Wikipedia-Orientierungslauf

Robin Schenkel, Januar 8, 2018

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Für viele ist Wikipedia das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Land, in dem die Zeit auf rätselhafte Weise verschwindet. Und ein Land, in dem verschlungene Wege einem entführen und von einer Themenwelt in die nächste katapultieren. Ein Erfahrungsbericht von etü-Neuzugang Robin Schenkel.

Graenlendingar Mittelalterliche Warmzeit Speleothermen Tropfsteine Travertin Jiuzhaigou Tibet japanisch/chinesischer Krieg Japan.

17 Minuten.

Und wieder Japan, wie immer.

Verdammt.

Der Endpunkt einer jeden Wikipedia-Recherche.

Meinerseits zumindest – warum, weiss ich nicht.

Wikipedia weiss es auch nicht.

Als ob es eine Sportart wäre – wie viel muss ich heute lesen, bis ich in Japan aus meinem Delirium erwache und mich frage, was ich hier tue und warum und wie ich hier gelandet bin? Wie viele Wikipedia-Stationen werde ich heute aufsuchen, nachdem ich mich bereits bei der ersten gnadenlos verlaufen habe?

Dabei stellt Japan bei mir aus einem mir unbekannten Grund das Ziel dar, der Realisierungspunkt, der Ort des Erwachens: bei Japan weiss ich, dass ich jetzt sicher und garantiert nicht mehr dort bin, wo ich eigentlich sein sollte. Das Ziel des Wikipedia-Orientierungslaufs, oder, wahrscheinlich ehrlicher: Der Punkt, an dem ich merke, dass ich gerade innerhalb von 15 Minuten eine Viertelstunde verschwendet habe.

Dabei wäre doch noch eine Arbeit zu den Wikingersiedlern in Grönland zu schreiben und die Idee nur gewesen, sich in möglichst kurzer Zeit ein akzeptables Grundgerüst dazu aufzubauen. Doch die blaue Schrift, die sich vom sie umgebenden Schwarz und Weiss abhebt ruft danach berührt zu werden. Eine weitere Information, ein weiteres Puzzlestück. Wenn es doch nur Verweise wären, die zum Thema passen würden, auf etwas deuten, das noch nicht klar ist, etwas erklären würden.

Nein, zumindest bei mir ist es viel zu oft etwas, das einfach interessant klingt, aber weit, weit vom eingeschlagenen Weg wegführt. Ein Monster, das nur darauf wartet, neugierige Nutzer zu fressen.

Wikipedia ist gerade im Geschichtsstudium eine absolute Hassliebe. In der dritten Stunde des ersten Proseminars heisst es, Recherche müsse den wissenschaftlichen Standards entsprechen. In der Essenz bedeutet das: Wagt es nicht, das auf Wikipedia nachzuschlagen, beim Kreuze, nein, das wäre Häresie. Der Tod der seriösen Recherche, der wissenschaftlichen Redlichkeit, der echten Arbeit. Wikipedia beratschlagen kann jeder, und die Weisheiten von Wikipedia sind nicht so wahr, nicht so echt, wie wenn man im Keller einer Bibliothek sitzt, dort wo nur noch Neonlicht, Stille und ein paar Staubkörner hausen, eine der letzten Exemplare eines schon lange vergessenen Buches in den Händen hält und die reine, pralle Weisheit daraus aufsaugt.

Und trotzdem, vielleicht gerade deshalb, ist Wikipedia überall, nur einen Klick entfernt, einfach, immer dabei, wohlportioniert. Das Fastfood unter den historischen Lexika, leicht und leicht zu haben. Oberflächenwissen, nicht mehr und nicht weniger. Was man aber auch nicht unterschätzen sollte.

Denn die meisten Artikel auf Wikipedia sind gut, sie sind sogar sehr gut. Mit grosser Sorgfalt geschrieben, von anderen Nutzern überprüft und durchleuchtet. Man sieht es den meisten Artikeln an, ob sie seriös sind oder nicht. Sieht, wie viele Leute daran gearbeitet und über was sie diskutiert haben. Meistens wird man sogar in der Kopfzeile gewarnt, wenn ein Artikel nicht komplett vertrauenswürdig ist und ansonsten macht es einem Wikipedia wirklich leicht zu kontrollieren, woher die Informationen stammen und inwiefern man ihnen vertrauen kann.

Die vielen Einzelnachweise in den Fussnoten sind oftmals eine Goldgrube: das dazugehörende Tiefenwissen, genau die zitierfähigen und zitierwürdigen Quellen, die man zu diesem Thema suchte. Es wirkt fast so, wie wenn Wikipedia vieles einfacher machen würde. Wenn man es dann einmal schaffen würde, länger als fünf Minuten beim gleichen Thema zu bleiben. Dies hier soll keine Lobeshymne für Wikipedia sein. Aber es scheint doch fast eine geworden zu sein.

Darum: Seid sportlich, wagt das Abenteuer! Fragt Wikipedia irgendetwas und schaut, wohin ihr getragen werdet. Spielt mit beim Wikipedia-Orientierungslauf. Lasst euch einfach in der Bibliothek oder im Hörsaal von niemandem über die Schulter schauen, sonst könnte jemand auf die Idee kommen, ihr würdet Wikipedia tatsächlich zur wissenschaftlichen Recherche benutzen.

Arbeit adee, ich bin dann mal weg, wir sehen uns in Japan wieder, mal schauen, wie lange es diesmal dauert.

Apropos: Todsünde Haupttugend Konfuzianismus Japan.

Zwei Minuten, vier Stationen.

Versucht das mal zu schlagen.

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