehen werden könnte. Informationen wie diese sind zusammen mit Ausstellungsstücken in einzelnen ‚Häusern’ untergebracht. Wie Kuratorin Pascale Meyer bestätigt, «repräsentieren diese ‚Häuser’ verschiedene Schweizer Ortschaften, in denen viele Russen lebten, wie zum Beispiel Genf oder Zürich. Aber auch verschiedene Themen: ein Haus ist dem Thema ‚Zimmerwald’ gewidmet, eines der Abreise Lenins. Genf war für die Russen besonders attraktiv, da viele Personen aus der Russischen Oberschicht Französischunterricht erhielten.» Als Einzelperson lernt der Besucher neben Lenin vor allem den Schweizer Kommunisten Fritz Platten kennen, welcher eine wichtige Figur in Lenins innerem Kreise war.

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Lenin in den Schweizer Medien. Vor der Revolution wurde er kaum wahrgenommen. Quelle: Schweizer Illustrierte Zeitung, Nr. 50, zvg vom Landesmuseum.

Nach einer weiteren grossen Zeittafel, welche die Ereignisse rund um die Revolution 1917 aufzeigt, begibt sich die Ausstellung zurück nach Russland. Es geht mitten in die bürokratische Einöde des von Lenin aufgebauten Staates. Wer einmal die Verfilmung von Orwells 1984 gesehen hat, dürfte hier wohl ein Déjà-vu Erlebnis haben. Dieser Ausstellungsteil ist in Grau gehalten und Dutzende graue Tische und Stühle sind in Reih und Glied angeordnet. Jeder dieser Tische dient als Schaukasten mit Ausstellungstücken und erläuternden Texten zu den frühen Jahren der Sowjetunion bis hin zu den ersten Jahren nach Stalins Machtübernahme. Der Raum ist vollgepackt mit Informationen zur Parteiorganisation, Propaganda und speziellen Ereignissen, wie zum Beispiel der Hungersnot von 1932.

Im nächsten Raum herrscht wieder eine etwas lockerere Stimmung. Hier wird die Kunstszene innerhalb der Sowjetunion behandelt. Diese war stark von der Parteiideologie bestimmt und wurde vom Staat vorgegeben. Realismus und die heroische Abbildung von Arbeitern sind zentrale Elemente. Auch eindrückliche Gebäudekonzepte sind hier zu bewundern.

In einem düsteren Tunnel wird das Gulag-System, welches schon vor dem 2. Weltkrieg aufgebaut wurde, behandelt. «Wir wollten damit den Leuten nach dem Kunstteil auch nochmals die dunkle Seite der Sowjetunion vor Augen führen», sagt Kuratorin Pascale Meyer.

Zum Abschluss kehrt die Ausstellung nochmals zurück in die Schweiz. Dieser Teil beginnt mit dem Landesstreik von 1918. Fälschlicherweise wurde damals sowjetischen Gesandten vorgeworfen, dass sie diesen Streik organisiert hatten. Sie wurden deshalb des Landes verwiesen. Das führte zu erheblichen Spannungen zwischen der Schweiz und Russland und die diplomatischen Beziehungen waren danach bis 1946 unterbrochen.

Die gesamte Ausstellung wird mit interaktiven Tablets begleitet, auf welchen der Grossteil der Erläuterungen zu den Ausstellungstücken zu finden sind. Alle Texte sind auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch verfasst. Laut Kuratorin Pascale Meyer sind rund die Hälfte der Ausstellungsstücke Leihgaben aus russischen Museen: «Viele der Stücke wurden noch nie in einem Schweizer Museum gezeigt.» Eine eindrückliche Leistung, wenn man bedenkt, dass genau 100 Jahre nach der Revolution das Landesmuseum wohl kaum das einzige Museum ist, das eine Ausstellung zum Thema lanciert. Die Ausstellung ist äusserst umfassend und ein interessierter Besucher sollte ein paar Stunden einrechnen. Während die russlandbezogenen Teile der Ausstellung wohl für viele Interessierte zwar viele Informationen, aber nur wenig Überraschungen bereithalten, sind die Schweizer Teile mit vielen weniger bekannten Geschichten gefüllt.


 

Titelbild: Ausstellungsplakat «1917 Revolution. Russland und die Schweiz», zvg vom Landesmuseum.

Eintritt 10 Franken (8 Franken ermässigt), bis 25.6.2017.

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