Es folgt der Heiratsantrag

Florianne Ammann, August 1, 2018

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Nach ein paar Wochen Geschichtsstudium glaubte unsere Autorin noch, es handle sich um blindes Verliebtsein. Doch nun hält ihre Freude am Fach noch immer an. Und so ist sie zum Schluss gekommen: Dieses Mal, ja dieses Mal muss es die wahre Liebe sein.

Im zweiten Semester des Geschichtsstudiums wird man sozusagen aus der realen Welt verdrängt und mit einem leichten Stoss in die Welt der Bücher hineingeschubst. Zugegeben: Ich bin gern freiwillig gesprungen.

Man liest sich durch aberhunderte von Seiten geschichtlicher Forschung, um in der letzten Semesterwoche schliesslich eine mündliche Prüfung darüber abzulegen. Dann wartet man einige Minuten als nervöses Frack vor der professoralen Stube, um dann in fünfzehn Minuten möglichst viel, möglichst objektiv Wichtiges über den Inhalt der Bücher wiederzugeben. Die Zeit der ProfessorInnen ist wertvoll und – jawohl – auch teuer, ich weiss, aber es wäre doch schön, hätte man eine halbe Stunde oder mehr Zeit, um die Unterhaltung zu führen. Denn man hat zwar selbst viel gelesen und gelernt, doch das Gegenüber mit dem Professorentitel weiss stets noch einiges mehr, das man gerne hören würde. Die Kritik also gleich zu Beginn, damit wir uns nun den Freuden des letzten halben Jahres widmen können. Angehörige anderer Fachrichtungen (oder selbst der eigenen) haben wahrscheinlich ohnehin nur ein müdes Lächeln dafür übrig, wenn eine Studentin wagt, einen wertvollen Austausch als Anspruch an eine Prüfung zu stellen.

Ein bunter Haufen

Man stellt sich ja die Geschichtsstudis für gewöhnlich so vor: meist in der Bibliothek, selten auf einer Party anzutreffen. Entweder am Studieren oder Demonstrieren – für gewöhnlich sozialistisch, wenn nicht gar anarchistisch. Idealisten und Träumerinnen samt und sonders. Das Schöne daran: Nichts von alledem und zugleich alles ist wahr. Klar: So einen gewissen gemeinsamen Nenner gibt es schon – weder ein bekennender Trump-Fan noch ein offener Nazi-Sympathisant wären mir bisher begegnet. Aber wir sind ein bunter Haufen. Ja, wirklich: Von der Haarfarbe bis zum politischen Couleur sind die unterschiedlichsten Nuancen dabei. Was uns eint ist die Leidenschaft für Geschichte – nicht die Geschichte an sich, sondern ihre unterschiedlichen Facetten, Wahrnehmungen, Gegenstände und methodischen Ansätze. Die Geschichten in der Geschichte eben. Und was uns auch eint, ist eine Stärke fürs Zuhören, eine Freude am Diskutieren und der Wille, die Gegenwart ein wenig besser verstehen zu wollen. Es fällt jedenfalls leicht, sich hier wohlzufühlen.

Was mittlerweile auch klargeworden ist: dass ich die Jahre des Geschichtsstudiums wohl hauptsächlich mit zwei Beschäftigungen verbringen werde. Und zwar mit Lesen und Schreiben, gepaart mit einer gesunden Portion Interpretieren und Verstehen. Kurz gesagt: Etwas Besseres kann ich mir nicht vorstellen. Wem das Spass macht, wer nicht aufhören kann, Fragen zu stellen und Antworten zu verwerfen, dem- oder derjenigen wird auch die Beschäftigung mit der Geschichte auf Lebenszeit nicht verleiden können.

Eine Warnung und ein Antrag

Es wäre nun vielleicht ein gerechtfertigter Einwand, von mir einen etwas weniger subjektiv geprägten Bericht über dieses vollendete erste Studienjahr zu verlangen, aber darauf will ich antworten, dass der eigentliche Sinn dieser wenigen Zeilen ein anderer ist. Einen kurzen Einblick sollen sie geben, aber vor allem eine Warnung sein.

Eine Warnung nämlich vor der ungeheuren Anziehungskraft der Geschichte, gegen welche man völlig machtlos ist. Man sollte sich zuvor also besser zweimal überlegen, ob man diesen Weg einschlagen will. Ansonsten droht vielleicht ein ähnliches Schicksal wie das meine. Erst Hals über Kopf verliebt und dann nach einem Jahr an dem Punkt angekommen, wo man sich ganz sicher ist: Ohne die Geschichte will ich nicht mehr sein und so steht der Hochzeit und dem gemeinsamen Leben nichts mehr im Weg.

 

Bild: Karikatur von 1885. (Quelle: Wikimedia Commons.)

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